Donnas Schreibprojekt

Ab Dienstag ohne Sybille

Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal…
Nein, wirklich nicht, sein Gedächtnis ließ ihn jämmerlich im Stich.

Es musste Jahre oder gar Jahrzehnte her sein, dass  Bernd sich so verloren vorgekommen war. Er, der sonst immer die Lösung für alles auf Knopfdruck parat hatte, war mit dieser Situation schlichtweg überfordert. Da war nicht sein Metier. Seine Stärken lagen eindeutig anderswo.

Wie an jedem Morgen war er auch heute, nichts ahnend, in die Küche geschlurft und wollte sich im Halbschlaf einen ersten Kaffee eingießen. Dabei fiel ihm auf, dass es seltsam still war im Haus. Was war das? Kein Kaffee fertig? Das rote Lämpchen an der Kaffeemaschine leuchtete nicht? Kaputt? Und dann sah er ihn liegen, den großen weissen Zettel auf dem Küchentisch der so einiges erklärte: “Bin für paar Tage weg. Muss hier einfach mal raus und mir über einiges klar werden. Bitte forsche nicht hinter mir her. Ich melde mich ab und an. Küss die Kinder von mir. Gruß Sybille“

Der Schlag saß. Er musste sich erstmal setzen. Was sollte das heissen? „….Bin für paar Tage weg…“ War sie jetzt völlig durchgedreht? Wie sollte das denn gehen?

Gerade als er das dachte, wurde er durch Türenschlagen und Geschrei in der oberen Etage aus  seinen Gedanken gerissen. Oliver und Emilia stritten sich mal wieder lautstark, wer zuerst ins Bad durfte. „Blöde Kuh, immer musst du dich da einschließen. Ich sag’s Mama. Mamaaaaaaaaa!!!!! Die lässt mich nicht rein und ich muss aufs Klo!!!!!“

Bernd sprintete nach oben um den Streit zu schlichten, aber er konnte bei dem Gezeter der Kinder sein eigenes Wort nicht verstehen. Als er sie endlich dazu gebracht hatte mal für nen Moment den Mund zu halten, erklärte er ihnen, dass Mama für paar Tage weg musste und er deshalb von zu Hause aus arbeiten würde. Er sagte ihnen auch, er würde während dieser Zeit sicher manchmal stundenweise in die Firma fahren müssen, wäre aber sicher, dass sie drei das gemeinsam mit ein bisschen gutem Willen ganz gut hinkriegen würden. Prompt stimmten die Kinder wie aus einem Mund ein Klagelied an: „Wie, Mama ist nicht da? Wo ist sie denn hin? Wann kommt sie denn wieder? Papa, was essen wir dann heute? Dürfen wir Pizza bei „Da Genaro“ bestellen?“

Fragen über Fragen. Auf die entscheidende hatte Papa Bernd selber keine so rechte Antwort.  Nur in der Bestellung einer Pizza zum Mittagessen sah auch er eine recht gute Lösung. Jedenfalls erstmal für heute.

 Später dann das Frühstück. Oliver weigerte sich, etwas anderes zu essen als Nutella und verschmierte trotzig die Marmelade auf der Tischplatte. Emilia maulte rum, weil die Milch für die Cornflakes alle war und sie ebenfalls Toast mit Marmelade essen sollte. Bernd war stolz, weil er sogar an die Schulbrote gedacht hatte. Aber die Kinder ließen diese postwendend zurück gehen. Oliver reklamierte, dass da nicht die Wurst mit dem Gesicht drauf war und Emilia befand Leberwurst als eindeutig zu fetthaltig. 

Als sie gerade das Haus verlassen wollten, damit Papa sie zur Schule fahren konnte – sie waren bereits sehr spät dran – sah er noch rechtzeitig, dass Emilia wieder diese knappen Jeans und das unsägliche bauchfreie Top anhatte. Es war ein ungeschriebenes Gesetz: Das Teil war nur in der Freizeit erlaubt und niemals für die Schule. Dafür war sie mit ihren 11 Jahren einfach noch zu jung. Basta. Er schickte also seine Tochter nach oben sich umzuziehen, was sie nur unter lautem Gejammer tat. Mit weinerlich-genervter Stimme brachte sie ihre Argumente vor und versuchte den Papa um den Finger zu wickeln. „Oooch Papa!! Melissa hat das gleiche. Die zieht das auch heute an. Wir haben das so verabredet. Schließlich sind wir Freundinnen. Oh Menno Papa! Bitte bitte bitte. Nur dieses eine Mal. Ja? Wir müssen es ja Mama nicht verraten.“ Und sie machte wieder diese süße Schnute, die Tränen schossen schon ein und sie schaute ihn mit ihren rehbraunen Augen flehend an, als wenn ihr Leben von diesem Shirt abhängen würde. Aber er blieb hart. Nix da. Umziehen. Marsch, marsch!

Da klingelte Bernds Firmenhandy. Das fehlte gerade noch. Sein Projektleiter war war sehr aufgbracht und fragte: „Was hab ich gehört? Du kommst nicht? Sag, dass das nicht dein Ernst ist!! Bernd, wir stehen kurz vor Projektabschluss und du weisst selber, wieviel noch im Argen liegt. Der Termindruck ist hoch wie selten zuvor!“ Bernd antwortete: „Schon klar. Herbert, mach dir keine Sorgen. Das hier ist eine familiäre Angelegenheit und ich muss einfach von zu Hause arbeiten. Da führt kein Weg dran vorbei. Du kennst mich. Ich lasse euch nicht  hängen, so kurz vor dem Ende. Ich ruf dich in ner Stunde wieder an und wir sprechen alles durch. Ich muss jetzt Schluß machen. Bis später!“

Während Papa Bernd mit dem Kollegen am Telefon beschäftigt war, nutzte Söhnchen Oliver die Gelegenheit, sein neues Handy so unauffällig wie möglich in seiner Jackentasche verschwinden zu lassen. So ein bisschen Chaos kam ihm gerade recht.  Würde er doch so in der Schule wieder heimlich unter der Bank spielen und SMS schreiben können. Mama war da aufmerksamer, die konnte man nicht so leicht austricksen. Aber bei Papa klappte das doch ganz gut.

Bernd war nach all diesem Hin und Her schon am Morgen naß geschwitzt. Er war weder dazu gekommen unter die Dusche zu springen, noch hatte er es geschafft sich zu rasieren. Mit den schnell übergestreiften schlabberigen Jogginghosen und dem zerknitterten T-shirt sah er alles andere als gepflegt aus.  Das war sonst garnicht seine Art, aber für solche Äußerlichkeiten hatte er an diesem Morgen beim besten Willen keine Zeit gehabt. Er kam sich wirklich vor wie auf der Flucht. Tausend Dinge schossen ihm durch den Kopf, aber über allem stand das große ungelöste Rätsel: Was war nur in Sybille gefahren, ihn in diese Situation zu bringen??

Er rief nach Emilia sie möge sich beeilen. Oliver stand bereits an der Ausgangstür und tönte seiner Schwester entgegen: „Nun komm endlich. Wir schreiben heute in der Ersten ne Mathearbeit. Ich habe keinen Bock die Arbeit wegen dir lahmen Ente nachzuschreiben!“

Von oben aus dem Kinderzimmer hörte man nur ein lautes Schluchzen. Bernd hetzte voller Sorge nach oben, um nachzusehen, was nun wieder war und außerdem um seinem Töchterchen mal bisschen Dampf zu machen. Konnte ja alles nicht wahr sein hier. Emilia saß in den Jeans und dem bauchfreien Top noch immer auf dem Bett und weinte. Sie klagte nun plötzlich über Bauchschmerzen. „Papa, ich habe plötzlich solche dollen Schmerzen. Das kannst du dir nicht vorstellen. Ich kann heute unmöglich in die Schule. Wirklich nicht!“

Bernd war mit seinem Latein hier wirklich am Ende. Täuschte Emilia nun die Schmerzen nur wegen der Klamottensache vor? Wollte sie ihn veräppeln oder hatte sie wirklich Schmerzen? Sollte er hart durchgreifen und sie entsprechend zusammen pfeifen? Aber was, wenn sie wirklich was hatte? Schwer zu sagen was richtig war.

Aber was war das? Dieser Duft, war das nicht…? Ja klar, das war doch Sybilles Parfüm. Jemand küsste ihn schmatzend auf die Wange. Er öffnete irritiert Augen, sah in Sybilles lachendes Gesicht und hörte sie sagen: „Ach Bernd, jetzt wird es aber Zeit. Raus aus den Federn, du alte Schlafmütze….!“

Dieser Beitrag wurde unter Dies & Das veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

15 Antworten zu Donnas Schreibprojekt

  1. bigi schreibt:

    Ein weiteres Teil aus deinem „AufbruchsPuzzle“? Irgendwie zieht sich der Drang nach Veränderung, die Sehnsucht nach Aufbruch, der Wunsch nach Losgehen nicht nur durch dein Blog, sondern auch durch deine Geschichte – oder phantasier ich?
    Danke Chinomso!
    *liebdrücks*
    bigi

  2. Chinomso schreibt:

    Dein, du fantasierst nicht. Aber ich habe weder kleine Kinder, noch nen undankbaren Ehemann, noch bin ich ne Frau die um Anerkennung ringt. Aber Veränderung will ich doch.
    Mehr so beruflich und da sogar am liebsten nen Branchenwechsel. Zusätzlich noch ne geographische Veränderung.

  3. april schreibt:

    Ach, herrlich, ‚voll aus dem Leben‘. Genau so könnte es gewesen sein. Das hast du fein beobachtet (hoffentlich nciht selbst erlebt) und sehr gut beschrieben. Es hat mir Spaß gemacht, das zu lesen.

  4. Donna schreibt:

    Liebe Chinomso!

    Da habe ich aber richtig mitgefiebert beim Lesen!
    Und der Bernd hat mir Leid getan und auch wieder nicht! Vielleicht macht ihn der Traum etwas nachdenklich…

    Eine lebendige Geschichte hast du uns da geschrieben. Herzlichen Dank, dass du an meinem Schreibprojekt teilgenommen hast.

    Liebe Grüße ins Wochenende hinein – Donna

    PS. Vielleicht bist du im August wieder mit dabei…

  5. Chinomso schreibt:

    **knicks**Vielen Dank.
    Es freut mich, dass es euch gefällt.
    Ja, also der Bernd. Der hat hoffentlich was gelernt aus dem Traum.

    Nein, ich habe das nicht erlebt…. oder doch?
    Und wenn, dann ist das Zillionen Jahre her. 🙂

  6. marie418 schreibt:

    Wow! Der arme Bernd … der war wohl den ganzen Tag voll schlapp nach diesem Traum.

    Wieder mal hat deine schöne Fantasie uns allen Freude gebracht 🙂

  7. Follygirl schreibt:

    Nun sind Kinder und die damit verbundenen Problematiken so gar nicht mein Thema…fand die (Alptraum-)Geschichte aber sehr amüsant.
    LG, Petra

  8. chinomso schreibt:

    Ich wollte Bernd richtig leiden lassen. Das hat mir direkt Spaß gemacht. (Bigi, bitte an dieser Stelle jetzt keine psychoanalytischen Kommentare…..jedenfalls nicht öffentlich :-))

  9. april schreibt:

    Hähä, ich habe mich auch am Leiden von Berdn delektiert. Ha!

  10. velvet schreibt:

    gefällt mir ausgesprochen gut 🙂 spannend bis zum schluss..

    bin gespannt auf weitere geschichten von dir ..

    lg velli

  11. Sunny schreibt:

    Herrlich. Eine ganz wunderbare Geschichte. Am Ende hab ich richtig den Stein von Bernds Herzen plumpsen hören …

    Liebe Grüße,
    Sunny

  12. wildgans schreibt:

    sag, dass du kinder hast
    sag, dass sie der pubertät nahe kommen
    sag, dass du all das zur genüge kennst
    ich sag, dass es eine hautnah an einen rangehende geschichte ist…und die „auflösung“ am ende ließ mich grinsen und meine gänsehauthärchen legten sich wieder….

  13. chinomso schreibt:

    Wildgans, dein Kommentar lässt mich schmunzeln.

    Ja, ich habe zwei Söhne.

    Nein, sie sind bereits weit jenseits der Pupertät
    (überstanden–**uff-schwitz**)

    Ja, ich kenne das alles zur Genüge (nur nicht die Mädchen-Allüren, die kenne ich aber von Erzählungen meiner Freundinnen, die Töchter haben).

    Der erste Entwurf meiner Geschichte ließ Sybille tatsächlich entnervt wegfahren und den Mann alleine kämpfen. Aber da hätte ich keinen passenden Schluß gewusst. Und so habe ich alles wieder umgekrempelt und es nur einen bösen Traum sein lassen, der dem guten Bernd hoffentlich klar macht, was seine Frau ihm da alles abnimmt. 🙂

  14. Wolfgang Kais schreibt:

    Toll geschrieben, Chinomso. Ich kann Bernds Ängste gut nachempfinden. Ich selbst habe 2 Jungs, die nächste Woche 10 werden, und die ich manchmal auch ohne meine Frau morgens „fertig machen“ muss, allerdings nicht, weil sie mir einen Denkzettel verpassen möchte, sondern, weil sie Frühdienst hat.
    Mich wundert an der Geschichte nur, dass Bernd im Traum die Schrift auf dem Zettel lesen konnte. Für mich ist die Lesbarkeit von Schrift immer das Kriterium, mit dem ich zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden kann.

    Viele Grüße,
    Wolfgang

  15. chinomso schreibt:

    Danke Wolfgang.
    Das mit dem Zettel ist in der Tat eine Schwachstelle. Die war mir nicht aufgefallen. Aber auch dafür sind Kommentare gut.

    (Ich hätte ja behaupten können, dass ich im Schlaf/Traum lesen kann….wär aber gelogen gewesen. Und das ist wirklich nicht nötig.)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s