Schöne Sommertage in OWL

Eine Woche freie Zeit  liegt vor uns wie ein weißes Blatt.
Immer wieder höre ich, wie manche Leute ihre Freizeit minutiös durchplanen. Da gibt es Abfahrts- und Ankunftszeiten, die einzuhalten sind. Ein Leben nach Fahrplan, selbst im Urlaub. Das würde uns nicht gefallen. Wo ist denn da der Unterschied zum Alltag? Mein Wildhüter und ich sind gerne mal zu spontanen Änderungen bereit und werfen Pläne um. Das gilt vor allem dann, wenn keiner auf uns wartet. So auch an diesem Samstag. Auf der Fahrt nach Bielefeld beschließt mein Mann, unseren Kurzbesuch bei Rufus, einem weitläufig Verwandten,  anzukündigen. In der Igbo Kultur kann man immer bei Verwandten vorbei schauen. Da muss man nicht fragen, ob es dem anderen passt oder nicht. Da sagt man: „Hallo, ich komme gleich. Koch schon mal was Schönes.“ Anfangs fand ich das gewöhnungsbedürftig oder mitunter ein wenig dreist. Und ich habe es bis heute nicht so 100%-ig für mich übernehmen können. Ich möchte schon gerne gefragt werden, ob es mir passt, dass Besuch anrückt. Und ich möchte vorbereitet sein. Typisch deutsch? Wie auch immer. Rufus erhielt einen Anruf und kam wohl ganz schön ins Rotieren. Würde er nichts kochen, wäre das wenig gastlich und sowas geht gar nicht. Als wir zwei Stunden nach unserem Anruf dann bei ihm ankamen, roch es dennoch nicht nach leckerem Essen. Er hatte noch nicht mal angefangen. Es stellte sich heraus, dass die Kochkünste des unverheirateten Rufus  so unterentwickelt sind, dass er nur für den Eigenbedarf kochen kann, nichts für Gäste.  Er wusste sich aber zu helfen und alarmierte eine Bekannte, die kurz nach uns eintraf und sofort begann, das aufgetaute Fleisch zu einem Essen zu verarbeiten. Damit war unsere Aufenthaltszeit automatisch verlängert. Unmöglich konnten wir nun weiterfahren, bevor das Essen auf den Tisch kam. Die Wohnung füllte sich nach und nach. Es gab ne kleine Party. Rufus hatte auf der Suche nach einem Koch/einer Köchin einigen Freunden erzählt, dass wir kommen. Und weil wir selten in der Gegend sind, kamen sie mit Kind und Kegel zu Hauf. Es herrschte ein bunter Sprachmix. Solange es Englisch war, kein Problem für mich. Aber bei Igbo stehe ich dann doch eher auf dem Schlauch.  Macht aber nichts. Mein Mann freut sich, wenn er mal die Gelegenheit hat, sich in seiner Muttersprache zu unterhalten. Und so gönne ich ihm das.

Es wurde  fast 18 Uhr bevor wir in Bielefeld bei meiner Freundin Ingrid eintrafen. Wohl wissend, dass wir an dem Abend grillen wollten, hatte ich bei Rufus nur wie ein Vögelchen ein paar Körnchen Reis gepickt (außerdem hat‘s mir trotz herbeigerufener Köchin dort nicht geschmeckt) Dafür war das Essen bei meiner Freundin umso besser.

Mein Ältester kam auch vorbei und brachte leckeren Fisch für den Grill mit. Später ging er dann mit Freunden auf die Piste und wir anderen starteten die Gartenparty am Lagerfeuer.

Wie bereits erwähnt, haben wir Frauen großen Gefallen an einem leckeren Rotwein gefunden. Die Männer kamen kaum zu Wort, tranken ihr Bierchen und staunten über ihre hyperaktiven Frauen. Irgendwann, fast unbemerkt von uns, verschwanden sie ins Bett. Und das, obwohl unserer Meinung nach die Party noch im vollen Gange war. Männer sind manchmal einfach nix Gutes gewöhnt.  🙂 Gegen Ende, zu einer mir unbekannten Uhrzeit in den sehr frühen Morgenstunden, bemühte ich mich angestrengt und völlig vergeblich, eine sturmsichere Garten-Öllampe auszupusten. Mein vom Wein vernebelter Verstand konnte nicht mehr erfassen, dass das so nicht gehen konnte. Meine Freundin hatte auch so ihre Schwierigkeiten diverse Feuer auszumachen und somit Haus und Garten vor dem Abbrennen zu bewahren. Ich will mal nicht zu sehr ins Detail gehen. Nur soviel…. Wenn am nächsten Morgen der blumige Duft des Duschgels zur Folge hat, dass jemandem das Essen aus dem Gesicht fällt, dann war der Wein entweder schlecht oder man hatte  einfach ein kleines bisschen zu viel davon. Der Rest ist Schweigen.

Der Sonntag begann mit einem  liebevoll gestalteten Frühstück zur Mittagszeit. Den Tisch hatten die Männer im Garten unterm Sonnenschirm gedeckt. Danach gings uns besser und der Tag konnte beginnen.

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5 Antworten zu Schöne Sommertage in OWL

  1. april schreibt:

    Oh, das ist schön, das Spontane. Das probieren wir gerade seit einiger Zeit. Als wir noch arbeiten mussten, wurde auch alles geplant. Jetzt nicht mehr.

    Allerdings: so Überraschungsbesuch ist nicht mein Ding; da bin ich lebensmittelmäßig gerne vorbereitet und auch sonst.

  2. chinomso schreibt:

    Ja, ich mag auch gern vorher wissen, wenn jemand kommt. Wahrscheinlich sind wir Deutschen da zu unflexibel. Wir wollen immer alles schön, wenn nicht sogar perfekt, haben. Es soll möglichst frisch geputzt sein und eingekauft möchte man auch haben, damit man dem Besuch was anbieten kann.

    Was nicht heissen soll, dass es bei Südländern nicht sauber wäre oder sie nichts auf den Tisch bringen. Aber die Tatsache, dass man zusammen kommt ist viel wichtiger, als das Drumherum. Ich habe es schon erlebt (in unseren Anfangsjahren), dass 6-8 Leute spontan kamen und es hieß, sie bleiben über Nacht. Ich stand kurz vor dem Kollaps, habe gewirbelt, organisiert, improvisiert, gemacht, getan. Bis dann einer sagte: Mach dir keinen Stress, wir schlafen auf dem Wohnzimmerteppich. Wir brauchen keine Betten + Decken. Und so wars dann auch. Wir die Ölsardinen lagen sie da. Morgens als ich aufstand war alles wieder aufgeräumt und sie saßen wie die Orgelpfeifen auf der Couch. All meine Aufregung völlig umsonst. Ich habe daraus gelernt, sehe heute manches relaxter.

    • nicky-neck schreibt:

      Wie du ja weißt haben wir da ja das gleiche „Schicksal“.
      Anfreunden kann ich mich damit auch nicht richtig.
      Wenn sie bei uns einfallen, finde ich es auch meistens recht ätzend, besonders wenn ich gerad mit den Kids raus will und nicht nur Männer kommen ;oY
      Ja, und in Sachen Essen ist es auch nicht gerade einfach die afrikanische Bekanntschaft zufrieden zu stellen, finde ich.
      Am Schlimmsten finde ich aber auch wenn sie zu unmöglichen Zeiten aufkreuzen bzw./ oder/und anrufen und fragen ob sie kommen können und dann bleibt man wach und bereitet eventuell noch einen Snack vor und dann kommen sie doch nicht. ;oC
      Manchmal finde ich es aber ach ganz nett bei jemand spontan einzufallen. ;oD

  3. Elke schreibt:

    also ich will auch vorher wissen wenn jemand kommt..

    würde es aber gerne mehr locker sehen ohne grosse Vorbereitungen..

  4. Ruthie schreibt:

    Tja, so kann’s gehen, wenn man zu lange auf dem Boden des Rotweinglases nach der Wahrheit forscht 😉

    Liebste Grüße aus Regen-Franken von Ruthie

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