Zahnarzt-Geschichten

Angeregt durch den Nachruf, den die Freidenkerin auf ihren verstorbenen Zahnarzt schrieb, möchte ich euch auch eine Zahnarzt-Geschichte erzählen. Als ich Anfang Oktober in meiner Heimatstadt in Thüringen war, sind wir mit den „alten“ Schulkollegen ins neu gestaltete Heimatmuseum gegangen. Da wurde die komplette Praxiseinrichtung meiner Kindheitszahnärztin ausgestellt, mitsamt dem Doktorschild aus Emaille, was früher am  Haus der Praxis prangte.

Mich überkam eine Freude, eher so eine Schadenfreude. Klar, sie ist lange tot und niemand wird mehr mit diesen Folterinstrumenten gequält. Aber die Tatsache, dass diese Dinge wirklich im Museum stehen, freute mich sehr und gaben mir eine wohlige Gewissheit. Aus der Traum, der Albtraum. Ich gestehe zu meiner Schande, es war, als hätte ich auf ihrem Grab getanzt. Schließlich war sie für mich, damals als ich Kind war, der Inbegriff einer bösen Frau.

Wie ihr sehen könnt, sind das noch die alten Instrumente  ohne Wasser- oder Luftkühlung am Bohrer. Wenn das Bohren lange dauerte, dann hat es manchmal nach verbranntem Zahn oder Fleisch gerochen. Ja, ich weiss. Es ist fürchterlich, sich auch nur daran zu erinnern. Damals galt aber einfach die Einstellung: Zahnarzt ist nicht angenehm, aber da muss man einfach durch. Ne Spritze gab es nur, wenn es was außergewöhnlich Langwieriges zu erledigen gab. Einen Zahn zu ziehen gehörte nicht in diese Kathegorie.

Als ich mit meinen Kindern später in Bielefeld wohnte, und sie in das Alter kamen, wo man mal den Zahnarzt besuchen muss, sind wir zunächst auch an so einen Schlächter geraten. Der war uns von der Verwandtschaft empfohlen worden. Der praktizierte in einer Praxis, die gerade umgebaut wurde. Man musste auf Holzbalken zum Behandlungsstuhl balancieren. Er rauchte während der Behandlung, zog immer mal an der Zigarette und legte sie dann auf einem Ascher ab, bevor er den Metallhaken wieder in die Hand nahm und mit seinen stinkenden Nikotinfingern weiter im Mund herum fuhrwerkte. Ich muss heute lachen, wenn ich dran denke. Damals war es nicht lustig. Zu den Kindern sagte er, sie mögen gefälligst nicht so ein Fischmaul machen, sondern weit auf. Das war es dann gewesen. Der erste und letzte Besuch bei dieser Koryphäe.

Wir fanden einen sehr netten Arzt, zu dem meine Kinder heute noch gehen. Der erlaubte den Kids auf Mamas Schoß zu sitzen und bei der Behandlung mit der Wasserfontäne rumzuspritzen. Sie durften auch in den Mund von Mama schauen, wenn er bohrte. Garnicht so einfach, vorallem wenn man Mama ist. Da muss man echt tapfer sein und darf sich nicht anmerken lassen, wenns mal weh tun. Sonst bekämen die lieben Kleinen ja Angst vor der Behandlung. Aber es ist mir gut gelungen. Denn sie gehen heute, wie gesagt, immer noch zu diesem Zahnarzt.

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7 Antworten zu Zahnarzt-Geschichten

  1. Anna-Lena schreibt:

    Oh, wie gruselig, das sieht ja nicht gerade prickelnd aus.

    Besonders die Zigarette bei der Behandlung und stinkende Nikotinfinger sind ja einen regelrechte Körperverletzung am Patienten :-(.
    Ich bin auch nie gern zum Zahnarzt gegangen, aber so was habe ich nicht erlebt.

  2. Anna-Lena schreibt:

    Sorry, muss natülich eine heißen…

  3. dorosgedankenduene schreibt:

    Jaja, die Kindheitserinnerungen. Mein Zahnarzt war schon tatterig, und stand immer auf einem Fussbänkchen. Grauslich.
    Da ist es heute ja doch viel viel angenehmer, obwohl gerne geht ja wohl keiner dorthin.

  4. bigi schreibt:

    Du wirst lachen – aber meine ersten zwei Jahre Ausbildung, habe ich genau an solch einem Doriot-Gestänge absolviert – und mein damals schon betagter Chef war ein Meister seines Fachs und Herr dieser Folterinstrumente. Natürlich hatten wir auch 2 „modernere“ Behandlungszimmer. Aber in diesem Raum herrschte immer eine besondere Arbeitsatmosphäre.
    Liebe Grüße bigi

  5. An dieses „Doriot- Gestänge“ erinnere ich mich schmerzlich, auch an den Behandlungsstuhl. In der Kinder- und Jugendzahnklinik in Neubrandenburg Anfang der 70erJahre arbeitete der Zahnarzt mit diesen Geräten und es tat scheußlich weh, als der Doktor mit dem langsamdrehenden Bohrer in meinem kariösen Zahn zu Gange war. Seitdem hatte ich einen Horror, wenn ich nur das Haus in der Gartenstraße von weitem sah.
    Einen schönen 3. Advent wünscht Dir der Wolfgang aus Greifswald, der jetzt aber an Bigis RechenKnecht sitzt 😉

  6. Elke (nordstar) schreibt:

    ein Glück das es heute nicht mehr so ist.
    Ich erinnere mich auch noch sehr gut
    an diese Folterinstrumenten.

    Liebe Grüsse und einen schönen 3.Advent
    Wir sind gleich gemütlich unterwegs..

    Elke

  7. amanita schreibt:

    Ich bin Zeit meines Lebens (zum Glück) nie mit einem Doriotgestänge in Berührung gekommen und kenne das nur von alten Bildern. Aber ich kann mich erinnern, dass meine Mutter einmal (es war in den frühen 70er Jahren) unverrichteter Dinge von einer Behandlung bei einem ihr bis dahin unbekannten Zahnarzt (eine Vertretung?) zurückkam. „Da gehe ich nicht mehr hin, der hat ja noch so ein Treibriemending!“ Offenbar gab es ein paar (ältere?) Zahnärzte, die ihr altes Ding einfach gewöhnt waren und nicht bedachten, wie beängstigend sich das auf junge Patienten auswirken konnte.

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