Donnas Schreib Projekt / die Februar Story

Heute gibt es wieder viele Geschichten, die alle den gleichen Anfangssatz haben. Ich kann es garnicht erwarten, sie alle lesen zu können. Initiatorin des Projektes ist Donna. Mehr dazu hier 

Sie wusste nicht, wie sie in dieses Zimmer gekommen war. Krampfhaft versuchte die junge Frau sich zu erinnern, was geschehen war. Sie lag in einem großen Himmelbett inmitten vieler seidiger Kissen. Auf dem Nachttisch stand ein Tablett mit Teegeschirr aus feinem chinesischen Porzellan. Unsicher schweifte Marlenes Blick umher. Das Bett befand sich in einem hellen Raum mit vielen großen Fenstern und einer Balkontür, die auf eine weitläufige Terrasse hinaus führte. So schöne alte Möbel, edle Seidentapeten und farbenfrohe dicke Teppiche hatte sie selten gesehen. Ihr wurde klar, in diesen Raum war sie nie vorher gewesen. Zumindest konnte sie sich nicht erinnern. Und genau das schien das Problem zu sein. Langsam machte sich ein mulmiges Gefühl in ihr breit. Wieso konnte sie sich keinen Reim drauf machen? Was um Himmelswillen war geschehen? Wie war sie hier her gekommen und was tat sie hier?

Mit Tränen in den Augen versuchte Marlene aufzustehen. Doch ihre Beine waren wie Blei, ließen sich nicht bewegen. Selbst den Kopf anzuheben, bereitete ihr große Mühe. Schmerzen hatte sie keine, aber ihr Körper fühlte sich kraftlos und irgendwie betäubt an. Das alles verwirrte und verunsicherte sie zusehens. Doch sie zwang sich dazu, Ruhe zu bewahren und sich zu konzentrieren. Welche Erinnerung war noch da? Wo war sie gewesen, bevor sie hier aufgewacht war?

Wie in einem Film sah sich Marlene an einem sonnigen Freitag mit ihrem Verlobten Geoffrey in dessen Cabrio sitzen. Der Wind zerzauste ihre dunklen Locken, die aus dem blauen Seidenkopftuch rausschauten. Geoffrey und sie hatten geplant, aus der stickigen Großstadt London raus und für ein Wochenende aufs Land zu fahren. Dort, so hofften sie, konnte man das Erwachen der Natur nach diesem langen, strengen Winter aus allernächster Nähe beobachten. Das verliebte Paar hatte nur das Nötigste für diesen Ausflug eingepackt. Sie würden keine Abendgarderobe brauchen. Nur Wandern, lecker essen gehen und ruhige Abende der Zweisamkeit am Kamin der romantischen Pension „Magnolia“ standen auf dem Plan. Durch ihre Jobs blieb ihnen im Alltag nur wenig gemeinsame Zeit. Und so freuten sich beide ganz besonders auf diese Aufzeit im Grünen.

An diese Autofahrt konnte sie sich ziemlich präzise erinnern. Aber an die Ankunft in der Pension „Magnolia“ nicht.

In diesem Moment öffnete sich leise die große Tür des Schlafzimmers und eine alte Dame in eleganter Kleidung trat ein, blieb aber bei der Tür stehen. Mit einem freundlichen Lächeln fragte sie nach, ob es gestattet wäre, einzutreten. Marlene, der jeder Kontakt recht war und die unbedingt mehr über diesen Ort erfahren wollte, nickte der Dame aufmunternd zu. Diese trat daraufhin näher und stellte sich als Lady Charlotte von Towcester vor. Ihr gehörte dieser imposante Landsitz.

Marlene wollte ebenfalls ihren Namen nennen, als ihr auffiel, dass sie selbst den nicht mehr wusste. Was für ein Schock. Spontan schossen ihr wieder die Tränen in die Augen und ihre Stimme versagte. Sie verbarg ihr Gesicht in einem der Kissen und schluchzte laut auf. Was für ein Albtraum!!!

Lady Charlotte nahm sie sanft bei den Schultern und strich ihr übers Haar: „Ach meine Liebe, Sie müssen nicht verzweifeln! Wir werden schon noch herausfinden, wie sie hier her gekommen sind. Irgendwer muss sie doch suchen und dann klärt sich alles auf. Sie werden sehen. Bitte trocknen sie ihre Tränen und lassen sie den Mut nicht sinken. Sie sind hier bei mir in allerbesten Händen. Haben sie nur Vertrauen. Heute Morgen rief ich bereits bei der örtlichen Polizeistation an. Bislang liegt dort keine Unfallmeldung der letzten Nacht vor. Aber man wird mich informieren, wenn es etwas Neues gibt.“

„Cut! Cut! Cut!“ schrie der Regisseur erbost. „Immer diese Beleuchter!!! Wie oft soll ich euch noch sagen, dass das Gesicht der Lady nicht im Halbdunkel liegen darf? Nun müssen wir die Szene noch einmal drehen. Und das nur, weil man mir nicht zuhört und meine Anweisungen nicht befolgt. Kaum gehe ich mal einen Kaffee trinken und drehe diesen Dilletanten ein paar Minuten den Rücken zu, dann klappt hier nichts mehr außer den Türen!!!
 
Dicke Luft am Film-Set.
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28 Antworten zu Donnas Schreib Projekt / die Februar Story

  1. Eva schreibt:

    Super, diese Wendung!

    Echt toll, gefällt mir sehr, danke!

  2. Follygirl schreibt:

    Das gefällt mir sehr. Das Ende, sehr gut gelungen.
    Liebe Grüße, Petra

  3. writresscorner schreibt:

    Tolles Ende mit einer tollen Geschichte voran. alles Liebe Karin

  4. Himmelhoch schreibt:

    Tja so ist das beim interessanten Lesen: Frau denkt an Amnesie, schlimmen Unfall oder noch schlimmeres: Und da ist es zum Glück nur ein Filmset-Geplauder. Sehr kurzweilig zu lesen!
    Danke

  5. Quer schreibt:

    Herrlich, der Bruch mit der unerwarteten Wendung am Schluss. Mir gefällt dein Text.

    Gruss, Brigitte

  6. Geheimrat schreibt:

    Ein Drehbuch zu einer Seifenoper … sehr überraschende Wendung!
    Herzliche Grüße!

  7. Brigitte schreibt:

    Der Schluss, super, genial. Mir gefallen Geschichten mit einem absolut unerwarteten Ende sehr gut.

    Sehr spannend geschrieben … und du glaubst nicht, an was ich dabei alles gedacht, was ich alles schon erwartet hatte 😉

    Liebe Grüsse
    Brigitte

    ps. die nächste Geschichte wird wohl noch in Spanien entstehen, die übernächste dann in der Schweiz

  8. waldviertelleben schreibt:

    deine geschichte ist brilliant mit dem überraschenden ende. sehr schön.
    lg
    ingrid

  9. Donna schreibt:

    Ganz große Klasse, Chinomso! Gefällt mir!!! Du solltest Drehbücher schreiben!

    Und nun frage ich mich dennoch: Kein Unfall! Also, was ist da passiert? Wo ist Geoffrey abgeblieben????

    Gibt es eine Fortsetzung???

    Liebe Grüße – Donna

  10. Schriftrolle schreibt:

    Wow, die Geschichte liest sich wirklich sehr gut! Und ein überraschendes Ende erfreut immer!

    Liebe Grüße,
    Patricia

  11. april schreibt:

    Gut geschrieben, sehr kurzweilig zu lesen und sehr raffiniert … das Ende 😉 Und doch würde man am liebsten wissen, wie die eigentliche Geschichte (der Film) weiter geht …

  12. gori schreibt:

    Ha, das ist ja mal was anderes! Das „es- war- alles- nur- ein- Traum“- Ende kennt man ja schon, aber das hier … herrlich.

    Liebe Grüße,
    gori

  13. bigi schreibt:

    ein echter Pilcher!!!
    😉
    Tja, es ist sehr schwierig gutes Personal zu finden. Und so wie es zu den Untergebenen hineinbrüllt, so leuchtet es heraus.

    Fein gemacht mal wieder! Hat Spaß gemacht!
    Liebe Grüße und Knussi
    bigi

  14. Sterntalerchen schreibt:

    brilliante Geschichte mit absolut genialem Ende

    bin tief beeindruckt

    liebe Grüße

    Sterntalerchen

  15. Ja ja Licht setzen ist ne Kunst, beim Film oder bei der Photographie – Ich sehe DEGETO-HochGlanzProduktion á la „Rote Rosen“ – ein Traum in rosé, himmelblauweiß und grasgrün, kräftig GlowEffects und GlitzerSternchen – und hör den barschen Ton des dunkelbebrillten, ketterauchenden Regisseurs, der ob der dilettantischen Arbeit seiner Crew mal grade aus dem Anzug springt. Und den Streß der beteiligten KameraLeute, AufnahmeLeiter, Beleuchter – und natürlich der Schauspieler, die im Akkord diese „Brot-und-Spiele“- Serien zusammenklöppeln. Nach 3Tagen PostProduction muß der 45Minüter auf den Sender !!!
    Aber das FilmSet- Ende klingt ein bißchen wie NotBremse, Fragen nach dem Verbleib Goeffroys – und warum die brave Marlene plötzlich statt in der Pension im vornehmen Schlafgemach der englischen LandAdligen erwacht – bleiben unangerissen.
    Es liest sich aber gut. Liebe Grüße aus der schönsten Hansestadt am Ryck vom Wolfgang

  16. Jorge D.R. schreibt:

    Der letzte Absatz bringt es! So eine überraschende Wendung! Das Lesen hat Spaß gemacht.
    Liebe Grüße
    Jorge D.R.

  17. Schriftrolle schreibt:

    Wurde ja schon fast alles gesagt – ich kann mich also nur noch anschließen: eine spannende Geschichte, mit diesem Ende rundum gelungen! Ich hab sie sehr gern gelesen!

    Liebe Grüße,
    Patricia

  18. chinomso schreibt:

    @alle. Ich danke euch für eure vielen und vielfältigen Kommentare. Freut mich, wenn die Geschichte euch mehr oder wenige gut gefallen hat. Denn jedem Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.

    🙂

  19. Elke schreibt:

    ich finde die Geschichte total spannend..

    Schliesse mich da Donna an..
    du solltest Drehbücher schreiben..

    kein Unfall?
    wäre toll zu wissen was passiert ist..

    Lieben Gruss
    Elke

  20. freidenkerin schreibt:

    Bravo! Das schreit geradezu nach einer Fortsetzung!
    Ich hatte den Verdacht einer düsteren Entführungs- und Menschenhandels-Geschichte – und dann kam dieser Schnitt. 😉

    • chinomso schreibt:

      Ja, ich denke auch nicht an einen Unfall und nur ne Amnesie. Das wär ja zu einfach. Es gelüstet mich nach etwas Schrecklichem, nach Mord, Menschenhandel, Lügen, Verrat, Intrigen usw. **hihi**

      Aber sorry, ich lese noch nicht mal gerne Krimis. Wie sollte ich da einen schreiben können??? Und es schlummern noch genug angefangene Projekte in meiner „Schublade“, die mir genügend aufs Gewissen drücken. Da muss ich erstmal ran, eh ich was Neues anfange. Ich kann mich schwer ´kurz fassen. Aber trotzdem möchte ich auch weiterhin bei Donnas Projekt mitmachen. Also muss es immer ein Hackebeilchen geben, das die Geschichte am Ende verstümmelt.

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