Die Angst geht um

Irgendwas ist anders. Heute ist es mir zum zweiten Mal in kurzer Zeit passiert, dass Leute offensichtlich vor mir zurück schrecken. Bin ich so schlimm??

Neulich war es die Trainerin in dem Chaos-Fitness Club. Sie hat mich völlig entsetzt erst von oben bis unten gemustert und dann gesagt: „Mit diesen Klamotten können sie hier aber nicht trainieren.“ Mal abgesehen davon, dass ich an dem Tag auch nur zu einem Informationsgespräch gekommen war, hatte ich ne normale schwarze Stoffhose und ne bunte Bluse an. Nix außergewöhnlich Elegantes. Ich war also nicht overdressed. Sie hat das aber so gesehen. Ich war ihr auf Anhieb unsympathisch und sie machte keinen Hehl daraus. Und ich hatte sie, wenn ich ganz ehrlich bin, auch nicht ins Herz geschlossen. So rein aus dem Bauchgefühl heraus. Dazu trugen auch die äußeren Umstände bei. Ihr wisst schon… der Gestank in dem Studio und all das.  

Heute war ich beim Friseur. Ich muss sagen, dass ich zu einem sog. In-Friseur gehe, wo eigentlich nur Jungvolk ein und aus geht. Und so bin ich, gerade wenn ich nach der Arbeit dort auftauche, schon anders gekleidet als die meisten Leute. Aber das war niemals ein Problem. Und es begab sich, dass ein junger Mann mir gegenüber saß, der sehr offensichtlich homosexuell war. Er hatte kurze Hosen an und schlug seine Beine übereinander wie eine Primaballerina. Immer wieder sprang er auf und seufzte wegen der langen Wartezeit theatralisch und mit Pieps-Stimme „Hach, das dauert heute wieder!“ Dabei stemmte er den Ellbogen in die Hüfte und wedelte augenrollend mit der rechten Hand hektisch hoch und runter.  

Er líeß mich die ganze Zeit nicht aus den Augen und ich ihn auch nur selten. Ich war für ihn scheinbar so exotisch, wie er für mich. Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen. Aber es muss mir nicht besonders gut gelungen sein. Jedenfalls kamen wir zur gleichen Zeit dran und landeten nebeneinander an den Rückwärt-Waschbecken. Uns wurde Seite an Seite der Kopf gewaschen. Während ich da so halbwegs liegend hingegossen lag, Kopf nach hinten geklappt, fragte ihn seine Frisörin, wie ihm denn die Wassertemperatur gefalle. Er flötete: „Hach (so begann übrigens jeder Satz von ihm), das ist mir aber viel zu waaaaaarm!! Mir ist eh schon so heiss heute. “ Die Temperatur wurde kühler eingestellt. Das gefiel ihm sehr gut. Und das mussten konnten alle mit anhören. Er fing an, in den höchsten Tönen zu stöhnen und ohlig zu seufzen. Und das nicht nur einmal, sondern am Stück. Ich denke, er könnte gut beim Film arbeiten. Bei der Vertonung dieser Ächz-stöhn-seufz  Streifen. Tut er ja vielleicht auch. **zwinker-zwinker** 

Es kostete mich meine geballte Beherrschung, nicht laut los zu lachen. Über Kopf nach hinten schaute ich ins Gesicht meiner Frisörin und auch sie schrie innerlich schon Feuer. Irgendwann verloren wir die Beherrschung und wie kicherten ganz ganz leise vor uns hin. Es schüttelte uns regelrecht durch. Nach dem Waschgang sollten der Jüngling und ich noch einmal neben den Waschbecken auf eine 2-er Sitzgruppe Platz nehmen. Ich setzte mich, er blieb schmollend stehen und fragte in jammernden Tonfall: „Darf ich mich bitte woanders hinsetzen?“ Er hockte sich dann beleidigt zurück auf den Waschbecken-Stuhl. Der wurde aber schon wieder für andere Kunden gebraucht. Meine Frisörin rettete die Situation und holte mich an der 2-er Sitzgruppe ab. So konnte der  Jüngling dort unbehelligt Platz nehmen und musste nicht neben „der bösen Ollen“ sitzen. Und ich bekam dann meinen Haarschnitt. Wir Mädels lächelten uns im Spiegel freundlich an und es blitzte der Schalk aus unseren Augen.

Sind wir böse Weiber? Sagt mal ehrlich? Ich fühle mich ein wenig schuldig.  

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31 Antworten zu Die Angst geht um

  1. Ruthie schreibt:

    Jou, Du bist ein böses, böses Weib! Garstig. Pfui! 😉 😉 😀

  2. Klar doch! Paßt so 😉

  3. chinomso schreibt:

    Ich lach immer noch. Der Blick von ihm. Er musste mit ansehen, wie ich frisiert werde. Und wir redeten und gackerten. Er schaute und schaute und sicher hat er gedacht, wir lachen über ihn. Und das war wirklich nicht der Fall.

    Übrigens, wenn einer dienstags die Serie „Good bye Deutschland“ anschaut. Der Chef der Friseurkette, wo ich heute war, der ist da derzeit mit dabei, weil er in die USA auswandert. Den habe ich heute in Original gesehen. Und ich mag den garnicht. So ein arroganter Kerl. Ekelhaft.

  4. Himmelhoch schreibt:

    Alles an dem Post ist wahr – nur der allerletzte Satz nicht! *grins*.

  5. chinomso schreibt:

    Ich fühle mich schon ein wenig schuldig. Sicher darf man nicht lachen, wenn einer so ist. 😦

  6. chinomso schreibt:

    Und gerade deshalb, weil lachen gesund ist.

  7. Lies von Lott schreibt:

    Sind wir nicht alle ein bisschen garstig!?

  8. Anna-Lena schreibt:

    Du hast ihn mit deiner geballten Frauen-Power sicherlich so verunsichert, dass er psychosomatische Störungen bekam :-).

  9. Jorge D.R. schreibt:

    Aus Angst vor dir würde ich mich beim Frisör auch lieber aufs Waschbecken hocken –
    bei den paar Haaren, die ich noch auf dem Kopf habe …

    Jorge D.R.

    • chinomso schreibt:

      Ganz ruhig, tief durchatmen und einfach mal richtig mutig sein und hier weiter kommentieren Jorge. Ich tu dir nichts.

      Aber trotzdem würde ich gerne sehen, wie das aussieht, wenn du IM Waschbecken sitzt. Das ist dann aber wirklich gefährlich. Stell dir vor, einer dreht den Hahn auf und spült dich runter. 🙂

      • Himmelhoch schreibt:

        Vielleicht sieht Jorge D.R. dann so aus wie „Arthur im Waschbecken“ bei meiner heutigen Fotogalerie – nur eben … nur eben haarloser! Und ein wenig größer?
        LG von Clara

  10. Kerstin schreibt:

    Herrlich beschrieben. Ich hätte mich vor Lachen auch nicht beherrschen können. Kann mir den Typ richtig vorstellen.
    Nein, wir sind doch keine bösen Weiber – wir sind freundlich, nett, lustig, gut gelaunt, zuvorkommend, höflich, gepflegt – und manchmal gemein, aber nur manchmal 🙂
    Hab einen schönen Tag, liebe Grüße vom Träumerle Kerstin.

  11. dorosgedankenduene schreibt:

    Danke für deine sehr plastische Schilderung, ich grinse immer noch über den Typen. Der arme Kerl, kann einem ja richtig leid tun *gröhl*
    Wie sah den seine „Frisur“ hinterher aus? 😀

    Und ich oute mich als Goodbye Deutschland Gucker. Dieser Typ ist seeeeeehr unangenehm, sehr. Ich wünsch ja keinem was schlechtes, aber daß er dort ein bisschen auf die Sch…. fällt schon. WIe kann man nur so überheblich und von sich eingenommen sein?

  12. marie418 schreibt:

    Ich habe viel mit Homosexuellen gearbeitet, die sind halt so – man gewöhnt sich dran mit der Zeit. Jeder hat das Anrecht aufs anders sein, finde ich, wie wird er sich wohl gefühlt haben?

    Deine Schilderung ist allerdings köstlich.

  13. Bei mir in der Firma arbeiten zwei junge MannsLüüd von der „anderen Fraktion“, denen man das auch mehr oder weniger ansieht, aber sooo tuntig stellen die sich nicht an, wohl auch nicht bei der Friseurin ihres Vertrauens.
    Wenn dir also sowas widerfährt, ist das schon einen Lacher wert*saufrechgrins* da darf frau(und mann) dann auch ein bißchen drüber ablästern. Ich stell mir die Situation grade bildlich vor und – ich grinse in mich rein – (watt bin ich böse ;-))
    Und die Geschichte mit dem muffigen FitnessKeller aus den 40er Jahren, die hat sich ja wohl für alle Zeit erledigt, oder?
    GLGr vom Wolf aus der schönsten Hansestadt am Ryck, der zur Zeit in Bonn herumgeistert.

  14. april schreibt:

    Ich lache mich auch gerade kaputt. Klar, wer öffentlich stöhnt, egal wer, der muss mit entsprechenden Reaktionen rechnen.

    Was Marie schreibt, finde ich aber gar nicht: „Die sind halt so.“ Da möchte ich energisch widersprechen. Ich kenne nämlich etliche. Das sind ganz normale Menschen wie ‚ich und du‘ und man sieht es ihnen nicht an. Nicht alle sind tuntig.

  15. marie418 schreibt:

    April, ich zähle nicht nur bei meinen Klienten, sondern auch im Freundeskreis einge Homosexuelle – und auch wenn sie sich so nicht immer nach aussen geben, sie haben andere Gebräuche und manchmal sind sie halt etwas „blumig“ und oft übertreiben sie halt auch.

    Ich nehme sie, wie sie sind – das meinte ich.

  16. Lilie schreibt:

    Herrlich! Da wäre ich gerne dabei gewesen und du kannst sicher sein, ich hätte auch lachen müssen … Wir kennen auch so jemanden – na ja, also stöhnen beim Frisör tut er nicht (glaube ich), aber auf 100 Meter Entfernung weiß man schon, was Sache ist. Das Erstaunliche aber ist, dass er bereits im Alter von drei Jahren uns vermuten ließ, was heute – 15 Jahre später – klar ist …

  17. april schreibt:

    Liebe Marie, das glaube ich dir, aber ’sie sind halt so‘ passt nur auf einige wenige. Andere Gebräuche?

  18. chinomso schreibt:

    Um das noch mal ganz deutlich zu machen. Ich habe keine Abneigung gegen homosexuell oriente Menschen. Aber wenn sich einer so benimmt, dann lache ich auch über heterosexuelle. Weil es einfach affig ist.

  19. freidenkerin schreibt:

    *Grööööhl!* 😆 Deine Geschichte ist so was von herrlich! Ich stell‘ sie mir grade bildlich vor und komm aus dem Lachen gar nimmer ‚raus.
    Ich bin seit vielen Jahren mit einem Mann „vom anderen Ufer“ befreundet, nennen wir ihn mal Timo, ich habe ich ja auf meinem Blog schon einige Male beschrieben. Der nun hat einen guten Freund, eine wahre „Obertunte“, verzickt, arrogant, dummdreist, stinkend reich, und eben auch mit diesem übertriebenen Schwuchtelgebaren. Wenn Timo, der sich eigentlich völlig „normal“ gibt, wieder mal längere Zeit in Gesellschaft dieser Person, „Prinzessin Franziska“ ist mein Spitzname für dieses – hm! – Geschöpf, gewesen ist, dann hat dessen übertriebene und eben völlig verzickte Art auf ihn abgefärbt. Und das kann dann so weit führen, dass mir das Lachen im Halse stecken bleibt, und ich diese G’schichten gar nimmer lustig finde. Vor allem, wenn sich der Gutste viele tausend Kilometer von Zuhause entfernt in Florida aufführt wie eine Primadonna. :mrgreen:

  20. gedankenkruemel schreibt:

    *ich lach mich gerade weg*
    Also ich finde dich garnicht böse..
    wenn einer (egal wer) so öffentlich stöhnt muss
    er damit rechnen..das jemand lacht..

    ich hab absolut nichts gegen Menschen “vom anderen Ufer”
    Hatte etliche Kollegen die das sind. Aber so „blöd“
    haben die nie getan 🙂

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