°°Teil 5°° Russlandreise

Unsere Zeit für die Stadtrundfahrt und Besichtigung war um und Raissa drängte darauf, dass die Gruppe schnurstracks und möglich geschlossen zum Bus zurück ging. Sie war darauf bedacht, dass wir im Zeitplan blieben und pünktlich zum Mittagessen wieder am Schiffsaufleger und auf der „Novikov Proboi“ waren. Natürlich hätten wir so eine Besichtigung auch auf eigene Faust unternehmen können. Das stand uns frei. Aber bei 36-38°C ist es schon sehr komfortabel, nach so einem Rundgang wieder im klimatisierten Bus zum Schiff zurück gebracht zu werden, anstatt die U-Bahn zu nehmen. Also nahmen wir Raissas Drängelei billigend in Kauf. Und die historischen Infos von Raissa hätten uns schon auch gefehlt. Sie war ein bisschen wie eine strenge Lehrerin. Wir mimten also die braven Schüler. Das Mittagessen hätten wir zwar nicht allzu dringend gebraucht, aber ein klein wenig hungrig waren wir nach der Rennerei schon. Die Portionen auf dem Schiff entsprachen eh mehr einem Kinderteller. In dem Fall wäre die Bezeichnung Seniorenteller wohl zutreffender. Das Essen war immer magenfreundlich schwach gewürzt und Fleisch, Fisch und Gemüse waren passend für die dritten Zähne garantiert weich gekocht oder klein geschnetzelt. Auf alle Fälle hielt sich meine Sorge, erheblich zuzunehmen, nach einigen Mahlzeiten mehr und mehr in Grenzen. Mir fiel auf, dass die Senioren sich zum Mittagessen schon gerne mal ein kühles Bierchen gönnten. Erstaunlich, denn mir wäre bei der enormen Hitze der Alkohol am Mittag gar nicht gut bekommen. Das sahen meine Mitreisenden, die Mitglieder des Kleeblatts, genauso. Und so hielten wir uns immer schön an Mineralwasser. Aber jeder nach seiner Fasson.

Nach einer kleinen Session zur Augenpflege – auch Mittagsschläfchen genannt – ging es am frühen Nachmittag wieder mit Raissa auf Tour. Diesmal stand eine Besichtigung des Moskauer Kreml auf dem Programm. Ich gestehe, dass ich bis dahin dachte, der Kreml gehört nach Moskau und es gäbe nur den einen.  Aber da habe ich wohl in der Schule wieder mal nicht richtig aufgepasst, denn einen Kreml haben auch andere russische Städte . Wir  sollten im Laufe der Reise noch einen anderen zu sehen bekommen.

Als wir bei Ankunft am Kreml aus dem Bus steigen wollen, erfahren wir von Raissa, dass alle Taschen und Rucksäcke im Bus bleiben müssen. Wir mussten eine Sicherheitsschleuse passieren und dort wird dann jeder raus gefischt, der Gepäck bei sich hat. Dumm nur, dass wir das so spät erfahren. Hätten wir doch ein kleineres Handtäschchen genommen. So bleibt mir nichts anderes übrig, als eine Kamera um den Hals zu hängen, die andere in die eine Hand und ne Wasserflasche in die andere Hand. Portemonnaies bleiben allesamt im Bus. Ein ungutes Gefühl. Ich überlege echt, ob ich besser auf den Kremlbesuch verzichten soll. Denn der Busfahrer hätte in Ruhe Gelegenheit alle Taschen zu durchstöbern. Aber ich bin das Risiko dann eingegangen. Der Fotos zuliebe.

Raissa erzählte sehr viel Historisches. Viele, viele Daten und Fakten. Zuviel für mich. Ich ging ein bisschen herum und fotografierte. Einmal sah ich auf der anderen Straßenseite einen Platz im Schatten unter einem großen Baum, den ich als guten Standort ansah, um von da aus ein paar Schnappschüsse zu machen, die sonst nur voll gegen die Sonne möglich gewesen wären. Zielstrebig marschierte ich über die Straße und passierte eine durchgezogene weiße Linie. Da ich ja kein Auto bin, dachte ich, das wär kein Problem. Denkste!! Ein schriller Pfiff aus einer Trillerpfeife ertönte. Alle schauten in Richtung eines Milizionärs. Der fuchtelte wild mit den Armen und machte mir deutlich, ich möge umgehend zurück gehen. Huch!! Der meinte echt mich und nur mich. Da er ne Knarre umhängen hatte – sicher ne Kalaschnikow – machte ich mal lieber, was er verlangte. Nobody knows. **grins**
Ingrid scherzte: „Du kommst jetzt sofort hier her zu mir. Und wenn du nicht brav bist, dann gehst du gleich an der Hand.“

Im weiteren Verlauf des Nachmittags fiel ich dann nicht mehr negativ auf, wenn man mal davon absieht, dass ich in voller Montur durch die Rasensprenger der Grünanlagen sprang. Aber das war lebensrettende Maßnahme, denn ich stand kurz vor nem Sonnenstich. Und es hat auch keiner groß gesehen. Jedenfalls kein böser Milizionär. Wir hörten immer wieder, dass es in Russland seit 1933 keinen so extrem heißen Sommer gegeben hat. Von der Stirne heiß rinnt der Schweiz.

Die Gruppe ging in zwei Kathedralen, ich nur in eine. Es gab einfach zu viel Gedränge und das war mir bei der Hitze nur noch unangenehm. Um 17 Uhr kehrten wir zum Bus zurück. Mein Geld war noch da. Uff. Glück gehabt.

Wir nutzten die Zeit an Bord um ein wenig runter zu kühlen, das Abendessen einzunehmen und die Füße hoch zu legen. Denn für 21 Uhr gab es den dritten Ausflug des Tages. Die Moskauer Metro bei Nacht. Darauf freute ich mich schon sehr. Und mit wem sonst, als mit Raissa sollte dieser Ausflug stattfinden.  

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14 Antworten zu °°Teil 5°° Russlandreise

  1. freidenkerin schreibt:

    Zum Glück ist es „nur“ heiß gewesen bei deinem Moskau-Aufenthalt… Kein Smog, keine Waldbrände usw… Wie seid ihr denn satt geworden bei diesen Mini-Portionen?

    • chinomso schreibt:

      Ja, das mit den Bränden tut mir sehr leid. Und ich bin froh, dass wir das nicht erleben mussten.

      Satt geworden sind wir meistens durchaus, weil es mittags 4 Gänge und abends 3 Gänge gab. Soviele esse ich zu Hause nie und schon gleich gar nicht mittags udn abends warmes Essen. Als ich einmal nur das vegetarische Menue gewählt habe (mit Gemüse gefüllte Aubergine), hat mir am späten Abend aber durchaus der Magen geknurrt. Doch ich habe ne Lösung gefunden. 🙂

  2. Himmelhoch schreibt:

    Um dein Geld hattest du wohl unnötig Angst. Kein Busfahrer wäre so blöd, Geld zu stehlen, wenn er der einzige Verdächtige wäre. Ich glaube, die sind dort sehr streng in einem solchen Fall – und er wird seinen Job nicht riskieren.

    • chinomso schreibt:

      Wenn er alle Taschen leer gemacht hätte, dann hätte er ne Weile davon leben können. Ich trau in keinem Urlaub wem anders als mir selber. Ich passe gerne selber auf meinen Kram auf.

      Aber im Prinzip hast du Recht. So blöd ist keiner. Aber die Vorstellung, so von jetzt auf gleich ohne die Knete und die Karten da zu stehen, war nicht so prickelnd.

  3. ute schreibt:

    welch schöner klarer himmel..
    die bilder heut in den nachrichten machen mir angst… die armen menschen…
    russland in flammen… und in pakistan und sachsen ertrinken die menschen
    in den fluten…

  4. Audubon Ron schreibt:

    Wunderschön bilder.

  5. VEB wortfeile schreibt:

    raissa – und nicht nur sie – scheint ja echt ne hardlinerin zu seien. habt ihr sie nur in moskau als reiseführerin erlebt oder die ganze zeit über? bei der hitze sind stadtbesichtigungen und auch viele andere beschäftigungen außer im becken planschen echt müßig und richtig anstrengend. mir wäre das gedränge auch zu viel geworden. wir haben uns daher im urlaub strikt an die siestazeiten gehalten. von eins bis fünf ruhe, früh raus und spät raus. dass war optisch und erzählerisch wieder ein schöner ausflug mit dir.

  6. chinomso schreibt:

    Raissa war wirklich eine Harte. Sie hat ja nicht nur alle Wege mit uns bewältigt, sie hat auch pausenlos geredet und Fragen beantwortet. Wir haben sie gefragt, wie sie das aushält. Sie meinte lachend am Abend des ersten Tages: „Wenn ich nicht heute sterbe, dann morgen.“
    Sie hat sich von uns am Sonntagmittag verabschiedet, denn um 14 Uhr legte das Schiff ab. Das war auch der Grund für das gedrängte Programm. Wir hatten nur 1,5 Tage Moskau zur Verfügung. Und die wollten wir gut ausnutzen.

  7. april schreibt:

    Du böses, böses Kind ;-)) Aber richtig gemacht hast du das. Was sind die auch so streng da?!
    Mein Geld hätte ich nicht im Bus gelassen. Konntest du das Portemonnaie nicht in die Hosen- oder Fototasche stecken. Ach so, vielleicht hattest du gar keine Hose an. Hihi, ich meine, du hattes vielleicht einen Rock an, ohne Taschen.
    Schade, dass bei solchen Reisen immer so ein Zeitdruck herrscht, aber andererseits will man ja auch alles sehen und mitkriegen.

    • chinomso schreibt:

      Liebe Ingrid, ich habe immer Hosen an. Ehernes Gesetz. Rock oder Kaftan nur zu Hause. Und meine Hosen haben zu 95% keine Taschen. Das war das Problem. Die Fototasche hatte ich nicht dabei, denn ich hatte allen Krempel im Rucksack. Manche stecken ihr Geld in den BH. Aber da ist bei mir kein Platz. **kicher**

  8. tonari schreibt:

    Eure Raissa erinnert mich sehr an unsere ??? Es ist schon eine besondere Spezies, die auf deutsche Touristen losgelassen wird.
    Ich denke in den letzten Tagen oft an dich, wenn ich die gruseligen Fotos aus Moskau sehe. Die armen Moskowiter, die sich nicht wehren können.

    • chinomso schreibt:

      Ja, mir tun die Leuten da auch sehr leid. Ich hoffe, es regnet endlich mal gewaltig. Hier in Deutschland und auch in Indien gibts zuviel Regen und in Russland wird er dringend gebraucht.

  9. Waldameise schreibt:

    Wow, da muss ich nochmal wiederkommen zum Staunen und Lesen … und Fotos auf mich wirken lassen. Als Kind habe ich immer davon geträumt, einmal dorthin reisen zu dürfen … zu meiner russischen Brieffreundin Natascha.

    Liebe Grüße,
    Andrea

  10. Gedankenkruemel schreibt:

    Danke für die Info bez. mehr als einen Kreml
    wieder etwas dazu gelernt.
    hatte keine Ahnung das es so viele giebt.

    Geld im Buss lassen, oder wo auch immer..
    hätte mir auch ein ungutes Gefühl gegeben.

    Moskauer Metro bei Nacht..
    was für ein Erlebniss..toll.

    Liebe Grüsse
    Elke

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