°Teil 9° – Russlandreise

Montag, 19.07.2010
An diesem Tag ist Uglitsch unser Reiseziel. Das wird gegen 16 Uhr der erste Halt auf der Schiffsreise nach St. Petersburg sein. Doch bevor es soweit ist, gibt es an Bord eine Seenot-Übungsalarm. Dies ist gemäß internationalem Seerecht Pflicht für alle Passagierschiffe und jeder Passagier muss teilnehmen, ob er will oder nicht. Dabei muss jedermann und jede Frau die Rettungsweste anlegen, die unter dem jeweiligen Bett in der Kabine zu finden ist. Auf der „Novikov Priboi“ sind diese Westen von einer sehr altmodischen Bauart und für mich wenig vertrauenserweckend. Irgendwie komische Styroporwürfel in Folie verpackt mit langen orange Bändern dran. Diese werden zwischen den Beinen durch gefädelt und dann umständlich verknotet. Nicht richtig gebunden, und du säufst im Ernstfall jämmerlich ab. Es gibt Fotos von mir in dem Aufzug. Die werden hier aber nicht gezeigt. 🙂 Keine Angst.

Um 16 Uhr machte das Schiff also im Hafen von Uglitsch fest. Die Stadt gibt es schon ne ganze Weile. Genauer gesagt, seit dem Jahr 937. Sie gehört zu den Städten des sog. „Goldenen Ring“. Ihre Blütezeit erlebte Uglitsch in der 2.Hälfte des 15. Jahrhunderts. Damals gab es dort sogar eine eigene Münzprägung. Vorher und nachher wurde die Stadt mehrfach in Kämpfen mit den Mongolen und bei innerrussischen Auseinandersetzungen niedergebrannt. Dadurch konnte sie ihre Position nicht so recht ausbauen und nie zu wirklicher Stärke gelangen. Durch eine besondere Begebenheit in der russischen Geschichte ist Uglitsch aber sehr bekannt geworden. Im Jahr 1584 wurde nach dem Tod von Zar Iwan dem Schrecklichen dessen Witwe Maria Nagaja mit dem jüngsten Zarensohn Demetrios nach Uglitsch verbannt. Sieben Jahre später kam der 9-jährige Junge unter ungeklärten Umständen beim Spielen im Garten ums Leben. Der offiziellen Version soll er während eines Epilepsianfalles in ein Messer gestürzt sein. Gerüchte brachten aber den Tod des Jungen mit dem Bojaren Boris Godunow in Verbindung, den auch Puschkin in seinem gleichnamigen Drama bezichtigt, den Jungen umgebracht zu haben. Wir werden es nie erfahren, wie es wirklich war. Wenn es um Macht und Geld geht, scheut mancher nicht mal vor einem Mord zurück.

Wir gingen  von Bord und die Gruppen gingen Richtung Ulgitscher Kreml.
Der ist auch momentan hier im Header des Blogs zu sehen.

Zuerst passierten wir einen kleinen Straßen Markt und nahmen uns vor, auf dem Rückweg mal genauer hin zu schauen um vielleicht das eine oder andere Mitbringsel finden zu können. Auf einem zentralen Platz in der Ortsmitte erwartete uns Ljudmilla, eine ortsansässige Reiseleiterin.

Es ist üblich, dass unsere Reiseleiter, die uns während der gesamten Reise auf dem Schiff begleiten, die Leitung der Gruppe an eine Person aus dem jeweiligen Ort übergeben, sobald wir an Land gehen. So haben die Stadtführer im Hinterland auch die Chance, ein wenig Geld zu verdienen. Meist haben diese ja auch die besseren Ortskenntnisse.

Wir haben uns zunächst mehr oder weniger über Ljudmilla amüsiert. Allein ihre Aufmachung war regelrecht erheiternd. Jedoch ihre Art mit uns zu sprechen, als wären wir kleine Schulkinder, ihr ständige Forderung nach Disziplin und Aufmerksamkeit, ihr schulmeisterisches Abfragen von Fakten, und die Tatsache, dass sie für die Antworten Schulnoten vergab, gefiel mir ganz und gar nicht. Deshalb wanderte ich lieber wieder ein bisschen alleine auf dem Gelände herum und machte Fotos.

Als wir uns ein wenig von der Gruppe abseilten, trafen wir auf Lena, unsere Reiseleiterin vom Schiff. Sie erzählte uns über Ljudmilla und wie sehr diese heute aufgeregt war und hoffte, einen guten Job zu machen. Denn sie hat ein schweres Schicksal zu ertragen. Vor Kurzem erst hat sie ihren Mann verloren, der an Krebs gestorben war. Ihre beiden erwachsenen Söhne können sie nicht unterstützen. Der eine ist mittlerweile auch totkrank, ist ebenfalls unheilbar an Krebs erkrankt. Der andere Sohn liegt nach einer Auseinandersetzung unter Soldaten schwer verletzt im Krankenhaus. Er müsste dringend operiert werden, aber dafür fehlt der Familie das Geld. Zu Sowjetzeiten waren Behandlungen beim Arzt oder Krankenhausaufenthalte kostenlos gewesen. Heute muss alles von den Leuten selbst bezahlt werden. Und wer das Geld nicht hat ist im Nachteil.

Für Ljudmilla stand also mit diesem Tag als Reiseleiterin sehr viel auf dem Spiel. Sie wollte beweisen, dass sie es kann und gut macht. Denn sie hoffte so sehr, dass sie mehr solche Jobs bekommen würde um ihren Jungs helfen zu können. Die Geschichte hinter der Geschichte hat mich sehr berührt und so sah ich Ljudmilla dann auch mit anderen Augen. Und sie wirkte auf einmal nicht mehr lächerlich und skuril.  Ich schämte mich sogar ein bisschen, dass ich mich anfangs über sie lustig gemacht hatte. Sie ging uns an diesem Tag und auch darüber hinaus nicht so schnell aus dem Kopf.

Zurück auf dem Schiff legten wir am Abend in Uglitsch ab und die Reise ging weiter.  
 Wir taten es nicht dieser Kirche gleich. Wir gingen nicht unter.

Es gab immer wieder Kirchen zu sehen. Viele waren zerstört, andere wurden gerade renoviert.

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Erlebtes, Reisen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Antworten zu °Teil 9° – Russlandreise

  1. freidenkerin schreibt:

    Danke dir für diesen schönen und auch ans Herz rührenden Bericht!
    Schade, dass du das Foto nicht zeigen willst, auf dem du die Rettungsweste trägst! 😉
    Liebe Grüße!

  2. Obelix schreibt:

    Dein Reisebericht ist ein wahrer Genuss, weil es Dir gelingt, die Geschichte hinter der Geschichte zu erzählen. Wieviele Ludmillas gibt es auf der Welt? Menschen, die kaum noch Hoffnung haben, dann einen kliiiitzekleinen Lichtblick sehen, diesen Zipfel ergreifen und oft so fest daran ziehen, dass er abreißt? Ich habe nun – neben vielen anderen – auch eine Ludmilla im Herzen (so ganz hinten im Eck), für die ich hoffe und für die die Kerzen, die ich oft in Kirchen anzünde, auch brennen.

    Die Rettungswestenorgie muss ja witzig gewesen sein. Ich habe das auch schon mal auf einem Fährschiff mitgemacht. Das war so eine aufblasbares Teil, das wir nur überziehen sollten. Nun bin ich zwar kein Intschinör, aber ich liebe es, Knöpfe und Schalter auszuprobieren. Und ziiischschsch war ich mollig eingepackt, was bei mir als vollschlankem Herrn noch etwas witziger aussieht (meine liebe Frau hatte noch Stunden später Kicheranfälle).

    Also, meine liebe Chinomso, weiter mit dem Bericht und den tollen Fotos. Hier noch ein Tipp von mir: Seit vier Jahren fabriziere ich aus meiner Fotojahresproduktion einen Kalender, der sich zum beliebten Geschenk zu Weihnachten nicht nur in meiner Verwandschaft entwickelt hat (die „Auflage“ hat sich von 4 auf 15 erhöht, dieses Jahr, werde ich 20 „knacken“). Vielleicht machst Du einen mit dem Titel „Russische Impressionen“?

    • chinomso schreibt:

      Ich sitze hier auch kichernd, denn ich sehe dich seetauglich in die Weste eingeschweisst vor mir. Es ist schön, dass deine Frau immer Spaß mit dir haben wird. Dessen bin ich mir sicher.

      Die Idee mit dem Kalender hatte ich auch schon. Aber bisher nur theoretisch. Auf Anhieb wüsste ich etliche Leute, denen ich so eine Freude machen würde. Good point. Und in 4 Monaten ist ja schon Weihnachten. Huch!!

      • Obelix schreibt:

        In der Tat, nur noch vier Monate….hier im Verlag mussten wir schon die Weihnachtskarten für unsere Autoren vorbestellen und ich vermute, dass es Ende der nächsten Woche bei Feinkost Albrecht bereits die ersten Dominosteine gibt.

        Dass Ihr mein Missgeschick alle so lustig findet, kann ich mir vorstellen. Wenn ich mir allerdings vorstelle, dass ich mit so etwas im Wasser gelandet wäre, verfolgt mich der Horror. Ich wäre vollkommen hilflos wie eine Schildkröte auf dem Rücken herumgeschwommen….

  3. april schreibt:

    Wunderschön kitschig, dieser Kreml dort. So stellt man sich Russland vor. Und auch sonst: da klafft wohl eine riesige Schlucht zwischen so armen Leuten wie Ludmilla und anderen Russen, die im Ausland im Urlaub mit Geld nur so um sich schmeißen.

  4. Träumerle Kerstin schreibt:

    Ein schöner Reisebericht heut wieder. Ich bin ganz fasziniert. Die Kirchen sehen immer herrlich bunt aus, ich muss bei deren Anblick immer an die alten russischen Märchen und den Zaren denken.
    Liebe Grüße von Kerstin.

  5. Gedankenkruemel schreibt:

    Der Ulgitscher Kreml ist wunderschön, wenn er auch ein wenig
    kitschig rüberkommt..mir gefällt er sehr.
    Danke für den ausführlichen Bericht, besonders das mit Ljudmilla
    ihr und ihrer Familie Schicksal hat mich berührt.

    Liebe Grüsse
    Elke

  6. minibares schreibt:

    Tja, so stehen oft doch recht dramatische Geschichten in so einer skurrilen Person.
    Hoffen wir, dass sie noch zu genügend Geld für die Söhne kommt.

    Die Kirche im Wasser ist ja irgendwie sehr, sehr traurig. In Münster gibt es eine „Überwasserkirche“ 😉
    Danke für die geschichtlichen Hintergründe, das machst du prima.

    Uglitsch hat ja wirklich einen wunderschönen Kreml, mal anders als der „gewohnte“ in Moskau 😉
    Liebe Grüsse

  7. fudelchen schreibt:

    Mir gefällt dieser Bericht ausnehmend gut und auch wenn ich keine Kitschbauten mag, so gefällt mir der Ulgitscher Kreml sehr gut.
    Wundervolle Bilder zu dem Bericht…das war eine kleine, aber feine Reise in deinem Blog.
    Danke dafür und liebe Grüße

    Marianne 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s