Go west

Es gibt diese Woche zwar keine Montagsmemories von Angela, aber ich mach mir aus aktuellen Anlass selber welche.

Gestern habe ich mir den Film „Westflug“ und die anschließende Dokumentation angeschaut. Erzählt wird die wahre Geschichte einer jungen Frau, die 1978 gemeinsam mit ihrem Kind der DDR den Rücken kehrt und zu ihrem Liebhaber in den Westen fliehen möchte. Durch verschiedene Verwicklungen kommt es dazu, dass die Flucht entgegen ursprünglicher Pläne am Ende nur durch eine Flugzeugentführung zustande kommt.

Die Gazetten schreiben heute hämisch, dass dieser Film im Vergleich zum sonntäglichen „Tatort“ und „James Bond“ nur einen hinteren Rang in der Quotenliste einnehmen konnte. Das ist mir völlig unverständlich, liegt aber in meiner eigenen Geschichte begründet.

Gerade während des letzten Drittels habe ich den Film mit klopfendem Herzen verfolgt. Ein Phänomen, was bei mir in Bezug auf Fernsehen äußerst selten auftritt.

Aber nun mal Butter bei de Fische. Einige wissen vielleicht, dass auch ich viele Jahre vor der sog. Wende mit meinen beiden Kindern „rüber gemacht habe“. Wenn nicht, dann wisst ihr es jetzt. Das ging auch nicht so reibungslos und unaufgeregt vonstatten, wie ich mir das gewünscht hätte. In Zusammenhang mit dem o.g. Film erinnere ich mich an einen Tag, Ende August 1981. Da stand ich auf dem Rollfeld des Flughafens in Burgas (Bulgarien) mit meinem damals 2-jährigen Sohn Christian an der Hand. Links eine LH-Maschine, die gerade die Passagiere für einen Flug nach Westberlin erwartete, rechterhand in etwa der gleichen Entfernung die Maschine von Interflug nach Ost Berlin, für die ich eine Bordkarte in der Hand hielt. Oben auf der Besucherterasse des Flughafengebäudes stand mein westdeutscher Verlobter, der mir zum Abschied hinterher winkte.

In diesem Moment ging mir (nicht zum ersten Mal übrigens) folgendes Szenario durch den Kopf: Ich gehe mit Christian auf dem Arm zielstrebig auf die LH Maschine zu, steige die Gangway hoch. Sobald ich oben bin, spreche ich die erstbeste Person vom Bordpersonal an und bitte ausdrücklich um politischen Asyl. Ich wäre in dem Moment, wenn ich die Maschine betrete quasi auf bundesdeutschem Territorium und nicht mehr in Bulgarien. Die Stewardessen würden mich nicht wegschicken. Soviel stand fest.

Doch was, wenn mich auf meinem Weg zur Gangway das bulgarische Bodenpersonal stoppen würde? Wenn sie erkennen würden, dass ich in die Interflug Maschine „gehöre“? Dann würde ich verhaftet und als Republikflüchtling an die Behörden der DDR ausgeliefert. Mich würde man auf unbestimmte Zeit einsperren und mein Kind käme ins Heim. Möglicherweise würde Christian zur Adoption frei gegeben und ich würde ihn nie wieder sehen. Solche Vorfälle hat es gegeben, das wusste ich aus sicherer Quelle.

Welchen Preis hat die Freiheit?
Darf man ein solches Risiko eingehen? 
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt??

Ich will euch nicht auf die Folter spannen. Natürlich hat die Vernunft gesiegt und ich bin ins „richtige“ Flugzeug gestiegen und nach Hause geflogen. Von da an sollten noch zwei Jahre vergehen, bis wir drei (Sohn Nr. 2 war inzwischen geboren) im August 1983 die Grenzen überschritten.  

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16 Antworten zu Go west

  1. bigi schreibt:

    Dank meines doofen Kopfes habe ich den Film leider nicht sehen können. Was mir jetzt, nachdem ich deinen Beitrag lese gleich doppelt leid tut.
    Und ganz, ganz lieben Dank, dass du uns so an deiner Geschichte teilhaben lässt.
    Ich wusste es noch nicht!
    RESPEKT kann ich nur sagen – RESPEKT!
    Es drückt dich
    bigi

  2. Jorge D.R. schreibt:

    Auch von mir Respekt!
    Jeden einzelnen Deiner Gedanken
    kann ich nachvollziehen.

    Beste Grüße
    Jorge D.R.

  3. Himmelhoch schreibt:

    Da es kein westliches „Zugmittel“ gab, war jede Republikflucht immer nur Kopfkino – ich weiß nicht, was ich gemacht hätte. Ohne Kind wäre die Entscheidung einfacher gewesen.
    Nur gut, dass das alles Vergangenheit ist!

  4. tonari schreibt:

    Oooooh ja. Sofort nachvollziehbar.
    Ich gucke solche Filme meist nicht, aber Deine Szene war für mich sehr real. Die tonarischen gedanken dazu gibt es mal unter 4 oder 8 Augen.

  5. Lies von Lott schreibt:

    Ich habe den Film auch verfolgt…

    Ich bin zwar noch recht jung, aber meine Großeltern sind ausgewandert als ich drei war. Allerdings mit ganz normalen Ausreiseantrag. Trotzdem ein seltsames Erlebnis.

    • chinomso schreibt:

      Habe ich dann auch gemacht. Schön legal mit Papieren usw.
      Ich bekam eine Urkunde: „Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR“
      Leider habe ich die nicht mehr. Die musste ich abgeben, als ich dann nicht mehr staatenlos war und nen westdeutschen Perso bekam.

  6. minibares schreibt:

    Oha, da hast du ja echt was durchgemacht.
    Die Gewissensbisse, die Sorgen, die Nöte, sowas kann man nicht vergessen.

    Dass du es doch geschafft hast, sozusagen legal auszureisen, alle Achtung. Das war wohl ein Kunststück.
    Meine Hochachtung für die Weitsicht, die du in Bulgarien walten ließest und wohl die ganze Zeit über auch nacher noch walten lassen musstest.

    Meine Güte, schlimm, dass so etwas überhaupt passieren musste, alles „nur“ wegen des 2. Weltkrieges und der daraus folgenden Teilung.

  7. Da hast Du ja eine harte Schule durchlaufen müssen liebe Chinomso, Spießrutenlaufen, bis man Dich endlich hat gehen lassen. Ich bin bis zum Ende geblieben. Ich kannte ja da Niemanden, hatte meine Leute ja alle hier.
    Nun ist es schon fast 21 jahre her, daß die Deutsche Diktatorische Republik oder wie das da damals hieß durch die eigenen Leute zum Einsturz gebracht worden ist und das ist gut so! Ich weiß es noch wie wenns gestern wäre – die Wochen und Monate bevor die Mauer fiel – diese Mischung aus Wut, Unruhe, Angst damals. Und dann die PresseKonferenz mit dem Günther Schabowski, nach der sich die Ereignisse überschlugen. Dieser 9. November ist für mich der Tag der Deutschen Einheit. Der 3. Oktober ist eher Ergebnis schnell zusammengeklöppelter EinheitsVerhandlungen, damit es keinen 41. JahresTag der DDR gibt – was ja auch gelang.
    Heute ist für mich „Ost“ und „West“ kein Thema mehr. Mecklenburger wohnen in Schleswig-Holstein, Sachsen in Bayern und (m)eine synchronuniversale Rheinländerin in Pommern und das ist mittlerweile so normal wie gut. Nun müssen wir allerdinx echt aufpassen, daß in D-Land weder österreichische Obergefreite noch saarländische Dachdecker jemals wieder das Heft in die Hand bekommen. Die Gefahr besteht zunehmend, wenn die derzeit Herrschenden den Abstand zwischen „ganz unten“ und „ganz oben“ bewußt immer weiter vergrößern, wenn es normal ist, daß der Lohn für 42Std.- Wochen maximal zum Überleben, nicht aber zum Leben ausreicht und auf der anderen Seite der Skale wieder Boni in Millionenhöhe ausgereicht werden. Irgendwann werden die Leute sich nicht weiter durch dumpfes RadauFernsehen oder schwülstige billigst produzierteTeleNovelas ruhigstellen lassen und ich fürchte, sie werden wieder einem HeilsPrediger hinterherrennen. Denke ich an Deutschland in der Nacht -…
    In diesem Sinne ganz liebe Grüße aus dem Pommerschen PlattLand aus der schönsten Hansestadt am Ryck vom Wolfgang.

  8. Anna-Lena schreibt:

    Ich fand den Film sehr unter die Haut gehend, zumal es nach einer wahren Begebenheit ist. Welchen Mut haben all die bewiesen, die eine Flucht in Erwägung gezogen und riskiert haben?
    Auch 20 Jahre nach der Einheit darf auch diese Geschichte unseres Landes nicht in Vergessenheit geraten.

  9. VEB wortfeile schreibt:

    ich habe den film nicht gesehen. mich würde aber die fortsetzung deiner geschichte interessieren, also wie die 2 jahre bis zur ausreise für dich verlaufen sind. daß du damals das risiko der republikflucht mit den kindern nicht auf dich genommen hast, kann ich sehr gut nachvollziehen.

  10. Bellana schreibt:

    Erzählst Du uns mal, wie es Dir gelungen ist, Ausreisepapiere für Dich und die Kinder zu bekommen? Ich hatte auch mal einen Kollegen, der mit seiner Familie vor der Wende ausgereist ist, aber vorher dafür einige Zeit im Gefängnis saß.
    Grüßle Bellana

  11. april schreibt:

    Jetzt tut es mir Leid, dass ich den Film und die Doku nicht gesehen haben. Danke, dass du uns an deinem Schicksal teilhaben lässt. So umsichtig und vernünftig hätte ich wahrscheinlich auch gehandelt. Allerdings kann man sich die Gefühle und Konflikte kaum vorstellen. ja, auch mich würde interessieren, wie das sonst noch so war … (wenn du magst).

  12. Pingback: Mein geteiltes Leben | Chinomso's

  13. Ruthie schreibt:

    Ich kann mir wahrscheinlich den Zwiespalt, in dem du dich befunden hast, nicht wirklich vorstellen, aber ich glaube ihn dir unbesehen! Ich hätte sicher auch auf den Fluchtversuch verzichtet, wenn es mein Kind in Gefahr gebracht hätte. Ich bin so froh, dass es nicht mehr nötig ist, zu fliehen von einem Teil des Landes in den anderen.

  14. Gedankenkruemel schreibt:

    den Film habe ich nicht gesehen
    aber alles was du schreibst und erlebt hast
    kann ich nachvollziehen.

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