Mein (mit)geteiltes Leben °1°

Wir fuhren mit dem Auto zum Grenzübergang Herleshausen. Dort erregte unser Auftauchen  große Aufmerksamkeit. Das geschah zu meiner Beruhigung aber auf der westdeutschen Seite und gefährdete unsere Einreise in die BRD in keiner Weise. Einer der Dienstältesten vom Bundesgrenzschutz war ganz aus dem Häuschen, als er unsere Papiere kontrollierte. Er erzählte, dass er in seiner mehr als 20-jährigen Laufbahn niemals eine junge Frau wie mich mit Kindern offiziell mit Genehmigung der DDR-Behörden per Auto hat ausreisen sehen. Das kannte er bisher nur von Rentnern oder von Menschen, die aufgrund einer Behinderung arbeitsunfähig geworden waren. Und er freute sich ehrlich und kriegte sich garnicht wieder ein, schüttelte meine Hand und gratulierte mir. Dann rannte er wie ein aufgescheuchtes Huhn ins Gebäude und holte einige seiner Kollegen raus. Alle bestaunten uns. Ich kam mir vor wie im Zoo und war irriitiert, aber auch ein wenig amüsiert.

Weiter ging die Reise. So richtig geniessen konnte ich sie nicht, denn ich stand verständlicherweise an diesem Tag unter einer großen Anspannung und aufatme erst auf, als wir Bielefeld erreicht hatten. Meine Eltern direkt anrufen und über unsere Ankunft im Westen zu informieren, ging zu dieser Zeit leider nicht. An Internet war nicht zu denken. So riefen wir bei einer Nachbarin der Eltern an, die aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur „richtigen“ Partei einen Telefonanschluß zu Hause hatte. Sie war so freundlich und holte meine Mama mal ausnahmsweise ans Telefon.

Auch wenn unsere Papiere bei der Ausreise vollständig waren und es im Vorfeld keinen Hinweis auf eventuelle Komplikationen gab, so richtig entspannt konnten wir alle erst sein, als wir die Grenze überwunden hatten und im neuen zu Hause angekommen waren. Das galt auch für meine Eltern. Sie haben mich und die Kindern zwar nur schweren Herzens ziehen lassen (ich bin Einzelkind), waren uns aber zu jedem Zeitpunkt eine große Hilfe und Unterstützung. Und dafür bin ich ihnen mein Leben lang dankbar. 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Erlebtes veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Mein (mit)geteiltes Leben °1°

  1. minibares schreibt:

    Wir haben Verwandte in Martinfeld, das liegt im Eichsfeld. Die Eltern meine Mutter stammen von dort. Kurz hinter Martinfeld begann die Sperrzone.
    Wir haben auch jede Menge Pakete geschickt, über viele, viele Jahre.
    Dann war ich 1966 mal dort. Habe einen jungen Mann kennengelernt. Der trug sich einerseits mit Fluchtgedanken, andererseits mochte er seinen kranken Vater nicht verlassen.
    Auch er bekam dann Pakete…
    Er war auch nicht parteikonform. Durfte demnach auch nicht Kerphysik studieren, sondern landete in einer Plaste-Verarbeitung.
    Er hat längst geheiratet, 4 Kinder. Aber er ist unzufrieden mit seinem Leben.
    Eigentlich schade.

    Danke, dass du deine Geschichte hier zeigst.

  2. VEB wortfeile schreibt:

    liebe chinomso,

    puh, und wie war es an der ddr-grenze? haben die euch einfach so durchgewunken? ich kann mir vorstellen, daß dir ein riesen brocken vom herzen gefallen ist, als du endlich die grenze passiert hattest. man wußte ja nie, ob nicht doch irgendetwas aus dem hinterhalt drohte.

    aber jetzt bist du schon mal in bielefeld :-).

    • chinomso schreibt:

      Die haben mit finsteren Gesichtern die Papiere kontrolliert und uns dann weiter gewunken. Da wir angegeben hatten, wann wir wo über die Grenze fahren würden, wussten sie sicher, wer wir sind.

  3. april schreibt:

    Ich kann mir kaum vorstellen, welche Angst ihr beim Grenzübergang gehabt haben musstet, also eher du; die Kinder waren ja noch zu klein. Danke fürs Teilhaben-Lassen an diesem großen ‚Abenteuer‘.

  4. Gedankenkruemel schreibt:

    Ich kann es sooooo gut nachvollziehen wie
    du dich gefühlt haben musst.

    Wir sind ohne Genehmigung und ohne alles..
    ich verlor dadurch meine Mom, sie hat es nicht
    verkraftet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s