Mein (mit)geteiltes Leben °2°

Die Ankunft & der Container

Wir kamen in das Haus meines Mannes, was wir bisher nur von Fotos kannten. Und das war dann wie im Urlaubskatalog. Die Wirklichkeit ist meist ernüchternd. Nur in unserem Fall gab es die Möglichkeit zu ändern, was einem nicht gefällt.

Es riesiges 3-Familienhaus aus den 30-er Jahren, eingerahmt von gigantisch großen Kastanienbäumen, die jedem Sonnenstrahl den Blick auf das Haus und sein Inneres verwehrten. Die Wohnung im Erdgeschoss war groß, aber weder hell noch freundlich. Braune Bäumchentapeten und blickdichte Gardinen führten dazu, dass man auch bei gutem Wetter Licht anmachen musste. Die Einrichtung war zweckmässig aber hässlich, den Bedürfnissen eines Junggesellen angepasst, der nur zum Schlafen nach Hause kam. All das fiel mir bei unserer Ankunft vor lauter freudiger Erregung erstmal garnicht auf.

Wir wurden von der verwitweten Schwester meine Mannes begrüsst, die in der oberen Etage wohnte und ihm bisher viele Jahre lang den Haushalt gemacht hatte. Er war von ihr masslos verwöhnt worden, hatte sich jahrelang um nichts kümmern müssen. Das sollte nun anders werden, denn ich hatte nicht vor, die Schwägerin in den täglichen Alltag einzubinden. Schnell stellte sich heraus, dass sie das aber erwartet hatte und somit ein wenig angesäuert war über unseren Einzug und meine – aus ihrer Sicht – abweisende Art. 

Da der Bahncontainer mit den Kinderbetten und allem anderen Hausrat noch nicht eingetroffen war, mussten wir einiges arrangieren, um die Kinder provisorisch schlafen zu legen. Der Kleine mit seinem 14 Monaten pennte direkt im Kinderwagen und der Große, damals gerade 4 geworden, schlief bei uns im Ehebett. Das war ja nicht für lang. Also keine Problem.

Ich war mit den Kindern losgefahren, als wenn wir ne Woche Urlaub machen würden. Auch für mich hatte ich dementsprechend Klamotten eingepackt. Gleich am ersten Morgen in Bielefeld nahmen wir Kontakt zum Güterbahnhof auf und erfragten, ob der Container schon da sei und wann er vom bundesdeutschen Zoll für die Abholung frei gegeben werden würde. Doch unter der angegebenen Container-Nummer gab es keinen Container in Bielefeld. Das bedeutete, wir mussten noch ein paar Tage abwarten. Man sagte uns, wir könnten aber gerne jederzeit anrufen und nachfragen. Und das taten wir prompt.

Die Kindersachen wurden eben wieder und wieder in der Maschine meiner Schwägerin gewaschen, denn meine eigene war ja im Container. Aber da waren leider auch die Leine, die Klammern, das Spielzeug der Kinder und vieles mehr, was uns täglich fehlte. Und so mussten wir auf die Unterstützung der Schwägerin bauen. Trotzdem ging die Laune noch nicht in den Keller, denn es gab soviel Neues und Aufregendes für uns zu sehen und zu erleben. Mein Mann hatte sich ein paar Tage Urlaub genommen und zeigte uns die Umgebung. Beinahe täglich kam jemand aus der neuen Verwandschaft zu Besuch, um uns drei endlich mal kennen zu lernen.

Die Container-Nummer kannten wir bald auswendig, und das obwohl sie 11-stellig war. Der Container war und blieb unauffindbar. Und so wurden alle Arten von Provisorien langsam nervig und vorallem die Abhängigkeit von der Schwägerin. Es sollte am Ende ca. 8 Wochen –also bis Mitte Oktober- dauern, bis wir ihn in Bielefeld in Empfang nehmen konnten. Später fanden wir anhand der Begleitpspiere heraus, dass er die ganze Zeit auf einem Abstellgleis in Zwickau gestanden hatte. Es liegt nahe, anzunehmen, dass die DDR- Behörden hier eine kleine Schikane „eingebaut“ hatten. Aber im Vergleich zu dem, was andere Ausreisende erlebt hatten, waren das auf alle Fälle Peanuts.

Mitte Oktober konnten wir also wirklich Einzug halten. Erst dann waren wir einigermaßen angekommen. Das mit dem Einleben war ein längerer Prozess. Dazu später mehr.

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5 Antworten zu Mein (mit)geteiltes Leben °2°

  1. minibares schreibt:

    Du hattest vermutlich nicht wirklich damit gerechnet, dass alles glatt geht 😉
    Es war ja schon so ungewöhnlich, dass ihr überhaupt ausreisen durftet, dazu noch alles mitnehmen. Ein Wunder, würde ich meinen. – Obwohl Waldameise offensichtlich ein ähnliches Schicksal durchlebte. – Dann halt 2 Wunder 🙂

    Nur schade, dass dann noch private Unzulänglichkeiten in Form der Schwägerin dazu kamen.
    Dass der Container überhaupt kam, grenzt für mich an ein Wunder, huch schon wieder.
    Du verstehst aber, wie ichs meine, nicht wahr?

  2. Eva schreibt:

    Für mich als Österreicherin ist es unvorstellbar.

    Danke, daß Du es mit uns teilst.

  3. VEB wortfeile schreibt:

    ähm, doch, die privaten unzulänglichkeiten kann ich mir gut vorstellen. wenn ich lese, daß dein angetrauter ein eingefleischter, verwöhnter junggesselle war vor allem.

    diese containersache kommt mir übrigens bekannt vor. sie passierte jüngst zu jahresbeginn zwei freunden, die für ein jahr nach china ausgewandert sind. zuvor waren sie noch in argentinien im urlaub (heiß, 30 grad plus und mehr), kamen dann in t-shirts und wenig anderen wärmenden hüllen nach peking (eisig, minus 15 grad und weniger), schlotterten 5 wochen, bis der zoll endlich den container freigab. soll man ja nicht glauben, daß sich die bürokratie in anderen ländern mit ähnlicher historie geändert hätte.

    allerdings ist das für eine familie mit kindern weitaus fataler, wenn eigentlich alles fehlt, um den alltag zu stemmen.

  4. april schreibt:

    Das ist wirklich wie ein Roman. Man ist gespannt, wie es weitergeht und es deuten sich auch schon dunkle Wolken am Horizont an. Der Leser bibbert mit der Heldin, auch wenn man weiß, dass am Ende (jetzt) alles gut wurde.

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