Mein (mit)geteiltes Leben °3°

Alice im Bundesland

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der erste Großeinkauf im Alleingang in einem der für mich geradezu unvorstellbar großen Einkaufsmärkte. Mein Mann war wieder arbeiten und ich nun Vollzeithausfrau.

Ich schrieb mir einen Einkaufszettel, steckte Geld ein und ging mit den Kindern los. Am Markt angekommen setzte ich beide in den Einkaufswagen, damit sie mir nicht abhanden kommen konnten. Ich selber war ja sehr mit mit beschäftigt. Es gab soviel zu sehen und zu bestaunen. Dann noch ständig diese Werbeansagen aus den Lautsprechern, denen ich Wort für Wort lauschen  „musste“: … Sehr verehrte Kunden, bitte beachten Sie unser Sonderangebot an Californischen Trauben….. Persil, der 10kg Vorteilspack, heute nur 10 DM…… 

Diese vielen bunten Verpackungen, die Waren so schön präsentiert, eine Vielzahl von Produkten, die ich nie zuvor gesehen hatte, geschweige denn gekauft oder gar probiert.

Ich ging von Abteilung zu Abteilung und schaute, roch den Duft von exotischem Obst oder frisch gemahlenem Kaffee, vom Bäckerstand, sah Fisch und Käse in schier unendlicher Vielfalt. Aber ich traute mich zwar, das alles zu beschnuppern, bewundern, falls möglich zu betasten, Schuhe anzuprobieren, Handtaschen, glänzende Kochtöpfe, funkelnde Gläser, duftendes Shampoo zu entdecken, aber ich kaufte nichts, was nicht auf meinem Zettel stand.

Das hatte ich mir vorgenommen. Ich hatte einfach die Sorge, ich würde in meiner Begeisterung sonst in zwei drei Tagen das Haushaltsgeld eines ganzen Monats auf den Kopf zu hauen. Mein Mann war Alleinverdiener und als LKW Fahrer kein reicher Mann. Also musste die Vernunft Oberhand behalten. Soviel stand fest.

Am Ende dieser ersten, mindestens zweistündigen, Odyssee durch den Supermarkt war ich fix und fertig, erschöpft von der Flut der Eindrücke. Ich wusste nicht mal mehr in welche Richtung ich gehen musste, wenn ich zum Ausgang wollte. Deshalb fragte ich eine andere Kundin. Die schaute mich mißtrauisch an, als wenn sie mich für betrunken hielt. Und so fühlte ich mich auch. Das war ein echter Konsumschock.

Aber mit der Zeit wurde auch das besser. 

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13 Antworten zu Mein (mit)geteiltes Leben °3°

  1. Eva schreibt:

    Das wiederum kann ich mir gut vorstellen!

    Ich kann mich noch erinnern, als wir in meiner Kindheit in einen Supermarkt fuhren und ich staunte!

    Dafür mußten wir über 100 km fahren!

    Lustigerweise war das in der Stadt, in der ich jetzt seit 15 Jahren wohne 😉

    „Man sieht sich immer 2x“
    da ist was dran!

  2. april schreibt:

    Das hast du sehr anschaulich beschrieben. Was sind wir doch verwöhnt; wir kennen das gar nicht mehr anders … obwohl sich der Konsum bei uns langsam entwickelte. Als ich Kind war, gab es vieles nicht und ich habe damals auch nichts vermisst.

  3. Träumerle Kerstin schreibt:

    Ich habe gerade Deine Geschichte nachgelesen. Oh man, Du hast ja was erlebt! Wer hätte ahnen könne, dass in ein paar Jahren alles vorbei ist?
    Ich bin auf die Fortsetzung gespannt.
    Liebe Grüße von Kerstin.

  4. Bellana schreibt:

    Bei solchen Erinnerungen bleibt alles besonders gut im Gedächtnis. Deine Geschichte ist interessant, da sie anders ist als das was man sonst so hört und liest.
    Meine Eltern stammen auch aus dem Osten Deutschlands, hatten aber das Glück, dass sie gleich bei Kriegsende in den Westen flüchten konnten. Meine Mutter hatte als Anlaufstelle Verwandte in Westfalen. Einzelheiten dieser Flucht zusammen mit ihrer Schwester per Fahrrad hat sie mir oft erzählt.
    Grüßle Bellana

    • chinomso schreibt:

      Und so gibt es viele deutsch-deutsche Familien, die etwas mit dem Osten und dem Westen verbindet. Und bald wird es das nicht mehr geben. Ob ich das gut finde, das es das irgendwann nicht mehr gibt, weiss ich nicht genau.

  5. Himmelhoch schreibt:

    Chinomso, genau so, aber wirklich genau so habe ich es auch erlebt – aber nicht nach einer Übersiedlung, sondern bei meinen ersten Besuchsreisen. Zu viel Reklame, zu viel Lärm, zu viel Licht, zu viel Angebote – ich fand es so unübersichtlich und zum Teil auch überflüssig – und manches finde ich noch heute überflüssig.

  6. Sigrid schreibt:

    Und jetzt stell Dir mal eine 16jährige vor, die mit ihren Eltern im Dezember ’89 in den Westen fährt. Dabei fuhren wir aufgrund der Massen an Hof vorbei und landeten in Bad Berneck.
    Und die „bösen“ Eltern kauften vom Begrüßungsgeld nicht den erhofften Kasettenrekorder.
    Also ich kann Deine „Trunkenheit“ voll und ganz nachvollziehen.

    • chinomso schreibt:

      Willkommen auf (in?) meinem Blog.
      Ja, das denke ich mir. Das muss nochmal ne Ecke schlimmer sein, wenn man garnichts kaufen kann und die Eltern die „Bestimmer“ sind.

  7. VEB wortfeile schreibt:

    mir ging es ähnlich bei meiner erste reise nach trier, der partnerstadt von weimar. ich habe bis zum dezember mit der reise gewartet, bis sich der ansturm auf die westhälfte etwas gelegt hatte. und auch dann noch war ich total überfordert. ich kann noch heute nicht gut in kaufhäuser gehen. es ist einfach zu viel von allem. wenn ich es doch tue, dann mit tunnelblick auf die gewünschte ware. deswegen halte ich mich vorwiegend in kleinen läden auf, die ein überschaubares angebot haben. das erste mal im kadewe bin ich bereist im erdgeschoß in der parfümabteilung fast erstickt, nur um dann in der delikatessenabteilung schier glubschaugen zu kriegen.

    und dann noch die ersten ringkämpfe mit allen möglichen automaten: getränke, cola, geld, fahrkarten – eh ich was hatte, bildete sich immer eine schlange hinter mir. fast wie früher ;-).

  8. dorosgedankenduene schreibt:

    Tja hier im Westen hatten wir ja immer alles. Und waren uns dessen gar nicht so bewußt. Als die Grenzen endlich auf waren, kam meine Tante aus Erfurt zu Besuch und ging mit meiner Mutter zum Einkaufen nach ED**A. Meine Mum erzählte mir hinterher daß meine Tante mitten im Laden stand, sich immer wieder umschaute wegen dem ganzen Überfluss an Waren und ihr die Tränen runterliefen. Sie ging dann aus dem Laden ohne was gekauft zu haben, weil sie nicht wußte was, weil halt soooo viel da und vor allem so eine Auswahl war.
    Du hast das wunderbar geschrieben.

  9. minibares schreibt:

    Bin damit aufgewachsen. Anfangs die Tante-Emma-Läden. Zum Klamottenkaufen ging es immer „in die Stadt“. Da waren die großen Kaufhäuser.
    Irgendwann die Supermärkte, wir wuchsen einfach mit. Das merkste kaum.
    Vielleicht ist es deshalb so übertrieben, weil keiner hinhört und -sieht, von denen, die es kennen.
    Ich schrieb ja schon, dass wir Verwandte im Eichsfeld haben. Die Eltern meiner Mutter waren ins Ruhrgebiet gekommen, wegen des Bergbaus.

    Jetzt fällt es mir ein. Wir hatten gerade an dem Wochenende Besuch aus Martinfeld, ältere Leute, die halt mal ausreisen durften. Da war das dann mit dem Zug, der durch die DDR fahren musste, um im Westen zu landen.
    Wir alle glaubten es nicht, dass der wirklich im Westen ankommen würde.
    An dem Abend fuhren sie mit/zu anderen Verwandten hier im Westen weiter.

  10. freidenkerin schreibt:

    Genau so bin ich mir vorgekommen, als ich das erste Mal durch einen amerikanischen Supermarkt schlenderte! 🙂 Ich wollte mir nur einen Snack für den Abend kaufen – und bin nach geschlagenen zwei Stunden mit meinem leeren Einkaufswagen an der Kasse quasi wieder aufgewacht…

  11. Gedankenkruemel schreibt:

    genau so war es..
    Erinnerungen werden
    wieder wach beim lesen..

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