Mein (mit)geteiltes Leben °4°

Alltag

Wochen gingen ins Land und ich wurde immer mehr heimisch. Stück für Stück eroberte ich auch die Stadt. Wir hatten vorher in einer Kleinstadt in Thüringen gelebt und kamen nun in die Großstadt. Alles war anfangs verwirrend für mich. Wenn man irgendwo neu ist und wird immer mit dem Auto von A nach B kutschiert und erfährt dabei in Stadtführer-Manier “Hier rechts ist die Kunsthalle, links das XYZ Krankenhaus, da drüben wohnt Karl-Heinz und gegenüber ist die Piraten-Bar wo wir 1985  Silvester gefeiert haben…“ dann kann man nicht behaupten, die Stadt zu kennen.

Ich hatte zwar einen Führerschein und hätte auch unser Auto benutzen können. Aber ich traute mir das Fahren im Großstadtverkehr noch nicht zu. Deshalb zog ich mit den Kindern los, mit dem Kleinen im Kinderwagen und dem Großen an der Hand. Sehr gut erinnere ich mich an unseren ersten Ausflug in die Innenstadt. Wir sind die 6km bis ins Zentrum komplett zu Fuß gegangen. Dort angekommen haben wir was gegessen, eine lange Pause in einem Park gemacht und sind dann mit dem Bus wieder nach Hause gefahren. Das wollte uns später keiner der Verwandten glauben. Denn niemand von ihnen war jemals diese Strecke zu Fuß gegangen. Aber ich fand, nur so kann ich die neue Stadt für mich richtig erfassen.

Auch den Mann, den ich da geheiratet hatte, musste ich nach und nach erstmal besser kennenlernen. Dabei fiel mir bald auf, dass ich nur sein Ferien- und Feiertagsgesicht kannte. Wann immer wir in der DDR zusammen gewesen waren, war er als Besucher gekommen, als (für mich) toller Mann aus dem Westen. Er war ganz Gentleman, vom Scheitel bis zu Sohle. Er protzte nicht rum, machte nicht auf dicke Hose, sondern war so, wie ich mir meinen Mann vorstellte. Klar, sonst hätte ich mir ja auch kein Kind von ihm gewünscht und ihn schließlich geheiratet. 

Unser Alltag war für ihn eine größere Herausforderung als für uns. Er war vorher Junggeselle gewesen, hatte immer seine absolute Ruhe gehabt. Er musste sich vor unserer Ankunft um garnichts kümmern außer um sich selber und hatte 100% Freizeit, sobald er von der Arbeit kam. Jetzt waren da Frau und Kinder, er der Alleinverdiener. Wochenende war nicht Freitag- und Samstag der Kneipenabend und die Skatrunde mit den Kumpels angesagt, sondern der gemeinsame Wocheneinkauf und diverse Familienunternehmungen. Normales Familienleben eben. Erschwerend kam hinzu, dass er als LKW Fahrer anfangs oft nachts arbeiten und tagsüber schlafen musste. Bei schönem Wetter konnte ich mit den Kindern raus gehen. Aber wenn es mal tageland regnete, gelang es mir nicht immer, die beiden ein- und vierjährigen Burschen auf mucksmäuschenstill zu trainieren. Und das zerrte dann an Papas Nerven, bis er die Nachtschichten aufgab, dafür aber weniger Geld nach Hause brachte. Mein Wunsch, selber wieder stundenweise arbeiten zu gehen, als dann endlich beide Kinder in den Kindergarten gehen konnten, wurde von ihm rigoros abgelehnt. Er gehörte noch zu der alten Garde Männer, die es sich selber als ein Versagen ankreiden, wenn sie nicht in der Lage sind, ihre Familie alleine zu ernähren. Mir war so eine Denkweise völlig fremd. Aber die ersten Jahre war ich noch brav und rebellierte nicht mehr als nötig…. aber, wie er immer wieder betonte, doch mehr als ihm lieb war.   

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10 Antworten zu Mein (mit)geteiltes Leben °4°

  1. freidenkerin schreibt:

    Du stammst aus Thüringen? Mein bester Spezl ist Thüringer, aus Großbreitenbach nahe Ilmenau! 🙂
    Das liest sich, als wäre nicht nur dein Auswandern aus der DDR ein Abenteuer gewesen, sondern auch die ersten Jahre deiner Ehe…

  2. VEB wortfeile schreibt:

    ich kann mir gut vorstellen, daß es für dich schwer war, diese unterschiedlichen lebensanschuungen und lebensstile zu verbinden. da ist rebellion wohl naheliegend, wenn du anfangs von einer rücksichtnahme zur nächsten springen mußtest.
    ich stamme übrigens auch aus thüringen… vielleicht waren wir ja mal nachbarn :-).

    • Chinomso schreibt:

      Ich komme daher wo damals „das Möbel gewohnt hat“. Heute gibts dafür die Möbelhäuser mit dem roten Stuhl.
      Möbelkombinat Zeu-Trie. Sagt dir das was? Falls nicht, Zeu steht für Zeulenroda.

      • VEB wortfeile schreibt:

        war das da, wo die scheußlichen schrankwände hergestellt worden sind ;-)? ich war noch nie dort. ich komme daher, wo goethe und schiller wohnten und in der nähe ein kz als mahnmal und gedenkstätte steht.

        • Chinomso schreibt:

          Ja genau. Ich habe da mal in den Ferien 3 Wochen am Fließband gejobbt und wusste danach,
          dass ich in der Schule unbedingt und ab sofort Gas geben musste, damit ich blos nicht mal dort „ende“.
          Aber sonst ist der Ort tadellos, auch ohne Goethe und Co. 🙂

          Das KZ kenne ich. Da war ich als Jugendliche mal und werde das nie, nie, nie vergessen.
          Mir war echt stundenlang schlecht, als ich da raus kam. Aber ich wünschte, alle Jugendlichen würde man (ab einem gewissen Alter) an solche Orte führen. Denn spätestens dann wissen sie, dass die Greueltaten der Nazis alles andere als erdacht und erlogen sind.
          Aber viele Eltern sind heute der Auffassung, dass man die alten Zeiten auch mal ruhen lassen muss und dass man die Kinderchen doch bitte nicht mit diesem alten Kram belästigen darf.

          Und derweil brütet die braune Brut weiter und sie schlüpfen allerorten.

          • VEB wortfeile schreibt:

            oh, mir war nach buchenwald auch stundenlang übel. ich schiebe es seitdem immer wieder vor mir her, mal das buch „die bestie von buchenwald“ über ilse koch zu lesen. ich war damals erst 12, als mich meine oma reingemogelt hat. eigentlich sollte man 14 jahre alt sein. und damals mußten wir alle dorthin auf klassenfahrt. beim zweiten mal habe ich mein weitergehen vor der hinrichtungsanlage mit einem haufen „wiedergekäutem“ sichtbar verweigert. erst viel später habe ich mich dann an literarische verarbeitungen wie edgar hilsenraths „nacht“ oder schalamow gewagt.

            ich habe keine ahnung, ob das in der jetztzeit noch zum pflichtprogramm gehört. aber selbst dann stellen sich ja immer noch ein paar ganz „schlaue“ hin und verleugnen alles.

  3. april schreibt:

    Wenn man das liest, wird klar, dass die Konflikte schon vorprogrammiert sind.

  4. Anna-Lena schreibt:

    Obwohl ich die DDR nicht kannte (außer vom Durchfahren) finde ich deine Schilderungen sehr beeindruckend und spannend.

  5. Bellana schreibt:

    Solche Erlebnisse prägen dann das ganze Leben, denn die Erinnerungen kommen immer wieder hoch.

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