Mein (mit)geteiltes Leben °5°

Wichtig zu erwähnen ist auf alle Fälle, dass ich die späte Rache der DDR Behörden noch zu spüren bekam. Man ließ mich bis zur Wende kein einziges Mal in die DDR einreisen und meine Eltern nicht raus, da sie noch keine Rentner waren. Das hieß also sechs Jahre getrennt von meinen Eltern sein. Sie feierten ihre Silberhochzeit leider ohne mich. Zum Glück ließ man meinen Mann und die Kinder immer mal wieder einreisen. Besonders hart fand ich, dass ich nichtmal rein durfte, als meine Großeltern gestorben waren. Drei Beerdigungen ohne mich. Das tat richtig weh. Volltreffer!

Meine Mutter und ich haben Briefe geschrieben. All die Jahre. Jede Woche ging mindestens einer hin und einer her. Telefon hatten meine Eltern ja auch erst nach der Wende. Und so schrieben wir uns einen Wolf. Ich erzählte von unserem Leben – aber nur die Sonnenseiten, denn meiner Eltern sollten nicht wissen, was echt los war. Das hätte ihnen das Herz gebrochen. Die Kinder entwickelten sich zum Glück gut und mit Kindergarten und Schule kamen mehr und mehr berichtenswerte Ereignisse hinzu. So ging mir nie das Futter für die Briefe aus. Schön ist aus heutiger Sicht, dass ich einen Sack voller Briefe von meiner Mutter habe, die größtenteils Antworten auf meine Briefe sind. So kann ich gut nachvollziehen, was wann passiert ist. Das ist eine Chronik der Kindheit meiner Jungs, die trotz einiger Widrigkeiten glaube ich ganz harmonisch war. Sortiert und gesichtet sind all diese Briefe, es müsste mal einer alles abtippen. Dann wäre das mal ein schönes Geschenk an meine Kinder.

Die Westfalen sind ein schwer zu knackendes Völkchen. So waren jedenfalls meine Erfahrungen. Ich wurde von Anfang an als neue Frau des Nachbarn misstrauisch beäugt. Schaute einer im Nachbarhaus aus dem Fenster, wenn ich auftauchte, gingen das Fenster schnell zu und es wackelten die Gardinen. Ich grüßte freundlich und ließ nicht davon ab. Ich grüßte und grüßte und grüßte und stellte mich im Tante-Emma-Laden, drei Häuser weiter, als neue Frau des Herrn S. vor. Erstaunte Gesichter, Verblüffung und Schweigen bei den Kunden. Nur die „Tante Emma“ lächelte wissend und nickte mir aufmunternd zu, als wolle sie sagen: „Gut so, weiter so. Das wird schon!

Und es kam der Tag, da grüßten die Gardinenwackler zurück. Und noch ein paar Monate später sprachen sie mich an und verwickelten mich in Gespräche, wenn ich im Garten Laub fegte oder mit den Kindern spielte. Viel später dann, also Jahre später, hat sich eine der Nachbarinnen sogar mal entschuldigt für dieses verbissene und mißtrauische Verhalten der Nachbarschaft. Das fand ich dann wieder richtig rührend. Und heute mag ich sie ganz gerne, die Westfalen. Man muss sie nur zu knacken wissen.  

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6 Antworten zu Mein (mit)geteiltes Leben °5°

  1. Anna-Lena schreibt:

    Die Westfalen sind wirklich ein eigener Menschenschlag, aber liebenswert.
    Boah, du hast ja Stoff für einen ganzen Roman.
    Ich freue mich auf Fortsetzungen :-).

  2. VEB wortfeile schreibt:

    ist das nicht in vielen regionen auch so, daß man als neue/r argwöhnisch beobachtet wird, vor allem in den ländlichen und kleinstädtischen regionen? ich kann nichts über „die westfalen“ oder „die bayern“ oder „die thüringer“ sagen. ich gehe immer davon aus, daß es überall solche und solche gibt. aber ein gefühl von mißtrauen ist natürlich nicht die ideale voraussetzung für einen neuanfang, das kann ich mir gut ausmalen, daß du dich da nicht sonderlich wohl gefühlt hast.

    • VEB wortfeile schreibt:

      die schikanen deiner aussperrung sind natürlich echt hart, vor allem wenn man ein familienmensch ist und in einer anderen welt mit anderen wertesystemen landet. so weit ich weiß, ging es aber nicht allen westwärts heiratenden so. dennoch war dann die einreise und der papierkrieg auch für sie kein zuckerschlecken.

  3. minibares schreibt:

    Grins, die Westfalen.
    Sind wir wirklich so stur?

    Ich lese das mit einem Lächeln.
    Aber das mit den Briefen. Ich hatte immer Sorge, die selbstherrlichen DDR-Zöllner und -Beamten lasen mit Freude alle relevanten Briefe.

    Immerhin hast so eine gute Erinnerung an diese eigenartige Zeit, die wahrlich nicht leicht war.

    • chinomso schreibt:

      Da entwickelt man ein dickes Fell. Lass sie doch lesen. Da haben wir ihnen jedenfalls viel Arbeit gemacht. Und ich weiss genau, dass sie die Jahre davor unsere Post gelesen und Pakete geöffnet haben. Denn mein Onkel lebte im Westen. Und wie wir nach der Wende erfahren haben, war der beste Freund meines Vaters ein IM der Stasi und in unserer Akte stand, dass er alles aber auch alles verpfiffen hat. Diese miese Ratte.

      • minibares schreibt:

        Ach du Schei*se. Auch das noch.
        Boah nun friert es mich aber richtig. Ein Kälteschauer durchlief mich gerade.
        Ich weiß von Martinfeld her, dass man niemandem trauen konnte.
        Das ist ja so gewesen, wie es in Jerusalem z.B. ist. Die Arbaber bieten ihre Dienste an – den Juden. So z.B. Renovieren der Wohnung. Aaaaber, du weißt nie, ist es einer, der es auf dich abgesehen hat???
        Das habe ich von meiner Freundin Vivi erfahren.

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