Mein (mit)geteiltes Leben °8°

Als er mehr und mehr Trost im Alkohol suchte und fand, dämmerte es mir, dass das nicht gut gehen konnte. Doch, wie heißt es so schön? Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich hielt es recht lange aus, versuchte zu überzeugen, zu helfen, zu retten was meiner Meinung nach immer noch rettenswert war. Und so zögerte sich das Ende hinaus. Freunde und Bekannte, die hinter die Fassade der heilen Familie schauen konnten oder denen ich mich anvertraut hatte, rieten mir schon viel früher zur Trennung. Aber ich wollte das Projekt Ehe noch nicht als verloren sehen, nicht so schnell aufgeben.

Es dauerte schließlich sieben Jahre bis es zur Trennung kam. Und die ging dann auch noch von ihm aus. Es war heftig. Und zwar so heftig, dass ich mit den Kindern eines unschönen Tages im Mai 1990 auf der Straße stand. Wir waren im wahrsten Sinne des Wortes obdachlos. Mit unseren Fahrrädern, den Schultaschen, einer Reisetasche mit den nötigsten Klamotten, Iso-Matten und Schlafsäcken fuhren wir zu einer meiner besten Freundinnen, die uns in ihrer kleinen Wohnung aufnahm. Das örtliche Frauenhaus war voll und das Zimmer in dem vom Sozialamt angebotenen  Obdachlosen-Asyl kam für mich auf keinen Fall in Frage. Ich nahm am folgenden Tag die Kinder kurzerhand vorzeitig vor Ende des Schuljahres aus der Schule und brachte sie zu meinen  Eltern nach Thüringen. Mein – damals noch – Ehemann nannte mir einen Termin. An diesem Tag würde er nicht zu Hause sein und das wäre für mich die einzige und letzte Gelegenheit, unsere Sachen aus dem Haus zu holen, bevor er anderntags die Schlösser austauschen würde. Mein damaliger Chef räumte seine Doppelgarage für uns und half mit einem LKW, gemeinsam mit anderen zuverlässigen Freunden unser gesamtes Hab und Guts dort unter zu stellen.

Meine beste Freundin fuhr kurz darauf mit ihrer Familie in den langersehnten Sommerurlaub nach Südfrankreich. Sie bot mir für diese Zeit und auch darüber hinaus an, in ihrem Haus zu wohnen. Natürlich war ich nur die Haus- und Katzenhüterin. Ihr Kater Mäxchen wurde mir zum treuen  Freund in der Zeit. Was Warmes zum kuscheln und lieb haben. Und was passierte? Ich bekam zum ersten Mal im Leben ne Allergie. Pusteln am ganzen Körper, wahnsinniger Juckreiz. Ich ging zum Arzt und der fragte nach Veränderungen in meinem Leben. Da kam mir Mäxchen in den Sinn. Und der Arzt diagnostizierte ne Katzenhaar Allergie. Na toll. Wie sollte ich dem Kater aus dem Weg gehen? Wo sollte ich denn hin? Er legte sich jeden Abend auf die Couch- oder Sessellehne hinter mir, je nachdem wo ich mich hinsetzte. Er vermisste sein Frauchen, Und ich vermisste so ziemlich alles, was man vermissen kann. Aber vorallem meine Kinder und die Aussicht auf eine eigene Wohnung und eine Lösung für die verfahrene Situation.

Wie auch in den voran gegangenen Wochen suchte ich Tag für Tag nach Feierabend – ich hatte zum Glück seit zwei Jahren einen Job in einem Ing.Büro – händeringend nach einer Wohnung für uns drei. Ich hatte vom Sozialamt einen sogenannten Wohnberechtigungs-Schein mit Dringlichkeitsstempel erhalten, der mir bei allen möglichen (zumindest den nicht privaten) Vermietern eine vorrangige Behandlung ermöglichen sollte. Es gab damals 11 Wohnungsbaugesellschaften in der Stadt. Bei allen stellte ich einen Antrag auf Wohnung. Keine hatte ein Wohnung für mich. Ich verbrachte meine Nachmittage und Abende damit, mit dem Fahrrad herum zu fahren und nach Fenstern ohne Gardinen Ausschau zu halten. Wenn ich solche gesichtet hatte, klingelte ich dort an und fragte, ob es in dem Haus eine freie Wohnung gäbe. Meist waren die Gardinen nur in der Wäsche. Oder es wurde gerade renoviert. Manchmal war einer schneller als ich gewesen und zog gerade ein.

Freunde fragten für mich herum, ob einer was von einer freien Wohnung wusste. Eines Tages meldete sich eine Bekannte, die Studentin war. Sie hatte an der Uni von einer WG gehört, die sich auflöste und Nachmieter suchte. Eigentlich war die Wohnung zu groß für uns. Aber egal, einen Versuch war es wert. Ich schaute die Wohnung an, bewarb mich um sie. Man sagte mir, dass es einen jungen Mann gäbe, der auch da rein wollte, aber der suche noch Mitbewohner. So kam ich zu der Adresse des Mannes, der von Beruf Zirkusclown war. Ich lachte mich schlapp. Aber es war mir echt egal. Würden wir eben mit einem Clown zusammen ziehen. Wieso eigentlich nicht?? Die Jungs waren zwar schon 8 und 11, aber die würden das auch toll finden. Nun musste ich den Mann nur noch mal persönlich treffen. Auf mein Bauchgefühl war immer schon Verlass gewesen. Würde ich ihn nicht als Kettensäger-Mörder einschätzen, wäre alles klar.

Und er war mir durchaus sympathisch. Er brauchte dringend ne Bleibe und wir auch. Und die Wohnung war so geschnitten, dass sie für eine WG ideal geeignet war.

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17 Antworten zu Mein (mit)geteiltes Leben °8°

  1. ute schreibt:

    mausel welch seelenstriptease nun schon vol. 8.
    ich staune.. ich könnte das nicht ..

    hut ab

    lg ute

    • chinomso schreibt:

      Ich finde nicht, dass es ein Seelenstriptease ist. Das würde anders aussehen. Das kann ich auch. Aber das widerum würde ich wirklich nicht hier im Blog schreiben.

      Klar, jeder steckt seine Grenzen anders. Meine sind da eher weit gesteckt. Ich weiss. Fahre aber ganz gut damit.

  2. VEB wortfeile schreibt:

    liebe chinomso,

    das war aber ein harter abgang. aua! ich habe das auch einmal so ähnlich durchgezogen, nur eben ohne kinder. das ist dann so ein berühmtes hochgebirge an problemen, das sich auftürmt und man muß zusätzlich noch seine gefühlslage in griff bekommen. dein lebensmut und deine einstellung dazu, komplett neue wege zu gehen, sind beeindruckend.

    ich wünsch dir alles gute und einen schönen sonntag!

  3. Manu schreibt:

    Echt beeindruckend, was du schon alles durchgemacht hast. Und dabei bist du immer noch so eine optimistische Person, die zuversichtlich neue Wege geht.

    An letzterem übe ich mich zur Zeit gerade wieder 😉

  4. minibares schreibt:

    Du schreibst so lebendig, ich leide richtig mit.
    Übrigens gestern war es hier so langsam, dass ich beim Kommentar abschicken noch mal auf den button klickte. Da meinte er, der Kommentar sei doppelt. Ich wurde ihn nicht los.
    Werde wohl später nochmal zu dem Bericht schreiben.
    Bin gespannt auf die Fortsetzung.
    Mein Mann war gestern auf der Buchmesse, Im großen Innenhof war richtig viel los. Viele junge Leute… ich werde drüber berichten.

  5. freidenkerin schreibt:

    Ich finde nicht, dass du einen „Seelenstriptease“ machst, wie das im ersten Kommentar so schön heißt. Du erzählst einen Teil deiner Lebensgeschichte, punktum.
    Dies allerdings zustande zu bringen, ohne schmutzige Wäsche zu waschen, objektiv, sachlich und nachvollziehbar geschildert, ist in der Tat eine Kunst, die nicht viele zustande bringen…
    Liebe Grüße!

  6. april schreibt:

    Oh Mann, was du alles durchmachen musstest! Das zeigt, wie stark du bist. Wie gut, dass man beim Lesen weiß, dass es ein Happy End gibt, sonst müsste man weinen.
    Ganz viele liebe Grüße *knuddel* so im Nachhinein,
    Ingrid

  7. ankeberlin schreibt:

    Vielen Dank für Deine Eindrücke, auch ich habe sie mit Spannung gelesen – sie aber auch nicht als Seelenstriptease empfunden. So ein Leben – zwischen den Welten – und dann auch noch in den Wendejahren vor dem Nichts zu stehen – das ist hart. Deine Geschichte zeigt aber auch wunderbar auf, vor welchen Problemen auch Westmütter standen. Keine Kindergartenplätze, wenig Vertrauen bei Vermietern usw. Natürlich gab es auch Väter, die nicht wußten wohin mit ihren Kindern, meistens jedoch hat es die Frauen erwischt, weil sie traditionell schlechter verdienten. Und heute haben die Mütter dieser ‚unserer‘ Generation vorallem im Westen richtig schlechte Karten, was ihre bevorstehende Rentensituation betrifft.

    Du solltest ein Buch schreiben darüber, denn bis heute hat man die Situation in der Politik nicht erkannt und lamentiert immer noch an der Realität vorbei, allerdings sind die meisten Frauen auch nicht wirklich mutig. Da hast Du einigen etwas Voraus …

    • chinomso schreibt:

      Vielen Dank Anke.
      Ein Buch mit meiner Geschichte wird es nie geben. Das würde ich dann als Seelenstriptease empfinden. Meine Geschichte erzähle ich hier im recht überschaubaren Rahmen wirklich gerne. Aber sie einer gößeren Öffentlichkeit „zu verkaufen“ das käme mir billig vor. Nicht mal der Gedanke scheint mir erträglich.

      Klar, das hier ist Internet. Jeder könnte es lesen. Es gibt keinen Passwortschutz. Also ist es öffentlich. Aber nur weniger lesen es tatsächlich. Und das ist auch gut so.

      Auch wenn das sehr erstaunlich klingt. Mein Weg gefällt mir sehr gut. Ich freue mich heute, dass alles so gekommen ist, wie ich es erlebt habe. Denn ohne dem wäre ich nicht die, die ich bin.

      Morgen gibt es noch einen kleinen Beitrag, der diesen Ost/West Teil meiner Geschichte abschließt. Und dann wars das zu dem Thema.

      • Himmelhoch schreibt:

        Genau so sehe ich das auch, wie du es hier geschrieben hast. Da es ja alles doch schon eine ziemliche Zeit vorbei ist, denn deine Söhne sind nicht mehr 8 und 11 und wollen einen Clown als WG-Mitbewohner, sondern gestandene Männer – und deswegen ist es Geschichte, die dich geformt hat.
        LG von Clara

  8. ankeberlin schreibt:

    Da bin ich wohl gänzlich mißverstanden worden? Das tut mir leid.

    • chinomso schreibt:

      Oh je, ich habe deinen Kommentar nochmal gelesen und gesehen, dass du ja geschrieben hast: „…habe sie mit Spannung gelesen – sie aber auch nicht als Seelenstriptease empfunden…“ Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Ich hatte das kleine Wort „nicht“ überlesen. **grummel** Sorry.

      • ankeberlin schreibt:

        Als Mitglied einer Familie mit ’null‘ Bezug zur DDR, lernte ich zu Wendezeiten zusammen mit meinen Schulkindern die Namen der neuen Landeshauptstädte. Wir Kinder des ‚Kalten Krieges‘ bekamen in der Schule ‚Elbe, Oder-Neiße und Dresden‘ serviert – das war’s! Bis zum Abitur hat man die Geschichte an uns vorbei laviert. Solche Berichte hätten es mir, aber auch meinen Kindern einfacher gemacht, Geschichte zu verstehen. Die Nachbarn, die 1974 im Rahmen der Familienzusammenführung in den Westen kamen, standen der Wende sehr skeptisch gegenüber und waren überhaupt nicht erbaut darüber – das war nicht wirklich hilfreich und trug nicht zum Verständnis bei. Viele Fragen konnte ich ganz einfach nicht beantworten … das war sehr schade.

        • chinomso schreibt:

          Meine Freunde aus der harten Zeit, die ich natürlich heute noch immer an meiner Seite weiß, die hatten vorher auch keinen Ostkontakt und waren ähnlich „erfahrungsfrei“ wie du es damals gewesen sein musst. Schön finde ich, dass es meiner Meinung nach immer weniger gegenseitige Vorurteile gibt. So meine Erfahrung. In der nachfolgenden Generation (meine Kinder z.B.) spielt es kaum noch eine Rolle, wo einer herkommt, Ost oder West.

  9. Gedankenkruemel schreibt:

    Meine Hochachtung liebe Iris.
    Hut ab.

    Liebe Grüsse
    Elke

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