Andere Länder, andere Sitten (2)

Die Party stand dann also am letzten Samstag an. Der Wildhüter und sein Freund kochten hier bei uns zu Hause aus dem Ziegenfleisch und anderem (hier nicht genauer beschriebenem Fleisch) eine nigerianische „Pepper Soup“ für 60 Personen. Da eine Ziege nur einen Kopf hat und der nachweislich weg war, konnte ich davon auch was essen. Ich war bei der Kochsession nur Zuschauerin, fragte mich aber, wie wir diese Mengen an Suppe von hier zur Partylocation bringen würden. Schließlich hatten wir nur die handelsüblichen Kochtöpfe, in denen die Männer auch die Suppe kochten. Die Lösung waren Kühlboxen, diese großen stabilen Dinger in den man sonst Bier zum Picknick schleppt. Die wurden piccobello sauber ausgewaschen und die Suppe wurde dann Topf für Topf da hinein gegossen bis sie voll waren. Später wurden die Boxen in unserem Auto vorsichtig und ohne Ruckelei zum Ort des Geschehens gefahren. Im Improvisieren sind Afrikaner Weltmeister.

Wir waren neben den Frauen, die vor Ort  Reis und Hühnchenfleisch gekocht haben, die ersten auf der Party. Einige Kinder hüpften dort auch schon herum. Und es kamen mehr und mehr, Erwachsene und kleine Gäste. Das jüngste Kind war der 7 Monate alte = junge George, ein sehr süßes Baby mit einem watteweichen Afrolook. Afrikanische Mütter sind weniger zimperlich als wir deutschen. Und es ist traditionell so, dass sich jeder für alle  Kinder verantwortlich fühlt und sich um sie kümmert. Ich muss sagen, ich kannte außer dem Wildhüter und einigen wenigen seiner Freunde keinen der Anwesenden. Nichtsdestotrotz passierte es mir, das ich den kleinen George von seiner Mama in den Arm gedrückt bekam. Sie hatte in der Küche zu tun und hat später Essen serviert, Tische abgeräumt und eigentlich bis morgens 2 Uhr ohne Pause gearbeitet. Ab und zu  kam sie vorbei und knuddelte ihren Kleinen. Irgendwann kam sie, nahm mir George ab und gab ihn an einen der Männer weiter. Mir brachte sie ungefragt einen enorm vollen Teller mit Reis und Hühnchen. Alles mit einem herzlichen Lächeln und ohne viele Worte.

Ich habe es sehr genossen, als weiße Frau  wie eine der ihren behandelt zu werden. Das ist, wie mir der Wildhüter versicherte, keine Selbstverständlichkeit. Afrikanerinnen können sehr zickig sein, wenn sie jemanden nicht mögen. Dann strafen sie denjenigen mit Nichtbeachtung.

Klein George war also an dem Abend viel bei mir.  Er fand mich sehr lecker. In diesem Alter ist die orale Phase sehr ausgeprägt. Er knabberte an meinem Pullover, an meinen Fingern sowieso, an seinem Ärmel, an seinen Schuhen, an meinen Haaren, riss an meinen Ohrringen und meiner Halskette herum. Und dabei lief ihm die Nase ohne Unterlaß und ich wischte und säuberte die kleine putzige Nase wieder und wieder. Er hustete mich an und mein Immunsystem stand unter Dauerbeschuß. (es scheint gut zu funktionieren, denn ich habe mir nix eingefangen) Die Mama brachte immer mal Hustensaft und prüfte, ob er auch kein Fieber hat. Irgendwann kam der Papa auch und ich fand sehr süß, dass er sein Kind liebevoll abküsste. …… dachte ich. Aber was war das?? Er nahm die kleine Nase in seinen Mund und saugte kräftig dran. Dann trank er einen Schluck aus der Wasserflasche und erledigt war das Putzen der Babynase ala“african style“. George konnte wieder gut atmen. Seine Nase war frei wie nie.

Ich muss sehr blöd geschaut haben.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Dies & Das veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

16 Antworten zu Andere Länder, andere Sitten (2)

  1. freidenkerin schreibt:

    Eine ausgesprochen unkomplizierte Art, eine Babynase zu säubern, in der Tat, wenn das auf viele von uns zart besaiteten Gemütern vielleicht auch etwas unappetitlich wirken mag…

  2. Das muss ich morgen noch mal lesen. Im Moment bin ich nicht mehr aufnahmefähig. Für heute wünsche ich dir und auch der lieben Margot einen schönen Abend und eine Gute Nacht! Habe fertig. Und wech….Mandy

  3. Gedankenkruemel schreibt:

    Ja wirklich eine unkomplizierte Art eine Baby Nase zu
    befreien.
    Das wir das als eklich empfinden, liegt einfach daran
    das wir es nicht gewohnt sind denke ich.

    Ich finde es toll das du als weisse wie eine der ihren behandelt
    wirst. Klar wärst du nicht mit deinem Wildhüter verheiratet
    wäre es vieleicht nicht der Fall.

  4. Anna-Lena schreibt:

    Bevor ich diese Art des Naseputzens praktizieren würde, könnte ich eher den Ziegenkopf essen.
    Deine Schilderungen sind echt der absolute Brüller, liebe chinomso. Habe herzlich gelacht :-). Ob ich das gleich in meinen Träumen weiter verarbeite??

    • chinomso schreibt:

      Hätte ich die Wahl und MÜSSTE mich entscheiden, würde ich das Naseputzen wählen. Mein Mann sagt, die Mamas in seiner Heimat spucken das Ergebnis dann immer aus. Die sind ja immer draussen. Da geht das. Nur hier war das nicht möglich.

      Ich hoffe, du hast was schönes geträumt.

  5. dorosgedankenduene schreibt:

    Uaaaarrgghh, nee, also dann lieber die Suppe und Zähne an die Seite gelegt. Und ich finde es ganz toll, daß du als weiße Frau so angenommen und akzeptiert wirst. Warst du denn schon öfter auf solchen Feiern? Sag, gibt es noch weitere Teile????

  6. paradalis schreibt:

    Das Einfachste ist oft das Beste. Die ganze Chemie bringt uns noch um.

    Insofern kann ich diese Art des Naseputzen nur befürworten.
    🙂

    Herzliche Grüße!

    • paradalis schreibt:

      Nachtrag. Was mich noch brennend interessiert, liebe Chinomso. Gibt es unter den afrikanischen Menschen, die du oder dein Wildhüter kennen, eigentlich auch Vegetarierer?
      Das wäre wirklich mal interessant zu wissen.
      Danke und lieben Gruß!

      • chinomso schreibt:

        Ich kenne keine afrikanischen Vegetarier. Man muss dabei immer bedenken, dass sie nur zu Festtagen viel Fleisch essen. Denn im Alltag wäre das unerschwinglich. Wenn es bei einer nig. Familie Stew mit Reis gibt (ne Art Gulasch) dann bekommt jeder genau 3 Stück Fleisch auf den blanken Reis und dann Soße satt. Mehr ist nicht drin, wenn man 6 Kinder hat.

  7. Sigrid schreibt:

    Tja, andere Länder andere Sitten!
    Aber ich würde wahrscheinlich auch lieber die Suppe mit Ziegenkopf essen.
    Aber die Varriante ist immer noch besser, als das ganze an dem Klamotten abzuschmieren.

  8. april schreibt:

    I bähhhh. Aber OK, wenn’s hilft und keinem schadet ;-))Ein bisschen muss ich schmunzeln 😉

  9. chinomso schreibt:

    Mir geht das Bild leider seit Samstag nicht aus dem Kopf. **brrrrr**

  10. Träumerle Kerstin schreibt:

    Das liest sich alles sehr interessant – bis auf den Schluss. Boah igitt, mir wird schon beim Lesen schlecht. Nee, da bin ich zu zart, da schüttelt es mich.

  11. Ruthie schreibt:

    Okaaaayyyyy. Das macht mir um einiges mehr aus als die Ziegenzähne. Unlogisch??

  12. tonari schreibt:

    Tja, Tempo kann nicht überall sein 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s