Andere Länder, andere Sitten

Vorab eine Warnung. Wer einen empfindlichen Magen hat, sich leicht ekelt oder zartbesaitet ist, bitte nicht weiterlesen. Nicht, dass mir dann Klagen kommen. 🙂 Das gilt auch für Teil 2.

Für die Hartgesottenen aber gehts hier weiter. ——–> Wir waren am Samstag auf einer Party, zu deren Veranstaltern der Wildhüter gehörte. Er ist der Sprecher eines nigerianischen Vereins hier in der Region. Man könnte die Party als eine kombinierte Weihnachts-, Silvester- und Neujahrsfeier bezeichnen. Erwartet wurden ca. 60 Gäste, alles Nigerianer mit ihren Familien, vom Kleinkind bis zur Oma. Jeder war herzlich eingeladen. Es gab warmes Essen und Getränke aller Art. Das Essen haben die Vereinsmitglieder für die Gäste gekocht und bereit gestellt. Selbstverständlich typisch nigerianisches Essen. Und auch die Musik war nigerianisch.

Ich hole mal ein bisschen aus, weil einige Dinge im Vorfeld geschehen sind, die ich entweder krass oder amüsant, aber auf alle Fälle erzählenswert finde.  Vor einigen Wochen schon, ich war auf der Heimfahrt vom Büro, da erhielt ich einen Anruf vom Wildhüter:  „I just want to tell you. I’m not at home. I’m in Worms and I’m buying a coat.“ Ich fragte ihn: „Wieso  kaufst du denn einen Mantel? Und warum denn ausgerechnet in Worms?“ Er antwortete: „No, I’m not buying a coat but I’m buying a goat!“ Eine Ziege also. Aha. Ich war erstmal sprachlos und fragte dann, wohin er denn damit wolle. Er meinte, die Ziege wäre für das Meeting im Januar. Und ich solle mir keine Sorgen machen, er würde sie nicht lebend nach Hause bringen. (wäre in einem 12-Parteien Mietshaus im 4 Stock auch irgendwie ungünstig)

Viele Stunden später, also mitten in der Nacht, kam er heim.  Er war bepackt mit mehreren Plastiksäcken, die beim Tragen eine dünne Blutspur auf der Treppe und im Fahrstuhl hinterlassen hatten. Die Spur war dann weiter gut sichtbar auf dem Laminat unseres Flurs, dem Wohnzimmerboden und endete auf dem Balkon. Dort wurden die Tüten mit dem grausigen Inhalt in einer Wanne zwischengelagert. Ich war schon wieder sprachlos. Als ich wenig später meine Sprache wiederfand, habe ich den Wildhüter aufgefordert umgehend das Treppenhaus und den Fahrstuhl zu säubern, bevor einer der Nachbarn die Kripo anruft.

Am nächsten Tag sollte das Ziegenfleisch planmässig in gulaschtaugliche Stücke zerteilt und  in kleinen Tüten eingefroren werden. Ich stiftete meinen Chefkoch morgens bevor ich das Haus verließ noch an, ein wenig von dem Meeting-Fleisch für uns Zweibeide abzuzweigen und was Gutes draus zu kochen. Er nickte grinsend.

Als ich am Abend nach Hause kam, roch es schon im Flur sehr gut. Ich freute mich auf Ziegenbraten. Der Wildhüter meinte, er habe aber nur den Kopf gekocht. Und wieder grinste er. Ich weiss dann nie, ob er mich veräppelt oder die Wahrheit spricht. Der Topf jedenfalls hatte nicht die Größe, die ich für einen Ziegenkopf als nötig ansah. Also schaute ich rein und sah Fleisch und Knochen in roter Soße. Legger. Ich freute mich aufs Essen. Es gab Reis dazu. Als ich mir dann etwas auf den Teller packen wollte und im Topf herum rührte, strahlte mich ein mit Zähnen bestückter Oberkiefer an. Das wars. Mir war der Appetit vergangen und ich schmierte mir ein Brot.

Der Wildhüter meinte, ich solle mich doch nicht so anstellen. Ich müsse ja nicht Teile vom Kopf essen, es gäbe ja auch anderes Fleisch im Topf. Aber mir stand der Sinn nicht nach einem Essen bzw. einer Soße, in der ein Ziegenkopf geschmurgelt worden war,.Der Gedanke an diese Zähne, die ein Ziegenleben lang gekaut hatten und nun in diesem Topf  sauber ausgekocht worden waren, der jagte mir Schauer über den Rücken. Das war alles „echt too much“ für mich.   Aber es kam noch besser….

Am anderen Tag stand ich in der Küche, kochte was und schaute dabei Löcher in die Luft. Dabei fiel mein Blick an die Zimmerdecke und entdeckte große dunkle Flecke rings um die Küchenlampe. Ich, schnell den Wildhüter herbei gerufen und interviewt. Er war genauso überrascht wie ich, hatte aber ne Idee, wie es dazu gekommen sein konnte. Japsend vor lachen fing er an zu erzählen. Am Vortag, als er den Ziegenkopf gekocht hatte, bekam er einen Anruf von seinem Freund. Während des Telefonats, den Hörer am Ohr,  lupfte er den Topfdeckel um nachzusehen, ob noch genug Wasser drin war. In dem Moment knallte es heftig und eine kochend heiße Brühe spritzte ihm beinahe ins Gesicht. Er wich aus und das Zeug spritzte dann wohl bis unter die Decke. Was war passiert?? Das Auge im Ziegenkopf war explodiert. Sein Freund meinte, das wäre die späte Rache der Ziege. Als sie das Tier beim Bauern in Worms gekauft hatten, lebte es noch. Und der Wildhüter war es, der aus der Herde genau dieses Tier ausgewählt und ihm damit das Todesurteil beschert hatte.

Als Erklärung ist unbedingt zu erwähnen, dass bei den meisten afrikanischen Völkern der Kopf eines Tieres als bestes Stück gilt (was man bei uns ein Filetstück nennt) und dem Familienoberhaupt oder Ehrengast vorbehalten ist. Dieser genießt dann die Ehre, die ihm damit erwiesen wird und verspeist so gut wie alles was am Kopf dran und im Kopf drin ist.  Das heisst, die Zunge, die Augen und auch das Hirn.

Mahlzeit!

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30 Antworten zu Andere Länder, andere Sitten

  1. freidenkerin schreibt:

    Booaaaah! 😆 Ich lach‘ mich schlapp! 😆 Ich muss mich festhalten, sonst kuller ich unter den Schreibtisch! 😆 Ich stell mir das grad so bildlich vor, wie dich aus dem Topf heraus das Ziegengebiß angrinst! 😆 Und das explodierende Auge! *Muahahaha!* 😆 Das ist ganz sicher nicht appetitlich, wenn man in der Realität mit dergleichen konfrontiert wird. Aber du erzählst das so ungemein staubtrocken, da läuft mein Kopfkino auf Hochtouren! *rofl*

    • chinomso schreibt:

      Meine Schmerzgrenze ist da sehr hoch. Egal wem ich das erzählt habe, ob meinen Eltern oder den Kollegen. Alle haben gesagt, ihnen wäre das Essen aus dem Gesicht gefallen.

      Und die meisten Frauen sagen, dass sie sich solche Sauereien in ihrer Küche/Wohnung verbieten würden.

      Aber wenn man mal gesehen hat, woher mein Mann kommt, wie er aufgewachsen ist, dann weiß man, dass sowas alles Normalität ist.
      Und solche Stories passieren ja auch nicht jeden Tag. Deshalb kann ich gut damit leben und amüsiere mich drüber.

  2. zimtapfel schreibt:

    Uuuuuuh, lecker! Da hätte ich mich aber auch verweigert…

    Bei dieser Sache mit dem besten Stück und dem Ehrengast fällt mir wieder die Geschichte der Freundin meiner Eltern ein, die früher mal mit einem Libanesen (oder Libyer) verheiratet war und mit diesem zum Antrittsbesuch zur Schwiegerfamilie gereist war. Dort gab es als besondere Spezialität eine Suppe in der massenweise Schafsaugen (oder auch Ziegenaugen) schwammen. Und weil sie als frischgebackene Schwiegertochter der Ehrengast war…nun ja. Auge um Auge oder wie heißt es so schön. 😀

    • chinomso schreibt:

      Au weia. Das ist ja schlimm.
      In solchen Fällen habe ich in Nigeria immer Magenprobleme vorgetäuscht. Einmal sollte ich einen sog. afrikanischen Salat bei Verwandten meines Mannes essen. Das war gekochte Schweineschwarte, in Palmöl schwimmend mit einem Gewürz wie Rosmarin. Das sah alles dunkelgrün und ölig aus. Eins der Kinder flüsterte mir auf englisch zu, ich solle das auf keinen Fall essen. Das wäre übelst. Und zack, hatte ich was am Magen. Und alle hatten Verständnis, dass ich nix aber auch garnichts mehr essen konnte. (was anderes gab es dort eh nicht)

  3. Gedankenkruemel schreibt:

    Das muss man sich bildlich vorstellen das Ziegengebiß
    grinst einen aus dem Topf an..
    Ich weiss nicht so recht was ich gemacht hätte
    aber gegessen hätte ich es nicht 🙂
    Einfach weil ich keine Tierköpfe usw mag.

    Schon als ich lass der Wilhüter solle umgehend
    die Blutspuren Treppenhaus und den Fahrstuhl
    beseitigen musste ich lachen..

    Danke für die tolle Beschreibung.

    LG, Elke

    • chinomso schreibt:

      Es hatte schon was von Krimi…. Blutspuren. Stell dir vor, ich sitze im Wozi am Laptop, er kommt rein mit der schweren Tüte und ruft: „Schnell, schnell mach die Balkontüre auf!! “ Und aus den Tüten tropft Blut. **örks** Wie grauselig. Und dann habe ich nachgeschaut und bin der Spur rückwärts gefolgt und tropf-tropf-tropf war alles voll im Hausflur und Lift. Wir haben vorwiegend Rentner im Haus. Wenn die das sehen, die kippen uns aus den Latschen. 🙂

      • Gedankenkruemel schreibt:

        Ja mit grösster Wahrscheinlichkeit wären die alten
        Leut’chen aus allen Wolken gefallen wenn sie da
        so Blutspuren im Treppenhaus gesehen hätten 😀
        Krimi pur..

      • nicky-neck schreibt:

        Ja, er weiss schon warum er dich Mittags vorgewahnt hat. Stell dir mal vor er wäre mit den blutigen Tüten ohne vorheriger Ansage eingefallen.
        Ja, Goat- davon schwärmt mein Mann auch so (zu meinem Glück gibt es dieses Fleisch nicht gerad so im Laden ;oD). Bei uns schwimmt immer der Fisch inklusive Kopf im Topf und das ist dann schon, für mich als ehemaliger/ fast noch Vegetarier, sehr grenzwertig wenn mich die Auglein so anschauen.

  4. lejontine schreibt:

    Immerhin hat dein Wildhüter dich ja vorgewarnt. Ich möchte gar nicht wissen, was mir vor Jahren in Indien so alles aufgetischt wurde, von dem ich nicht erfuhr, was es denn ist. Und wenn schon. Wenns nicht glibbert oder guckt ist das meiste okay. Aber im Kopf glibbert und guckt dann schon einiges. Aber spannend und abwechslungsreich scheints mir bei euch schon zu sein!

  5. Audubon Ron schreibt:

    Ich bin nicht hungrig. Forever!

  6. paradalis schreibt:

    Wo nehme ich jetzt einen Ziegenkopf her? Ich möchte doch, dass ihr euch im April hier bei mir wohl fühlt …
    *g*

  7. dorosgedankenduene schreibt:

    Herrlichst!!!!Ich lach mich weg. Dein Gesicht hätt ich trotzdem gern gesehen.Aber man hat ja auch schon gelesen daß in anderen Ländern solche Dinge als Spezialität gelten. Wasn nu mit dem Gebiss geworden? Wurde das nachdem dein Wildhüter gegessen hatte, vernichtet oder liegts noch irgendwo in der Kühltruhe *lol*
    So, und jetzt hüpf ich ganz schnell zu Teil 2.
    Lieben Gruß Doro

  8. april schreibt:

    Toll, dass und wie du das beschreibst. Das wäre nix für mich, auch wenn ich beim Lesen schaudernd schmunzeln musste. Im Grunde genommen essen wir wahrscheinlich auch ‚Schlimmes‘, wir wissen und sehen es nur nicht (was z.B. in der Wurst ist).
    P.S. Wenn man Fisch isst, guckt der einen auch oft vorwurfsvoll an. Trotzdem …

    • chinomso schreibt:

      Bei uns ist alles auf den ersten Blick und auch den zweiten weniger schauderlich. Aber wenn man hört, womit sie uns vergiften, dann sind mir alle Ziegenköpfe der Welt lieber…. wenn ich es recht bedenke.

      Wir sind nur zimperlich, verweichlicht und nix Gutes mehr gewöhnt.
      Das isses. Unsere Großeltern haben auch ein Tier mit allem was dazu gehört gegessen.

  9. bigi schreibt:

    😆
    Ach Chinomso, danke, dass du uns hast teilhaben lassen an der Geschichte. Es steht hier irgendwo schon mal kommentiert – es ist auch immer eine Frage des KopfKinos. Wobei ich ja eh zu den GefäßChirurgen des Essens zähle – ich muss alles bis aufs kleinste Fitzelchen zerlegen und sezieren, damit ich bloß keinen Knorpel, Schnadder oder Fett oder so erwische – selbst eine Gräte bringt mich schon auf dem schnellsten Weg zur Keramik.
    Hast du dir schon mal überlegt diese ganzen Geschichten zu einem Buch zusammen zu schreiben? Das wird bestimmt der Renner und eröffnet zudem auch viele andere BlickWinkel.
    Fühl dich ganz doll umarmt
    bigi

  10. chinomso schreibt:

    Ja so ein Esser ist (oder war?) mein Jüngster auch.
    „Mama, was ist das da Grünes? Was ist das da Braunes??“
    Eine Gräte und er rannte schreiend weg. Wenn man dem Essen noch das Tier ansah, dann war Schluß. Selbst Hühnerbeine aß er nicht, denn da sieht man ja, wo das mal am Huhn dran war. Am liebsten alles püriert und zur Unkenntlichkeit zerkocht.

    Buch? Ähm ja, dran gedacht habe ich schon mal. 🙂

    • bigi schreibt:

      Na ganz sooooo schlimm ist es nicht. Ich kann auf sowas nur nicht rumkauen – ich ess dir nen kompletten Fisch, aber sobald eine Gräte im Mund landet ist es einfach aus. Ich hab da, auch sehr zum Leidwesen aller Zahnärzte einen recht ausgeprägten WürgeReflex.
      Ich esse auch Zunge ohne Probleme *jammi*, andere Innereien weniger, aber eher wegen des Geschmacks als dass mir die Herkunft eklig wäre.

      Das wäre toll – ich bestell gleich mal eins vor. So ein Blick von dir als „weißer Ehefrau“ auf die Kultur des Schatzes aus dem anderen Land – und darauf, wie er seine Kultur hier lebt un dwas dann halt so dabei passiert.

  11. Barbara schreibt:

    Zum Schreien 😀 Gut, dass ich nur mit einem Schwaben verheiratet bin, da beschränkt sich mein kulinarischer „Kulturschock“ auf Spätzle, Maultaschen und Schupfnudeln 😉

  12. Herrlich, einfach nur herrlich. Jetzt nehme ich das Ganze erst mal richtig auf. Ziegen scheinen es so oder so in sich zu haben. Meine Güte, was du erlebt hast, ist reif für einen Kurzfilm. Flo hat vergangene Woche eine Ziege schlachten müssen. Chef meinte, lehn dich noch bissel mit dem Oberkörper auf sie drauf, die zappeln noch ewig lange. Gesagt, getan. Was passiert? Ziege reißt ihren Kopf nach oben, Blut vom Halsschnitt besudelt Flo und dann schaut die Ziege Flo auch noch an. Echt, der war geschockt. Bei dir fliegen sogar Augen derer durch die Küche. Booahhh. Dein Chefkoch ist ebenso genial. Der schlägt alle Fliegen mit einer Klappe. Und mal ehrlich, gibts zu. Du hast nur Angst gehabt, dass der Zahn auch mit einem Fluch belegt war und du Angst hattest, in die Lippe gebissen zu bekommen. Du bekommst auf jeden Fall heute das Sternchen des Tages von mir für diesen Blog. *

  13. tonari schreibt:

    Mal abgesehen davon, dass ich Ziegenfleisch bisher als äußerst lecker kennengelernt habe, meint der beste Fischkoch von allen auch, dass das beste am Karpfen auch der Kopf sei 😉 Noch fragen? 😆 Unsere Kerle würden sich auf Anhieb verstehen. Wann kommt ihr doch gleich? 😉

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