Er fehlt uns

Seit einigen Wochen fühlt sich das Leben in diesem Haus hier für uns anders an. Unser Lieblingsnachbar ist tot. Herr G. starb am Rosenmontag nach langer schwerer Krankheit.

Und was mich beinahe noch mehr erschüttert, als die Nachricht von seinem Tod ist, wie ich es erfahren habe. Ich war am vorletzten Samstag gerade dabei, meine Sache für die Fahrt nach NRW ins Auto zu laden, da sprach mich seine Frau an. „Wissen sie schon? Werner ist tot. Er ist am Rosenmontag gestorben. Ich war gerade mit meinem Freund Karneval feiern. Ich habe auf dem Stuhl gestanden, getanzt, gesungen und hatte eine Menge Spaß.“

Ich war so entsetzt, konnte garnichts sagen. Wie kann man blos so herzlos sein und das auch noch rausposaunen? Das Ehepaar (beide über 70)  hatten sich vor ca. einem Jahr getrennt, lebten aber weiter zusammen in der gemeinsamen Wohnung. Sie teilten sich die Zimmer auf, sie wusch und kochte sogar noch für ihn. Frau G. hatte aber auch einen Freund, der sie anfangs täglich abholte und wieder nach Hause brachte. Später schlief sie dann immer öfter bei ihm. Und so kam es dann auch mehrfach vor, dass sie nach Hause kam und ihr Mann nicht da war, weil er sich selber wieder ins Krankenhaus einweisen lassen hatte. Er litt anfangs „nur“ an Lungenkrebs. Der streute aber mehr und mehr und am Ende war der ganze Körper völlig verkrebst. Ich habe ihn am Ende manchmal nur noch  getroffen, wenn er  auf dem Weg zum Arzt war. Ein Bild des Jammers.

Als wir 2004 hier einzogen, war Herr G. bereits Rentner. Er war irgendwie immer draussen.  Früher war er Binnenschiffer gewesen und er brauchte das, draussen zu sein. Manchmal scherzten wir mit ihm und fragten, ob er eigentlich in Wahrheit in der Garage wohnte. Wann immer wir nach Hause kamen oder weg gingen, er war vor dem Haus oder in der Garage mit irgendwas zu Gange. Und es verging kein Tag, an dem wir nicht mit ihm plauderten. Er war den ganzen Tag mit allen Nachbarn der Straße im Gespräch. Er wusste über alles Bescheid, redete aber nie schlecht über die Leute. Und was ihn besonders auszeichnete, er half jedem mit Rat und Tat. Dabei ging es meist um handwerkliche Dinge. In seiner Garage und dem Keller gab es einen unglaublichen Fundus von Materialien aller Art, dazu seine stets guten Ideen  und immer das passende Werkzeug.  Herr G. hatte ein untrügliches Gespür dafür, wenn was nicht stimmte. Und wenn man nicht mit der Sprache raus wollte, dann „kitzelte“ er die Probleme regelrecht aus einem heraus. Wir, der Wildhüter und ich, nannten ihn Herr Bürgermeister. Er war uns ein väterlicher Freund.

Die letzten Monate hat er nur noch aus dem Fenster geschaut und von da aus das Leben da draussen kommentiert. Ich konnte ihm schon eine Freude machen mit der Art, wie ich einparkte. Er sagte immer: „Schaut euch das an. Sie ist die einzige Frau auf der Welt, die in einem Zug rückwärts einparken kann. Und das Auto steht wie es soll. Sowas habe ich noch nie gesehen.“ Ich muss immer noch schmunzeln, wenn ich an ihn denke. Und so halte ich ihn in sehr guter Erinnerung.

Nur, dass da jetzt keiner mehr aus diesem Fenster schaut, wenn ich heim komme, das tut  weh. Und es passiert mir immer wieder mal, dass ich, wie jetzt gerade, ein paar Tränen um ihn weine. Ich weiß, das freut ihn.

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16 Antworten zu Er fehlt uns

  1. Anna-Lena schreibt:

    Lücken dieser Art lassen sich kaum schließen.
    Etwas bizarr klingt die Aussage der Frau schon, ebenso wie eine Trennung in einer gemeinsamen Wohnung. Doch muss sich jeder sein Leben selbst einrichten.

    Ein Freund von uns liegt im Sterben (Speiseröhrenkrebs und Metastasen überall). Er ist zu Hause, wiegt mittlerweile unter 50 kg , kann sich vor Schwäche kaum noch bewegen und seit Weihnachten kann er nur noch trinken. Seine Frau erlebt das 24 Stunden am Tag mit. Würde sie eines Abends ins Kino gehen (was sie aber nicht tut – sie weicht nicht von seiner Seite), könnte ich es verstehen.
    Trotz aller Aussichtslosigkeit ist er noch nicht bereit zu gehen und hält an seinem bisschen Leben fest.

    • chinomso schreibt:

      Jeder, der einen schwerkranken Menschen pflegt, der braucht auch mal ne Auszeit. Das ist normal. Und wenn ES dann passiert, dann ist das Schicksal.

      Aber in dem Fall unserer Nachbarn…. ich hatte den Eindruck, sie ist froh, dass er weg ist. Nun räumt sie mit Begeisterung die Wohnung aus, verkauft sie dann und zieht zu ihrem Freund. Sie hat mir auch wieder und wieder (noch zu seinen Lebzeiten) gesagt, dass er ein Sch…. kerl wäre und dass sie viel mitgemacht habe mit ihm. Kann natürlich sein, dass das stimmt. ABER ich kenne ihn nur als freundlichen, netten ruhigen Rentner. Ein liebenswerter Mensch. Und das ist, was für mich zählt. Mein Eindruck. Auf das Gerede der Leute geben ich nichts. Auch nicht auf das seiner Frau.

      Ich wünsche eurem Freund, dass er nicht so sehr leiden muss. Es ist sicher unglaublich hart für die Frau, ihn so erleben zu müssen.

      Wir sollten alle froh sein, dass wir (der eine mehr – der andere vllt. weniger) gesund sind.

      • Anna-Lena schreibt:

        Wenn er so ein schlimmer Menschwar, wie die Frau sagt, warum ist sie dann nicht bereits ausgezogen? Das ist doch inkonsequent 😯

        Du hast schon recht mit deinem Empfinden ihm gegenüber und solltest ihn auch so in Erinnerung behalten.

        Mir fiel gerade wieder Loki Schmidt ein, die starb, als Helmut in Berlin war. Vielleicht kann man nicht so einfach sterben, wenn der Partner um einen herum ist.

        • chinomso schreibt:

          Das kann sein. Aber als Angehöriger möchte man dem Sterbenden gerne beistehen. Dabei sind diese oft wesentlich entspannter und ruhiger als derjenige, der am Bett sitzt und die Tränen verdrückt.

  2. marie418 schreibt:

    Ich kann das sehr gut verstehen, ist mir ja letztes Jahr leider auch passiert.

    Aber die Frau …. na ja 😯

  3. Lies von Lott schreibt:

    Ich finde es so schön, wie du über „den Bürgermeister“ schreibst. Ich denke, er hätte sich sehr gefreut.

    • chinomso schreibt:

      Das hätte er. Er war immer dankbar für jedes liebe Wort. Einmal, als er nach langem Krankenhausaufenthalt wieder daheim war und ich ihn im Fahrstuhl traf, habe ich ihn spontan umarmt und gesagt, wie froh ich bin, dass es ihm besser geht. Da strahlte er wie ein Honigkuchenpferd. So süß!!

      **wink gen Himmel zu Herrn G. – wir denken gerne an sie**

  4. dorosgedankenduene schreibt:

    Egal, ob die beiden jetzt getrennt in der gemeinsamen Wohnung lebten oder sie jemand anderen hatte, sie haben garantiert sehr viele Jahre auch gemeinsam gehabt. Und dann geht man doch nciht einen Tag nach dem Tod feiern und auf Stühlen tanzen. Wie pietätlos ist das denn????? Wer weiß, wer von den beiden der Scheisskerl/die Scheisskerlin 😉 war.
    Ich schüttel immer noch den Kopf.
    Dir ein schönes Wochenende, dem Wildhüter natürlich auch.
    ♥liche Grüsse
    Doro

    • chinomso schreibt:

      Die beiden haben 3 Kinder zusammen und die goldene Hochzeit hinter sich.
      Sie war stolz drauf, gerade dann getanzt zu haben als er im Krankenhaus starb. Mir war ganz schlecht, als sie das sagte. Gerne würde ich in solchen Situationen klipp und klar sagen, was ich denke. Ich bin dafür zu höflich (oder zu feige?).
      Mir blieb nichts als wieder und wieder zu sagen, wie traurig ich bin, dass er so alleine gestorben ist. Und dass er mir und Pascal sehr fehlen wird.
      Das passte ihr nicht. Das konnte man an ihrem Gesicht sehen.

  5. freidenkerin schreibt:

    Es schmerzt immer sehr, jemanden auf immer zu verlieren, den man Zeit seines Lebens mochte… Das ist schon sehr pietätlos von der Frau, heraus zu posaunen, was sie für einen Spaß hatte, als ihr Mann in den Tod gegangen ist… Wer weiß, ob die Behauptung, er sei ein Sch…kerl gewesen, objektiv überhaupt den Tatsachen entspricht. Vielleicht ist er ja ein guter Ehemann gewesen, und sie hat dies vor lauter Unzufriedenheit nicht zu schätzen gewusst?… Ich habe mir heute beim Gang durch’s „Nobelhotel“ mal wieder gedacht, dass doch jeder Mensch wie ein Buch ist – abgesehen vom Einband, der mal schlicht und mal recht pompös gestaltet sein kann, gibt es bei jedem von uns eine erkleckliche Anzahl geheimer und unergründlicher Seiten, die niemals Jemand zu Gesicht bekommen wird…
    Herzlichst!

  6. Gedankenkruemel schreibt:

    Pietätlos ja, kaltschnäuzig hört sich dies Aussage von
    dieser Frau an. Schlimm.
    Wenn du ihn als liebenswerten Menschen kanntest
    wundert es nicht das er euch fehlen wird.
    Würde mir auch so gehen.

    Liebe Grüsse
    Elke

  7. Lies von Lott schreibt:

    Bei dem Gespräch über die Frau mag ich jetzt doch noch einmischen…

    Ich glaube, jeder Mensch hat mehrere Gesichter und während uns die einen ganz zauberhaft finden, finden uns andere ganz grausam und viele weitere irgendwas dazwischen. Sicher wenn man verheiratet war sollte man sich potentiell eher zauberhaft finden, aber wenn man nur ausharrt bis eine gewisse Zeit rum ist, sich auseinanderlebt oder was auch immer, ist der Riss und der Gram ob nun der verschenkten Zeit wegen oder um des ehemals so lieb gehabten Menschens Willen oft so groß, dass darüber Pietät in Vergessenheit gerät.

    Schade, aber Alter schützt eben weder vor Gram, noch vor Bitterkeit, Schadenfreude, Gehässigkeit noch vor Fehlern.

    • chinomso schreibt:

      Ich mochte sie immer, ich mag die Frau immer noch.
      War einfach nur schockiert über diese harte, scheinbar herzlose Aussage.
      Man kann den Leuten nie in die Köpfe schauen.

      Es ist viele Jahre her, da haben wir das Ehepaar zu uns eingeladen. Es sollte ein Dankeschön für die Hilfe des Mannes sein. Sie sind nicht gekommen und die Ausreden (von ihr) schienen mir fadenscheinig. Heute weiss ich, sie waren schon damals wohl wie Katz und Hund und es sollte keiner wissen.

      Wie auch immer. Traurig das alles.

  8. Wenn ich solche Geschichten höre denk ich immer: Wer weiß, wie wir mal sind, wenn wir „alt“ werden“ Bei uns in der MühlenStraße wohnt eine alte Dame, zwei Häusere weiter im Obergeschoß. Sie sitzt immer am Fenster, füttert ihre StubenGeier (WellenSittiche), liest ihre OstseeHeizung(OstseeZeitung) und beobachtet die Straße. Sie hat einen teilweise miserablen Ruf in der Straße, der sich in Betitelungen wie „StraßenStasi“ äußert. Für mich ist sie eine freundliche alte Dame, die immer freundlich zuryckgrüßt, wenn ich freundlich zu ihr hoch nickköppe. Und ich weiß, daß sie mir fehlen wird, wenn auch sie eines Tages „weg vom Fenster“ ist, wie Dein Herr Bürgermeister, den Du als freundlichen Herrn in Erinnerung hast, auch wenn er in seinem Umfeld auch ein alter Griesgnaddel gewesen ist.
    GLGr aus der schönsten Hansestadt am Ryck vom Wolfgang.

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