Traurigkeit & Gänsehaut

Es geht mir auch eine Woche später nicht aus dem Kopf. Und deshalb muss ich das hier mal aufschreiben.

So wunderbar die kombinierte Geburtstagsfeier &  Bloggertreffen bei Heike auch waren, die Stadt Chemnitz hat bei mir den Eindruck eines wirklich trostlosen Ortes hinterlassen. Es schlägt mir aufs Gemüt, wenn eine Stadt mehr als 20 Jahre nach der Wende in einem so beklagenswerten Zustand ist. Wir waren nicht im Stadtzentrum, wo es sicherlich wie in den meisten deutschen Städten Prachtbauten und Vorzeigestraßen gibt. Wir haben nur die Randbezirke gesehen. Und das war wirklich deprimierend für mich.

Die Straßen Loch an Loch, notdürftig geflickt. Es gibt ganze Straßenzügen mit verlassenen, alten aber ehemals wunderschönen Stadthäusern. Fensterscheiben eingeworfen oder schon mit Brettern vernagelt. Auf den Fußwegen fast überall Glasscherben von Bierflaschen. Trifft man Jugendliche, sind acht von zehn mit einer Bierpulle in der einen und ner Kippe in der anderen Hand unterwegs. Auch morgens um 10 Uhr. Und man sieht viele Punker, Gruftis und andere extrem ungepflegte Gestalten. Klar, man sieht solche Leute überall in Deutschland. Keine Frage. Aber nicht in so großer Zahl.

Nur ein paar wenige Kilometer weiter, in Thüringen sieht es auffallend anders, Straßen vorwiegend okay und Häuser renoviert oder eben abgerissen. Ich frage mich: Wieso ist das so? Ist das Land Thüringen finanziell besser gestellt als Sachsen?

Vielleicht empfinde ich das alles auch so extrem, weil der Osten nun mal nach wie vor meine Heimat ist. Auch wenn ich seit beinahe 30 Jahren nicht mehr da lebe.

Apropos Heimat. Wir haben an dem Sonntag dann noch einen Überraschungsbesuch bei meinen Eltern gemacht. Die wohnen nur 85km von Chemnitz entfernt und ahnten nichts von unserem Besuch.

Das Navi leitete uns von der Autobahn herunter und führte uns nach Reichenbach wo ich vor exakt 30 Jahren (‚Sommer 1981) mein Studium abgeschlossen hatte. Reichenbach, ein kleiner Ort, in dem es auch heute noch Studenten gibt. Jetzt gehört die Schule in Reichenbach zur Hochschule Zwickau. Ich bin nämlich eigentlich ne Textil-Inschenöööse. Habe in dem Beruf aber nur 1 Jahr gearbeitet, dann kam mein zweites Kind und ich mutierte zur Hausfrau für paar Jahre.

 Zunächst war ich irritiert, dass ich nicht erkennen konnte, wo wir gerade waren. Straßen und Häuser kamen mir völlig unbekannt vor. Null Erinnerung. Ich wurde unruhig und zweifelte an meinem Erinnerungsvermögen. Mir wurde aber auch klar, dass ich seit 1981 nicht ein einziges Mal mehr dort gewesen war. Als ich dann endlich das alte und kaum veränderte Schulgebäude sah, bekam ich schlagartig eine echt krasse Gänsehaut. Die hielt minutenlang an. Das war ein spannender und vor allem ungeplanter Ausflug in meine Vergangenheit. 30 Jahre. Das muss man sich mal rein tun. Ich fasse es nicht.

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18 Antworten zu Traurigkeit & Gänsehaut

  1. Synapse schreibt:

    Da warst du nur 16km von mir entfernt. Reichenbach ist um die Ecke und auch nicht wirklich eine schöne Stadt. Wir fahren da oft durch, wenn wir Richtung Tschechei zum Tanken fahren.
    Es gibt in Sachsen schöne und weniger schöne Städte. Das ist wie überall. Schade, dass Chemnitz diesen Eindruck hinterlassen hat, denn es gibt, wie du schon geschrieben hast, auch sehr schöne und gepflegte Ecken.
    Und nun gehen wir zu Bett und ich wünsche dir angenehme Träume. Mandy

    • chinomso schreibt:

      Mandy, das glaube ich dir auf alle Fälle. Ich wollte auch keinem zu nahe treten, der dort wohnt und dessen Heimat das ist. Versteh mich nicht falsch.
      Ich habe das ne Woche lang mit mir rum getragen und mich gefragt: Soll ich das posten oder soll ich besser nicht. Aber es ging mir nicht aus dem Kopf und so wollte ich meine bedrückenden Eindrücke aufschreiben.

      • Synapse schreibt:

        Nein, nein, mach dir mal keine Gedanken. Ich habe schon verstanden, was du mit deinem Post ausdrücken wolltest. Es sind deine Gedanken und deine Empfindungen, die du mit dir herum getragen hast. Und ich finde es gut, wenn man nicht immer nur über das schreibt, was einem gefallen hat, sondern eben auch andere Seiten beleuchtet. Und du hast ja Recht mit deiner Meinung. Früher war das olle Karl-Marx-Stadt viel lebendiger und nicht so tot.
        Gönne dir heute einfach ganz viel Sonne, das macht gute Laune. Winke, Mandy

  2. Gisel@ schreibt:

    Da kann ich nicht viel zu sagen, in Chemnitz war ich noch nie, aber ich kann deine Deprimiertheit nachempfinden….und ja, die Zeit fliegt nur so an einem vorüber, vor 30 Jahren war so gut wie überall alles anders, manchmal besser, manchmal schlechter :).
    LG Gisela, dir noch einen guten Wochenbeginn.

  3. tonari schreibt:

    Du schreibst mir aus der Seele, was Chemnitz betrifft.
    Wir haben nur kurz in der Innenstadt eine Runde gedreht und die hat uns auch nicht besonders gut gefallen. Relativ leer für einen Samstagnachmittag, gesichtslose, weil austauschbare Einkaufspassagen, zugige Plätze, einfach trist… Auf dem Weg vom und zum Hotel auffallend viele leerstehende Häuser, die zum Verkauf stehen, aber allmählich ihren ursprünglichen Charme verlieren. Die Straßen ziemlich kaputt, aber das sieht hier in Berlin auch nicht anders aus 😉

  4. paradalis schreibt:

    Ihr lasst mir keine andere Wahl … ich werde nun in Chemnitz schöne Ecken suchen. (Hoffentlich finde ich auch welche. *g*)

    🙂

    Liebe I., ich fühle mich nicht „angepieselt“, weil dir Chemnitz nicht gefällt. Mir gefallen dort selbst nur ganz wenige Ecken, eigentlich lediglich der Wald. (Und davon gibt es schon ausreichend Fotos.) Aber das kann auch daran liegen, dass ich bisher eben meist nur im Rahmen von Kundenbesuchen in der Stadt unterwegs war. Obwohl, Margot oder Ruth war es doch, die die Gegend um das Rathaus fotografierten? Dort kann man durchaus ganz nett im Straßencafé sitzen. (Bei den Pinguinen auf Tonaris Fotos, da muss man nur die Klosterstraße rein laufen.)

    Also, ich werde die Augen offenhalten. Nicht, um euch von Chemnitz zu überzeugen, sondern einfach, um selbst zu erfahren, ob es nicht doch ein paar nette Ecken gibt.
    🙂

    Liebe Grüße in die Runde,
    habt einen schönen Wochenbeginn!
    Heike

  5. bigi schreibt:

    Ich möchte jetzt nicht unbedingt eine politische Diskussion aus deinem traurigen Post erwachsen lassen – aber wenn man überlegt, wer, wenn auch nicht regierend aber sicher „führernd“ seine Finger im Spiel hat, dann kann ich mir diesen Zustand gerade für Sachsen erklären. Erst verfallen lassen – Gelder verschieben und dann als große rettende Baumeister… nein, ich mag das nicht weiter ausmalen. Hier in MecklenburgVorpommern ist es mancherorts genauso und mancherorts ist hier da, wo die Dichte der braunen hirnlosen Masse am Größten ist. *seufz*
    Liebe Grüße
    bigi

  6. Sigrid schreibt:

    Das ist leider das Los von Chemnitz. Nach der Wende wurde viel Geld nach Dresden und Leipzig gepumt (wobei die Randbezirke dort auch nicht besser aussehen).
    Über die Innenstadt kann man herrlich streiten. Aber die wurde schon nach ’45 „kaputt gemacht“ und nach 1990 eigentlich noch einmal.
    Ihr habt leider mit dem Sonnenberg eines der absoluten Problemviertel kennengelernt und die „Einflugschneißen“ von der Autobahn sind wohl in keiner Stadt schön, da dort niemand wohnen möchte.
    Heike, ich glaube wir müssen das Bloggertreffen unbedingt wiederholen und unseren Gästen mal die schönen Seiten von Chemnitz zeigen. Diese Aussagen können wir doch nicht auf Chemnitz sitzen lassen. In die Orga können wir uns gerne reinteilen.

  7. freidenkerin schreibt:

    Chemnitz hat durchaus seine hübschen Eckchen, schon… Ruth und mir kam bei unserem Streifzug durch die Stadt diese irgendwie sinn- und planlos zusammengeflickschustert vor, was Planung, Architektur, Instandsetzung und Verfall betrifft. Ich war manchmal sehr betroffen davon, was da zum Teil an wertvoller und wunderschöner Bausubstanz einfach dem Verfall preisgegeben wird. Und einige der hochmodernen Bauwerke rund um den Rathausplatz erinnerten vor allem Ruth an Las Vegas und andere amerikanische Städte…
    Herzliche Grüße!

    • Sigrid schreibt:

      Die Galerie Roter Turm kann einen tatsächlich an Las Vegas erinnern.
      Im Großen ud Ganzen glaube ich aber, dass man versucht hat das beste aus der verbauten Innenstadt zu machen.
      Dien Stadtoberen müssen sich nur vorwerfen lassen, kurz nach der Wende die Innenstadt und ihre Infrastruktur durch die Einkaufzentren auf der grünen Wiese zerstört zu haben. Eines der Opfer ist auch der von Heike beschriebene Brühl. Jetzt ist man mühsam dabei, dass alles irgendwie wieder rückgängig zu machen.

  8. Gudrun schreibt:

    Ach ja, die Großstädte in Sachsen. Ehemals waren Chemnitz und Leipzig mal Industriestandorte. Das ist weg. Nichts mehr mit Maschinenbau. Viele haben den Halt verloren oder gar nicht erst gefunden.
    Seit einiger Zeit plane ich einen Umzug nach Leipzig. Immer, wenn ich dort auf Wohnungssuche bin, dann falle ich in genau so eine Stimmung, wie du sie oben beschreibst. Es wird wohl nun noch einige Zeit dauern.
    Leer ist die Stadt am Sonntag auch, sogar zum Leipzigmarathon. Einige Geschäfte in der Innenstadt hatten geöffnet. Breuninger und Co. allerdings nicht. Wer soll da einfach mal so hingehen. In Leipzig gibt es jetzt die Wächterhäuser. Ein Verein versucht, ganz alte Häuser am Verfall zu retten. Ob das gelingt, oder, ob sich da nur wieder einige profilieren?
    Auf alle Fälle hat man in den Städten alle Fehler gemacht, die man in Stuttgart z.B. schon seit 20 Jahren vor der Wende als Fehler erkannt hatte, städtbaulich gesehen.

    Liebe Grüße aus dem Spinnstübchen
    (Ist schon komisch, dass einem die verfallensten Buden und finstersten Gestalten zuerst auffallen.)

  9. Gedankenkruemel schreibt:

    Ich verstehe dich sehr gut, wie du es empfindest.
    Mir geht es ebenso, bin ja in Sachsen geboren.

    In Leipzig z.B. schaut es nicht mehr so im Centrum aus,
    aber desto trauriger in anderen Stadtteilen.

    Berlin ebenso..

    Ich habe ein paar Fotos von Chemnitz gepostet
    die nicht so „düster“ sind.

    Liebe Grüsse
    Elke

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