Contenance, es ist die Verwandtschaft

Gestern war wieder höfliche Zurückhaltung von Nöten. Abends klingelte mein Handy. Auf dem Display eine mir unbekannte, endlos lange nigerianische Nummer. Ich ging ran und meldete mich mit meinem Namen. Der Mann am anderen Ende fragte:“Ist das Iris?“

Ich dachte: „Natürlich, du Idiot. Wenn du meine Nummer wählst, wer soll dann schon dran sein? Denkst du mein Handy liegt in ner Telefonzelle zum Gebrauch für jedermann aus?“

Ich antwortete artig: „Ja natürlich, hier ist Iris.“
Er lachte irgendwie hysterisch und fragte dann: „Weißt du wer ich bin? Weißt du wer dich anruft? Erkennst du denn überhaupt meine Stimme??“

Ich war schon wieder voll angenervt, hasse ich doch diese albernen Spielchen, wenn einer meint, mich für blöd verkaufen zu können und sich als Mr. Geheimnisvoll aufspielt. Am liebsten hätte ich geantwortet: „Wenn du die minimalen Grundregeln der Telefonkonversation beherrschen würdest, du Depp, dann wüsstest du, dass man sich zu Beginn eines Telefonats mit Namen meldet und erst dann sagt, was man sagen will. Aber so dämlich wie du, schwafelt selten einer daher. Da muss ich nicht lange überlegen, wer du bist.“

Brav gab ich Antwort und sagte meinen obligatorischen Fragenkatalog auf:
„Ja, du bist Bright, der Bruder meines Mannes, der mich da anruft. Wie geht es dir? Wie geht es deiner Familie? Was macht Mama Salomina? Ist mein Mann schon bei euch??“

Er lachte (keiner außer ihm weiss, was daran so lustig ist) und alle um ihn herum lachten aus Höflichkeit mit. Aus dem Hintergrund rief mein Mann: „Hallo Schatz!“ Mein Schwager vergeudete das schöne Telefonguthaben damit, indem er mir bestätigte, dass alle wohlauf sind, dass alle mich grüßen lassen und fragte mich nach meinem Wohlbefinden, dem Befinden meiner Kinder, Eltern, Vorfahren, Katz, Hund, Wellensittich, Aquarienfische, Plüschtiere, Quietscheentchen, Amsel, Drossel, Fink und Star und allen Straßenkötern der Region. **uff, geschafft***

Ich bestätigte ihm, was er hören wollte und da wäre das Telefonat schon wieder erschöpft gewesen. Mehr weiss er nicht zu sagen. Das ist sein Telefontext, der scheinbar auf Knopfdruck irgendwie abgespult wird. Und für mich ist das so unnütz wie noch was. Ich hasse solchen Worthülsensalat. Denn ich weiss, würde es mir schlecht gehen, wäre es ihm grad egal oder er wäre genauso ratlos, wie er eigentlich immer ist. Oder er würde kurz und knapp sagen: „Oh, sorry.“

Damit kann ich nix anfangen. Echt nicht. Das ist so eine sinnlose Aktion. Wenn ich nichts zu reden habe, dann lass ich’s. Oder?

Ich weiss, ich weiss. Es gehört sich, dass man hin und wieder nachfragt, dass man Interesse heuchelt, wenn schon keins da ist. Aber ich sehe bei aller Höflichkeit keinen Sinn drin und ich weigere mich einfach, alles in mir sträubt sich, solche Telefonate zu führen.

Und so wagte ich es, vor dem obligatorischen Verabschiedungs-Textbaustein einen Satz einzuschmuggeln: „Mir geht es gut, das einzige was mir fehlt ist mein Mann.“ (für ihn dann: „I’m fine. I’m only missing my husband.“) Das riss ihn aus seiner Worthülsen-Lethargie. Er schrie regelrecht die Frage in den Hörer:“ „Was??? Du vermisst dein Handy?“ („What? You are missing your handset?“ Anm. d. Red.: Handset ist der in Nigeria häufig verwendete Ausdruck für Handy)
Das wäre für ihn ne echte Katastrophe, schlimmer als ein Sterbefall in der Familie. Wenn das Handy verloren geht, dann ist das Lebensglück im Eimer.

LIEBER GOTT, danke danke danke, dass du zwischen mir und diesen Mann eine solch große Entfernung eingeplant hast. Das war sehr weise von dir. Ein Glück für alle Beteiligten.

Abschließend sei zu erwähnen, dass ich damit zwar wusste, dass mein Wildhüter im Village bei Mama Salomina angekommen ist, aber mehr auch nicht. Es wurde ihm nicht gewährt auf (Telefon)Kosten seines Bruders ein Wort mit seiner Frau zu wechseln. **grrrmmpf*** Selbstverständlich hat er mich dann später am Abend noch angerufen und wir haben geredet, als alle wieder gegangen waren und der Spuk vorbei.

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9 Antworten zu Contenance, es ist die Verwandtschaft

  1. freidenkerin schreibt:

    Ja, ja, für manche Familienmitglieder benötigt man einen extra dicken Vorrat an Contenance… 😉
    Ich hasse solche Worthülsen- und Phrasen-Anhäufungen auch sehr! Da ist mir jemand, der nix oder nicht viel sagt, am A… tausend mal lieber als solch eine Plappertasche. Und ja, diejenigen, die sülzen ohne Ende, sind auch diejenigen, auf die man sich in einer schwierigen Situation nicht im geringsten verlassen kann…
    Herzliche Grüße!

  2. ♥♥♥ schreibt:

    man hast du geduld.. in solchen fällen ist bei mir immer ein funkloch *g*
    lg ute

  3. chinomso schreibt:

    Das ist mit dem immer so. Dann müsste ich immer ein Funkloch haben. Das würde dann doch auffallen. Ich lasse es über mich ergehen. Aber wirklich nur meinem Mann zuliebe. Sonst würden alle denken, er hat arrogante Ziege als Frau. Und das will ja keiner. 🙂

  4. DagmarPetra schreibt:

    Nun ja! Hast Du nicht ein paar Seiten vorher für das Verständnis der Familie Deines Wildhüters geworben??
    Eine stille Leserin aus dem Taunus )

  5. chinomso schreibt:

    Meine Meinung zum Thema Telefonate mit der Familie war immer schon so. Daruber habe ich auch schon mal geschrieben.
    Guckst du hier—> https://chinomso.wordpress.com/2009/11/30/worthulsen-salat/

    Schön, dass dich mein Beitrag bewogen hat mal einen Kommentar zu hinterlassen.
    Willkommen.

  6. Anna-Lena schreibt:

    „Freunde kann man sich aussuchen,
    Verwandte nicht“

    Da stelle ich mir vor, wie du zu Beginn deines hart verdienten Urlaubes schmachtend zu Hause sitzt und sehnsüchtig die Rückkehr deines Wildhüters erwartetst und dann wirst du mit einem small talk belästigt 😯

    Ich glaube, ich wäre da nicht so geduldig geblieben.
    Ich habe mittlerweile einige verwandtschaftliche Beziehungen zu den Akten gelegt, sie sich einmal im Jahr auf einen kurzen Geburtstagsanruf beschränken und der Rest nur noch ein immer wiederkehrendes bla bla ist. Wenn das das einzige Interesse ist, dann brauche ich das so dringend wie ein Loch im Kopf.

    Hab einen sonnigen Urlaubsbeginn und genieße, liebe chinomso ♥

  7. … Da hoffe ich, daß Dein WildHüter doch recht bald wieder „an Land “ ist und sein feiner Herr Bruder Dich dann auch nur noch analperipher zu interessieren braucht. Es scheint wohl dort zum „Guten Ton“ zu gehören, die Frauen für dumm zu verkaufen, zum Gaudium der anwesenden Herren. Da brauchst Du auch keine gute Miene zum fiesen Spiel zu machen, finde ich, und kannst denen ruhig zeigen, wo der „Aus“-Knopf an Deinem Telephon ist. Dein WildHüter wird es verstehen. Du mußt jetzt nur noch auf den SeeRäuber aufpassen. Wie doof wär das, wenn der den See raubt und Du mit dem WildHüter dann an einem trockenen SeeUfer den SonnenUntergang erleben müßt*grins* und gar nicht baden könnt. Ganz liebe Grüße vom Wolfgang aus der regennassen Stadt am regennassen Meer.

  8. care steen schreibt:

    ich konnte mit meiner Mutter nie telefonieren, ohne das sie mir einen Witz erzählte…muss in der Familie gelegen haben, mein Onkel war auch so … 😉

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