Nigeria Impressionen – Nachschlag

Ich habe mich erkundigt, was den Arbeitseinsatz der Frauen angeht. Da wird ein fester Termin gemacht, an dem in der ganzen Gemeinde die Frauen zum öffentlichen Dienst antreten müssen. Wer nicht kann, der muss jemanden anderen aus der Familie schicken. Geschieht das nicht und er gibt keinen vernünftigen und vor allem wichtigen Grund, warum keiner diese Arbeit erledigt hat, dann gibt es eine Strafe. Das ist meistens ne geringe Geldstrafe. Vertreter der Gemeinde kommen zur Familie nach Hause um den Betrag zu kassieren, der der Gemeinde zugute kommt. Kann jemand nicht zahlen muss er in Naturalien zahlen. Obst, Gemüse, Eier oder Milch. Was eben da ist. Ist sowas auch nicht da, dann wird ein Haushaltsgegenstand konfisziert und auf dem Markt zu Geld gemacht. Man entkommt der Strafe also nicht. 🙂

Hier nochmal meine Stieftochter Mabelle mit der kleinen Pascaline bei der Zubereitung der Milch für die Kleine. Sie macht das im Innenhof bei Oma Salomina.

Und noch eins fürs Fotoalbum…

Nochmal etwas zum Thema Bildung. Ich muss hier eine Richtigstellung bringen. Ich hatte neulich geschrieben William, unser Neffe – der junge Mann, der für mich das Gras geschnitten hat, hätte seinen Schulabschluß nicht geschafft und müsse nun ohne einen Abschluß eine Arbeit suchen. FALSCH!! Gestern haben wir erfahren, dass er doch noch die Kurve gekriegt hat. Das heisst, er ist einer von etwas mehr als einer Million junger Leute, die am letzten Samstag nigeriaweit ihr Abi gemacht haben. Dort findet die finale Abschlußprüfung aller Abiturienten jedes Jahr an einem bestimmten Tag statt, damit Prüfungsfragen nicht weiter gegeben werden können. Ihr wisst schon… Korruption usw.

Und nun das Tragische. Für eine Anzahl von mehr als einer Million erfolgreicher Absolventen stehen landesweit alles in allem lediglich 500.000 Studienplätze zur Verfügung. Und die bekommen dann die, die sich da per Beziehung oder mit Geld „einkaufen“ können. Der Rest, der leer ausgeht, für den ist der Bildungsweg im eigenen Land an der Stelle zu Ende. Wenige hangeln sich ein Jahr lang mit Gelegenheitsjobs durch und versuchen mit Nachweisen über Praktika und kleine Weiterbildungen für einen Studienplatz im nächsten Jahr zu qualifizieren. Manche schaffen es, aber es kommen ja wieder eine Million neue Bewerber dazu. Also sehen viele ihr Heil nur in der Auswanderung. Kann man es ihnen verdenken??
Diejenigen, die einen Studienplatz im Lande ergattern und das Studium erfolgreich abschließen – das sind jedes Jahr ca. 500.000 Studenten – die müssen sich dann um jährlich 200.000 Arbeitsplätze für Absolventen kloppen. Auch da stimmt das Zahlenverhältnis wieder nicht und die jungen Leute sehen die Auswanderung als einzigen Weg ihr Studium im Berufsleben anwenden zu können. Aber es ist schon recht schwer nach USA zu gehen, green card ist begehrt, aber Glückssache. Doch die europäischen Länder halten noch viel mehr und vorallem bürokratische Hürden für die afrikanischen Studenten/Absolventen bereit.

Für einen anderen Neffen hatte mein Wildhüter in 2010 in Schweden schon den Weg für ein Studium geebnet, sprich alles in Erfahrung gebracht, was man wo beantragen muss und was benötigt wird, damit man dort einen Studienplatz ergattern kann. Und dann? Dann hat der Kandidat das Abi in den Sand gesetzt. Game over.

Nun müssen wir mal sehen, was wir für William tun können. Ich hatte ihn mir 2007, als ich in Nigeria war, vorgeknöpft und ihm ein 2-teiliges Stift-Set (Füller und Kugelschreiber) im Lederetui geschenkt. Und als konkrete Ansage dazu hatte ich ihm versprochen, dass wir von ihm erwarten, dass er alles gibt um das Abi zu schaffen, denn dann werden wir ihm helfen einen Studienplatz in Europa zu bekommen. Und nun haben wir den „Salat“ 🙂 Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen. 🙂 Aber wir kriegen das schon hin.
Die skandinavischen Länder sind weniger „zugeknöpft“ bei der Aufnahme von Studenten aus Afrika. Hier müssen sie auch einen erfolgreich abgeschlossenen Deutschkurs nachweisen. In Schweden reichen die Englischkenntnisse aus.

Hier einige der beinahe zahllosen Nichten und Neffen auf dem Markt beim Verkauf von Lebensmitteln. Kinder in Nigeria haben nach Schulschluss jeden Tag viele Aufgaben für die Familie zu erfüllen und somit viel weniger Freizeit als unsere Kids. Und wer ist am jaulen und maulen? Unsere.

Und dann zeige ich euch noch Samuel, den jüngsten Neffe. Er ist auch der jüngste Bruder von sechs Schwestern. Damit gibts für ihn wenig Freiraum. Wenn Papa nicht da ist, der ihm viel durchgehen lässt- wie einem kleinen Prinz – dann hat er quasi sieben Mamas (Mama Ugochi + sechs große Schwestern) die ihn von A nach B scheuchen. Ich finde das immer sehr amüsant, wie sie ihn herum bugsieren. Die Schwestern übertreffen sich gegenseitig mit ihren Erziehungsmaßnahmen. 🙂 Eine weiß es besser als die nächste, was gut für Samuel ist.

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5 Antworten zu Nigeria Impressionen – Nachschlag

  1. freidenkerin schreibt:

    Danke, meine Liebe, für deine Insider-Informationen, was Bildung und Chancen für junge Menschen in Nigeria betrifft… Man ist sich leider, leider hierzulande viel zu selten bewusst, wie ungemein gut wir es im Grunde genommen haben… Solche Reportagen wie deine führen vor Augen, wie dankbar wir hier an jedem Tag sein müssten…
    Herzlichst!

  2. Träumerle Kerstin schreibt:

    Habe gerade Deine Berichte rückwärts gelesen und bin ganz gerührt über eure Fürsorge. Dann drücke ich die Daumen, dass ihr eure Versprechungen wahr machen könnt, das wäre ein großer Schritt für den jungen Menschen.
    Die Frauen sehen so schick aus, meine Augen bleiben an den bunten und goldenen Gewändern hängen, das ist schon eine andere Welt.
    Liebe Grüße von Kerstin.

    • chinomso schreibt:

      Kerstin, es ist halt unsere Familie. Das ist nur Hilfe zur Selbsthilfe, die wir leisten. Wir können nicht für alle zahlen und allen ein besseres Leben verschaffen. Aber wir sind einfach überzeugt, dass es über eine gute Ausbildung möglich ist, dass sie gute Jobs bekommen und dann selber was erreichen. Schön wäre es, wenn es in Nigeria möglich wäre. Aber wenn das eben nicht geht, dann im Ausland. Irgendwo in der Welt.

  3. chinomso schreibt:

    Man sagt in Nigeria, dass das eine enorme Gefahr birgt. Die Jugend wird immer gebildeter, sie tun was jeder ihnen sagt, die lernen und legen viel Energie in ihre Ausbildung. Die Familien kratzen jeden Heller zusammen, damit aus den Kindern was wird. Und dann?? Der Staat kümmert sich nicht um die Jugend. Und wenn sich da nicht bald was tut, wird es Revolten geben. Und dagegen wird die Jasmin Revolution in Nordafrika eher klein und mickrig erscheinen. So jedenfalls die Meinung der Leute in Nigeria, die nicht nur darauf hoffen, dass es der liebe Gott schon richten wird.

  4. Frau Fröhlich schreibt:

    Ich lese immer mit Begeisterung deine Nigeria-Berichte. Solch ein Wissen erhält man in der Regel nur von Betroffenen und deren Angehörigen.

    Ein katastrophaler Zustand. In einem Land gibt es mehr Abiturienten als Stellen etc. und in anderen Ländern immer weniger und es werden händeringend Leute gesucht.

    Aber wie das so ist auf der Welt. Überall gibt es diese Ungleichheiten.

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