Was gehts mich denn an?

Manchmal wünsche ich mir, ein wenig mutiger zu sein. Man könnte es auch konsequenter oder frecher nennen. Je nach Sachlage.

Derzeit geht es in Bloggersdorf auch um das Thema Toleranz. Und ich habe schon wieder gute Gedanken aufgeschnappt, die mir gar nicht mehr aus dem Kopf gehen. So zum Beispiel bei April. Durch die somit geschärfte Aufmerksamkeit bestens präpariert, sind mir heute beim Einkaufen gleich zwei Fälle von „Sag ich jetzt was?“ unter gekommen.

Fall A: Die Kassierin im Getränkemarkt.
Ein Frau Anfang 50, mittelgroß, mittelschlank, sehr schütteres, knallrot gefärbtes Haar,  äußerst fahler Teint, künstliche Fingernägel in hellgrün-weißem Glitter-Dekor. Sie trug ein ärmelloses Top mit ausgesprochem tiefen Halsausschnitt. Beim Scannen meiner Getränkekisten beugte sie sich nach vorne. Nicht nur ich blickte in dem Moment zwangsläufig auf einen sehr schlaffen halterlosen Busen, der faltig im Ausschnitt herum bammelte. Meine Gefühle schwankten zwischen Ekel und Mitleid. Als das Mitleid endlich überwog, hätte ich so gerne was zu ihr gesagt. Irgendwie sowas wie: „Heute ist es aber gar nicht warm. Ziehen sie sich doch mal was drüber. Ist ihnen nicht kalt??*zwinker-blinker **

Natürlich habe ich nichts gesagt und bin gegangen.

Fall B: Ein Mann, im Auto sitzend vor dem Getränkemarkt
Der untersetzte Mittvierziger mit fehlendem Haupthaar zeigte viel von seinen schafskäseweißen Stachelbeerbeinen, denn er trug nicht nur weiße Socken und Sandalen sondern eine sehr kurze Hose. Die Beifahrertür stand offen. Ein Bein drinnen, ein Bein draussen. Hingebungsvoll, die Zungenspitze zwischen den Lippen, befreite er mit einer spitzen Nagelschere erst seine Fingernägel vom üppigen Trauerrand, dann fing er an, die Nägel zu schneiden. Knack, knack, knack. Er überzeugte sich hin und wieder mit einem Rundblick davon, dass Passanten auch mitbekamen, was für ein reinlicher Typ er ist. Hin und wieder wischte er zärtlich die abgeschnittenen immer noch schwarzen Nägel von seinem Oberschenkel auf den Parkplatz. Und auch dabei vergewisserte er sich wieder, dass jeder das sehen konnte. Er schmunzelte zufrieden, als er in die verdutzten Gesichter geschaut hatte.

Es gibt so einen schönen alten Spruch: „Wenn du denkst, du bist allein, dann mache deine Nägel rein.“ Ich wäre gerne zu dem Kerl hin gegangen und hätte ihm den rein gereicht. Aber so wie der aussah, hätte er nicht verstanden, was ich damit sagen will.

Benehmen ist einfach Glückssache.

Ich fuhr weg. Im Rückspiegel sah ich, wie er schnell seinen Kram zusammen packte und hinter mit her fuhr. Bei der nächsten Station meiner Einkaufstour hielt er auch an, und als ich den Markt betrat, dackelte er ne Weile hinter mit her. **mir ist immer noch schlecht**
Im Nachhinein wird mir klar, dass er meine Blicke falsch interpretiert hat. Hätte ich doch nur was zu ihm gesagt. Ihn so richtig schön nach allen Regeln der Kunst frisch gemacht. **grummel***

Was meint ihr??

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17 Antworten zu Was gehts mich denn an?

  1. freidenkerin schreibt:

    Ich glaube, dass du bei den Beiden nicht grade gut angekommen wärst, hättest du etwas gesagt, bzw. sie hätten überhaupt nicht verstanden, WARUM du sie ansprichst. Vielleicht sind diese Dinge, die dir so ins Auge gefallen sind, für sie selbstverständlich, vielleicht leben sie auch in einem Umfeld, das sich nicht daran stört, wie sie sich in der Öffentlichkeit zeigen… Gut verstehen kann ich dich auf alle Fälle, ich hätte mir auch mehrere Knoten in die Zunge machen müssen, um nichts zu sagen…
    Und – manchmal hat Schweigen und Darüberhinwegsehen überhaupt nicht das Geringste mit dem Fehlen von Mut zu tun. 😉 Daran mangelt es dir nämlich überhaupt nicht! 😀
    Liebe Grüße!

  2. chinomso schreibt:

    Liebe Margot, kann sein, dass du richtig liegst mit deiner Vermutung. Aber wenn sich jemand so in der Öffentlichkeit präsentiert und es richtig und normal findet, dann überschreitet er Grenzen. Seine Mitmenschen sind unangenehm berührt oder gar angeekelt. Mir scheint, man müsste schon was sagen. Aber ich drehe mich dann doch eher weg und verschwinde. Denn hier kommt keiner zu Schaden. Nur der gute Geschmack.

    • freidenkerin schreibt:

      Eben. Keiner kommt zu Schaden… Ich bin sicher, dass du sehr beherzt eingeschritten wärst, hätte die „Dame“ mit der halterlosen „Milchbar“, oder der „Klauenschneider“ ein Kind geschlagen, jemanden angeschnauzt, bedrängt etc…
      Mir kam gestern am helllichten Nachmittag auf dem Gehsteig ein junges Pärchen entgegen. Er trug Bermudashorts – und fuhr sich mit einem Male ungeniert mit der Hand zwischen die Beine, vermutlich, um sein Gemächt neu zu justieren. Da musste ich auch all meine Zurückhaltung aufbieten, um kommentarlos die Beiden zu passieren!…

      • chinomso schreibt:

        Er hat sicher im Bermuda Dreieck nach seiner Property gesehen. Da verschwindet ja mal gerne was. Wie kann man als Mann sowas denn überhaupt angstfrei anziehen?? Das schaffen sicher nur ganze Kerle. Echte Helden. **kicher** Oder die, die nix zu verlieren haben. 🙂

        • freidenkerin schreibt:

          *Hahahaha!* 😆 Stimmt – ja! Im Bermuda-Dreieck sind ja schon sehr oft Sachen verschwunden – Schiffe, Flugzeuge – warum nicht auch kleine „Freudenspender“! :mrgreen:

  3. april schreibt:

    Ihgitt. Aber das ist es eben, ich glaube, hier ist Toleranz gefragt. Sie schaden keinem außer dem ästhetischen Empfinden. Und wenn es einen noch so ekelt, da muss man wegsehen. Wenn ich allerdings Chef dieser Dame wäre, würde ich sie bitten, anständige Kleidung anzuziehen. Was diesen w… Typ angeht, da könnte ich schon mal ganz intolerant daherkommen und was ganz Böses sagen, was ich hier nicht wiedergeben werde. (Ich bin eben kein Gutmensch 😉

  4. Anna-Lena schreibt:

    Ich hätte mir den berühmt-berüchtigten Knoten in die Zunge gemacht, denn ich glaube, weder der eine noch die andere würden sich da ein Ei drauf pellen. Für sie scheint das selbstverständlich zu sein, selbst wenn andere sich an den Kopf fassen oder sogar ekeln (was ich in beiden Fällen auch getan hätte)

  5. Lies von Lott schreibt:

    Ehrlich gesagt hätte ich beides nicht mutig, sondern taktlos gefunden. Sicher ist es nicht so prall wenn man an der Supermarktkasse Angst haben muss zwei Äpfel mehr auf dem Fließband zu haben, aber die Frau hat einen Spiegel und ich finde solche Dinge sind die Aufgaben von Freunden nicht von Fremden.
    Beim zweiten Fall muss ist es so, dass Fußnägelschneiden in der Öffentlichkeit zwar unschön nicht aber verboten ist. Das fällt leider unter die Rubrik ruhig weiter ekeln, Kopfschütteln udn weggehen, später drüber lästern oder bloggen.

    Mutig finde ich, wenn jemand abgepöbelt wird z.B. in der Bahn, dann einfach mal fragen, ob man Hilfe rufen soll. Oder wenn ein Betrunkener eine bekopftuchte Frau im Supermarkt bedrängt mal kurz Partei zu ergreifen…

    • chinomso schreibt:

      Wie schon gesagt, es kommt auf die Situation an.

      Wenn jemand in Not oder Bedrängnis ist, dann ist es keine Frage. Was gehts mich an??

      Aber wenn ich den Nagelschneider aufmerksam mache, dass sein Verhalten unangebracht ist, dann bin ICH taktlos?? Nicht dein Ernst. Oder?

      Wären es bei der Frau „Äppel“ gewesen, prall und rund, dann hätte ich mich nicht geekelt. Aber dieser Anblick war alles andere als schön.

  6. april schreibt:

    Auch wenn ich selber darüber lästere, aber im Prinzip geht es einen als Privatmensch nichts an, was ein anderer trägt. Wenn es ‚Äpfel‘ gewesen wären, hätte ich es an einer Kasse genau so deplatziert gefunden, aber wie schon geschrieben, der Chef muss sich darum kümmern, wie seine Angestellten auftreten und da gibt es eben Kleidung, die nicht abgebracht ist.-
    Was den Nägelschneider angeht, da hätte ich möglicherweise laut eine Bemerkung abgelassen. Taktlos finde ich das nicht; vielleicht ist es unverschämt 😉 Aber wer sich in der Öffentlichkeit so benimmt, dass sich andere ekeln müssen, der muss sich nicht wundern, wenn er die ein oder andere Bemerkung zu hören kriegt.

    • chinomso schreibt:

      Bei dem Nagelschneider wäre ich gerne so unverschämt gewesen, was zu sagen. Habe mich aber nicht überwinden können. Der Frau hätte ich gerne nen Wink gegeben, weil es mir Leid tat, dass sie es nicht selber merkt und sich so ungünstig präsentiert.

      Grundsätzlich ist es richtig, dass man niemanden wegen Kleidung ansprechen sollte. Sonst bekäme ich am Ende ein Verbot auf die Straße zu gehen, weil ich paar Kilos zuviel habe. Kann ja sein, dass sich dadurch jemand belästigt fühlt. 🙂

  7. dorosgedankenduene schreibt:

    Zuerst einmal muß ich gestehen, ich habe herzhaft gelacht*tränchenabwisch* Ich finde beides unmöglich und wenn man mal so draussen rumäuft, denkt amn doch mehr als einmal ob manche Menschen keinen Spiegel zuhause haben. Ich denke die Getränkemarkt“dame“ meinte wirklich sie ist noch so daß sie es zeigen *schüttel* Aber da hätte ich auch nichts gesagt. Allerdings der Nagelknipser, ich glaub da hätt ich im Vorbeigehen oder Fahren irgendwas gesagt, leider fallen einem die besten Sprüche ja meist erst hinterher ein.
    LG Doro

  8. ute42 schreibt:

    Solche „Typen“ gibt es nun mal. Ich hätte vermutlich auch nichts gesagt. Abgesehen davon, dass sie nicht gerade schön anzusehen sind tun sie ja keinem weh. In solchen Fällen ist es nicht schwer, tolerant zu sein 🙂

  9. audubonron schreibt:

    Was meint ihr?? 50 Jahre alt trägerlosen Brüste noch ein Busen.

    see what I’m saying? 😉

    • chinomso schreibt:

      It depends on the breast. There is no law for wearing a bra. But I think women should not expose their breast in public. Only in special locations like table dance club.

  10. Frau Fröhlich schreibt:

    Ich hätte zu der Dame auch nichts gesagt … nicht, weil ich den Mut nicht gehabt hätte, sondern eher, weil ich denke, dass man manchmal einfach besser nichts sagt, denn für die Dame war das vielleicht selbstverständlich und sie fühlt sich gut damit oder ich kränke sie damit sehr. Das möchte ich auch nicht.

    Bei dem Herrn wäre ich mir allerdings nicht sicher gewesen *ggg*

    Meinem GöGa wäre es lieber, ich würde öfter mal die Klappe halten, zuviel ist nämlich auch nicht immer das Wahre 😉

    Ich bin mir sicher, in den richtigen Augenblicken wirst du den Mund auf machen und Mut beweisen.

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