Eine frostige Geschichte

Er machte uns seit einer ganzen Weile schon Sorgen. Unser Mitbewohner, der TK-Schrank. Seit Mitte Juni verliert er an Leistung. Die digitale Temperatur-Anzeige ging weiter runter und runter. Und die Kühlleistung ging immer weiter zurück. Das dachten wir jedenfalls, weil ein lauter, nervtötender Signalton in kürzer werdenden Abständen anzeigte, dass offensichtlich etwas nicht in Ordnung war. Doch das Kühlgut war nach wie vor hart gefroren und zeigte keine Anzeichen von der nachlassenden Leistung des Gerätes.

Also? Was tun? Einfach Nerven behalten und abwarten? Aber worauf sollten wir warten? Auf eine Selbstheilung?

Anfangs kam der Signalton – ein hoher, Wände durchdringender Dauerpiepton  – nur einmal pro Woche. Er ließ sich jeweils manuell abstellen. Und dann war wieder ne Woche Ruhe. Die Abstände von Alarm zu Alarm wurden aber kleiner und kleiner. Als ich im Juni ne Woche bei meinen Kindern in NRW zu Besuch war, bin ich wegen der Wahnvorstellung, bei uns zu Hause fault das Fleisch im warmen TK-Schrank vor sich hin, früher nach Hause gefahren. So schlimm war es dann zwar nicht, aber der TK-Schrank „schrie“ mir per Piepton schon laut einen Hilferuf entgegen, als ich die Wohnungstür öffnete. Und das Display zeigte da schon nur noch -5°C an. (normal sollten es -18°C sein) In den folgenden Wochen waren dann nacheinander -4°C….. -3°C…….-2°C ….-1°C und 0°C zu sehen. Und irgendwann sah man da nur noch zwei rote Striche „–„. Drinnen war es aber kalt wie eh und je. Die Beratungen mit dem besten aller Ehemänner ergab, das wir was tun müssten. Ich wollte einen Profi kontaktieren, der sich mit sowas auskennt. Er sagte, ich solle noch warten, denn er kenne einen, der einen kennt, der sich auskennt und wo wir nix bezahlen müssten. Aber irgendwie kam da nix an Info. Donnerstag sahen wir schneeweiße Eiskristalle an allen möglichen Ecken und Enden hinter diversen Lüftungsschlitzen hervor glitzern. Und das, wo wir doch ein „no frost“ Gerät erworben hatten, was uns von jeglichen Abtauarbeiten entbinden würde…. so hieß es damals. **grummel**

Ich drohte an, mit dem Haarfön dem Elend ein Ende zu machen . Der Herr des Hauses riet davon ab und eher dazu, die Ruhe zu bewahren und weiterhin die Vorräte im Inneren des Schrankes zu dezimieren. Daran arbeiteten wir schon ne ganze Weile. Aber wir – vorallem ich – sind nicht mehr so gute Esser wie früher.

Ab Freitag drang dann ein schleifend-fauchendes Geräusch aus dem Inneren des kühlen  Kerls, welches immer dann verstummte, wenn man den „Off“ Knopf betätigte.

Samstag war es mit meiner Geduld vorbei. Minuten nachdem der Hausherr unser Domizil verlassen hatte, zog ich den Stecker und räumte alles raus, was noch drin war. Dabei handelte es sich vorwiegend um allerlei Kräuter und für mich nicht zu identifizierende getrocknete Gewürze und andere Zutaten für die afrikanische Küche. Die auf zu brauchen, hätte Monate, wenn nicht Jahre gedauert. Ich baute eine Konstruktion, die es ermöglichte, dass der Fön nahezu frei schweben in das Innere des kühlen Kerls pustete. Ein andere Teil der Konstruktion sorgte dafür, dass Schmelzwasser aufgefangen werden konnte. Das ging gefühlt mehrere Stunden so. Dann war das sichtbare Eis – ich hatte eine schwer zu entfernende Blende beseitigt – will sagen gewaltsam abgeruft- geschmolzen. Als ich den Fön seine Ruhe wieder gab, hörte ich es hinter dem Schrank plätschern. Da tropfte es aus einem dünnen roten Schlauch in einen brotdosenkleinen Plastikbehälter. Und es war kein Ende in Sicht. Es galt das Laminat zu retten und so leerte ich den kleinen Behälter immer wieder mit Hilfe eine Minischwammes. Puh, was für ne Mühe. Und es tröpfelte weiter und weiter und weiter. Es wurde Abend, es wurde Zeit ins Bett zu gehen. Wie sollte das denn werden? Wer würde die Nachtschicht zur Rettung des Laminats übernehmen?

Not macht erfinderisch. Und so bastelte ich eine weitere Konstruktion aus einem großen Wasser-Auffang-Behälter und einem Kunststoffschneidebrett. Dieses wurde schräg unter den tropfenden Pinöckel geklemmt und leitete das Wasser in die Plastikwanne. Hach, wie genial. Nennt mich Daniel Düsentrieb. Ich ging beruhigt ins Bett.

Heute Morgen dann war die Wanne beinahe voll. Insgesamt hatte der kühle Kerl über Nacht beinahe 10l Wasser ausgeschwitzt. Haste Töne??

Es folgte eine Grundreinigung des ausgetröpfelten kalten Kerls, der nun zum warmen  Bruder gemacht worden war. Dann die Kräutlein wieder rein. Alles Fleischige, Fruchtige und Fischige war seit gestern von mir verkocht, verbacken, verbraten und teilweise schon verfü(u)ttert worden.Große Teile gehen morgen mit ins Büro. Da gibt es immer dankbare Abnehmer, die nicht abnehmen wollen.

Und der kühle Kerl zeigt wieder -18°C.

THE END

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Dies & Das veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

31 Antworten zu Eine frostige Geschichte

  1. freidenkerin schreibt:

    Du bist schlichtweg ein Genie! 😀

    • chinomso schreibt:

      🙂 🙂 Mit dieser Info gehe ich morgen zu meinem Chef.
      Aber ich hatte echt Sorge, wir müssen das Ding über den Jordan schmeissen und nen neuen kaufen.

      (und das musste ich euch erzählen. Ich kann ja nicht immer nur übers Wetter stöhnen 🙂 )

      • freidenkerin schreibt:

        Also, ich hab‘ deine Tiefkühltruhengeschichte grade als ausgesprochen erfrischend empfunden. 😉
        Willst du das mit dem Genie schriftlich haben? Für morgen, für deinen Chef? 😉

  2. theomix schreibt:

    Wie schön, wenn eine Geschichte mit einem technischen Gerät gut ausgeht. (Alles andere ist auch lästig. und meist auch teuer.)

  3. zimtapfel schreibt:

    Wir haben auch so einen coolen Gesellen, den man angeblich nicht abtauen muss. Aber wenn ich mir den so ansehe mit seinen Eisplacken, empfiehlt es sich wohl doch dann und wann.
    Abtau’n Girl! Du musst ihn wieder abtau’n, Girl! (nach einer Melodie von Billy Joel)
    😀

    • chinomso schreibt:

      So sang mein Mann also gestern:
      Abtau’n girl, she’s been living in her Abtaun world.

      Soooo genial, die Idee. Danke dir. Ich amüsier mich köstlich.

      Uptown girl she’s been living in her uptown world
      I bet she never had a backstreet guy
      I bet her mama never told her why

      I’m gonna try for an uptown girl
      she’s been living in her white-bread world
      as long as anyone with hot blood can
      and now she’s looking for a downtown man that’s what I am
      usw.

  4. ute42 schreibt:

    Puh, ich kam ins Schwitzen trotz des Eises 🙂 Ich fürche, Ähnliches muss ich demnächst auch unternehmen. Ich schau mir dann vorher deinen Betrag nochmals an, da kann ich nur lernen.

  5. Jorge D.R. schreibt:

    Als ich von meiner Tochter dazu verdonnert wurde,
    auf meinen vier Wochen alten Enkelsohn aufzupassen,
    trat der Ernstfall ein: Scheisse vom Scheitel bis zur Sohle.
    Gebrüllt hat der Kleine! Unglaublich.
    Ich war schlicht in Panik!
    Und als ich über dieses Unglück öffentlich gejammert habe,
    hast du ganz bös gelästert!!!!!!!!!!!!! 😦 !!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    Deshalb wollte ich eigentlich NIE mehr mit dir reden.
    Aber ich will nicht als nachtragend gelten.
    Daher mein Angebot:
    Wenn es das nächste mal irgendwo brennt,
    einfach in Kanada anrufen.
    Ich repariere alles – sogar Beziehungen.
    Und ein Kühlschrank reparieren ist für mich ein Klacks.
    Aber das hat natürlich seinen Preis und der lautet:
    Du müsstest öffentlich bekennen,
    dass ich bei dir gleich nach dem Wildhüter und nach Denzel Washington komme.

    Eine schöne Woche
    vom dritttollsten Mann
    Jorge D.R.

    • chinomso schreibt:

      Jorge? Habe ich das? War ich wirklich so böse? Ich gehe gleich mal nachlesen. Muss ich doch kontrollieren, ob du hier keine wilden Geschichten erzählst. Noch wildere als sonst.

      Und ich staune, was du dir alles merkst. ich meine das mit Denzel. 🙂
      Die Reihenfolge der Männer…ähm…. die muss ich dann nochmal überdenken und überprüfen. Die Nr. Eins steht eh fest. Punkt.
      Aber die Reihenfolge ab Platz 2 ff ? Na ja. Die kann sich schon immer mal ändern. **kichernd-auf-dem-Boden-rumkuller**

  6. Bellana schreibt:

    Bei unseren Gefrierschrank funktionniert ’no frost‘ noch. Er ist aber noch nicht sehr alt, aber nun bin ich ja gewarnt. Früher hatten wir eine Truhe, da mußte auch regelmäßig der Föhn ran. Mit dem Teigschaber wurden parallel die Wände bearbeitet, damit sich Stücke lösten und nicht alles zu Wasser wurde. Bisher habe ich noch die Hoffnung, dass ’no frost‘ uns von dieser Arbeit befreit hat, aber wer weiß……
    Grüßle Bellana

  7. Rana schreibt:

    Diese Geräusche kenne ich – wir nennen unseren Frierer nur noch Piepherr (die Marke)– wir haben ihn auf Anraten des Piepherr – Vertreters 2 Tage ausdünsten lassen (das bedeutet vorher alles aufzuessen, auszulagern etc) und nun ist er wieder lieb! LG von Rana, habe sehr über deine geniale Konstruktion gelacht!

    • chinomso schreibt:

      Erst aufessen, dann ausdünsten = auspiepen.
      Lustig. 🙂

      Ich hätte die Konstruktion mal fotografieren sollen.Aber an sowas denke ich immer, wenn es zu spät ist.

  8. Ruthie schreibt:

    Ja, Du bist schon auf Zack, Mädel. Aber das wusste ich bereits! 😀 Mein „no frost“-Gerät braucht auch ab und zu so ne Behandlung 😦

  9. april schreibt:

    Sehr lustig geschrieben, wieder mal. Dabei ist es eher eine ernste, sehr lästige Sache. Was sind denn das für blöde Geräte, wo man dann alles aufessen, abtauen etc. muss?

  10. Da hab ich noch ein ganz normales kleines EisFach im Kühlschrank, ohne Schnick und ohne Schnack. Das muß ich ein bis zweimal im Jahr abtauen, was aber schnell gemacht ist. So richtig glauben konnte ich diese „NoFrost“ Geschichten noch nie, was das Niemehrabtauenmüssen anbelangt und Du bestätigst meine Vorbehalte. Jedenfalls werden wir keiner allzu blinden Technikgläubigkeit anheimfallen. Liebe Grüße aus der schönsten Hansestadt am Ryck vom Wolfgang.

  11. Audubon Ron schreibt:

    I slap my refrigerator on the top and yell, „Heal Thy Self!!!“

  12. Frau Fröhlich schreibt:

    Wow, ich nehme an, er funktioniert noch immer … sonst hättest du wahrscheinlich nochmal was erwähnt.

    Auf jeden Fall eine Story, die mich persönlich nervös macht. Unser TK ist zu voll und hinter den Schubladen sammelt sich schon Eis … sollte so auch nicht sein *hüstel*

    Eigentlich müsste ich ihn auch mal abtauen und ausräumen … aber wohin mit den Sachen da drin bei dem Wetter *schwitz*

    Ich seh mich schon zu lange warten und dann so eine Aktion fahren wie du *schock*

    • chinomso schreibt:

      Ja, er läuft wie ne EINS. Ich bin sehr froh,das gemacht zu haben. Aber es war auch sehr wenig feuchtes drin. Getrockneter Fisch, der hat wirklich extrem wenig Feuchtigkeit. Der kann mal paar Stunden aufgetaut bleiben und den kann man wieder einfrieren. Kein Problem. Und das gilt auch für die diversen Kräuter, die mein Mann da drin hat.

      Also, wer kann sollte das Abtauen einplanen. Wenigstens hin und wieder. Wir wollen das jetzt 1 x pro Jahr machen. Am besten im Winter.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s