Prinzessin Rehauge

Als hätte ichs geahnt…

Im Mai hat sich herausgestellt, dass einer unserer neuen Projekt-Ingenieure eine Ingeneuse sein wird. Damit wurde mir Knall auf Fall klar: Die Tage meiner weiblichen „Alleinherrschaft“ im Büro sind gezählt. Das habe ich einerseits bedauert, aber ich war auch gespannt, wie das sein wird. Wenigstens theoretisch bestand die Möglichkeit, dass wir uns gut verstehen würden. Und die Tatsache, dass sie aus Indien kommt, hat meine Hoffnung genährt, dass es gut klappen würde mit ihr und mir. Kennt man aus den Bollywood Filmen doch die mandeläugigen Schönheiten, die sanft und freundlich daher kommen.

Was ich nicht bedacht habe: In Indien hat man in gewissen Kreisen noch Hauspersonal.
Ihr Chef (nicht meiner), der sie eingestellt hatte, war der einzige, der sie vor ihrem Eintritt in die Firma gesehen hat. Und er verkündete, dass sie hässlich sei. Ich wusste nicht, warum ich an seinem Urteil zweifeln sollte. Und so war ich schon mal beruhigt, dass in dem Fall wenigstens die Herren Kollegen sich nicht -wie bereits mal bei einer Praktikantin geschehen – wie die brünftigen Hirsche benehmen und dauernd auf dem Büroflur ihre Geweihe kreuzen müssten.

Und dann ihr erster Tag. Die Tür ging auf und herein schwebte eine zierliche Frau mit langen schwarzen Haaren, einer äußerst weiblichen Figur und Rehaugen. Sie trug ne schwarze Jeans, sehr figurbetont und dazu eine enge Bluse, die keine Fragen offen ließ. Alter Falter!! Das konnte ja heiter werden.

Und es wurde heiter. Die Herren Kollegen rissen sich in den ersten Tagen darum, ihr beim Einrichten ihres Arbeitsplatzes behilflich zu sein. Der eine oder andere bedauerte es zutiefst, dass er nicht so recht Ahnung von Netzwerkadministration hatte und so als Ansprech- und Hilfspartner nicht in Frage kam. Sie hatte schnell raus, wer sich auskennt und wer nur laberte.

Ich amüsierte mich stillschweigend. Wann immer ich an ihrem Büro vorbei ging, lag einer der Kerle unter dem Tisch und stöpselte Kabel  in ihren PC oder saß Seite an Seite mit ihr vor dem Rechner und erklärte unsere Software Produkte. Sehr gerne auch die Pose: Sie sitzt und der Kollege schaut ihr über die Schulter und tippt ihr irgendwas in die Tastatur. Ein Schelm wer denkt, dass dabei jemand einen Blick in ihren Ausschnitt wagen wollte.

Ich gab ihr am Anfang alle nötigen Infos, die ich für wichtig hielt. Dann war zwischen uns wochenlang nicht viel mehr als „Guten Morgen“ oder „Tschüß“ sowie immer mal wieder ein freundliches aber wortloses Lächeln auf dem Büroflur. Während sie sich die Produkte eigentlich per Selbststudium mittels Handbüchern und Online Lehrgängen reinziehen sollte, bevorzugte sie, sich alles Schritt für Schritt von reihum sämtlichen kundigen Kollegen erklären zu lassen. Ihr gurrendes Lachen schallt durchs Büro. Was ich keineswegs unangenehm finde. Was mir dagegen bitter aufstößt ist, dass sie angefangen hat, mich als eine Art Büro Haushälterin zu betrachten. Kommt sie doch zu mir und vermeldet das Klopapier wäre alle oder der Kaffeekanne könnte man keinen Tropfen mehr entlocken oder die Flüssigseife im Waschraum sei aufgebraucht. Ich habe ihr in aller Seelenruhe erklärt wo sie die Vorräte findet und erwähnt, dass bei uns Selfservice angesagt ist. Das Brauen des Kaffees mit unserer Maschine habe ich ihr auch erklärt und klar gemacht, dass jeder der feststellt, dass der Kaffee ausgetrunken ist, neuen anstellt. Jeder! Auch sie.

Daraufhin hat sie sich andere Aufgaben für mich ausgedacht. Irgendwie gefiel ihr der Gedanke, dass ich für sie arbeite. Und da ich offensichtlich nicht bereit war die Haushälterin zu geben, musste sie mich an meinem Arbeitsbereich „abholen“. So kam sie und wollte, dass ich für sie ein Fax abschicke, Fotokopien erstelle oder ein Dokument einscanne. Sie behauptet diese Geräte nicht bedienen zu können. Tja, was macht man da? Man bringts ihr bei. Als sie erkennen musste, dass ich bei aller Anstrengung nicht für sie arbeiten wollte, kam sie und reklamierte den Kuli, den ich ihr am ersten Tag gegeben hatte. Sie wollte einen neuen, ich gab ihr einen. Den fand sie nicht schön. Ich sagte ihr, ich habe keinen anderen. Sie zog ne Schnute und schob ab.

Sie verkündete am ersten Tag, dass sie kein Deutsch könne, es aber dringend lernen wolle. Wir, vor allem die Männer, erklärten freudig und freundlich, dass wir ihr gerne dabei helfen werden. Und? Was ist? Sie redet immer englisch und wird ungehalten, wenn wir unter Kollegen uns nach wie vor auf Deutsch unterhalten. Wir tun das besonders dann, wenn es nicht um geschäftliche Dinge geht. Und solange sie nicht direkt angesprochen wird, finde ich das auch nicht mal unhöflich. Wir sprechen sogar langsam und in einfachen Sätzen. Wie, wenn nicht so, kann sie denn sonst deutsche Sprache hören und lernen.Sie ist seit 2009 in Deutschland und kann nicht Piep und Papp auf Deutsch. Wenn sie es dann mal versucht einen ihrer Wünsche auf Deutsch zu äußern, dann verstehe ich nicht ein einziges Wort. Und das geht nicht nur mir so. Und das liegt auch nicht an unserem Unvermögen zu kombinieren oder daran, dass wir böse und unfreundlich sind.

Die Männer fangen auch an zu begreifen. Einige kommen schon und beklagen sich über ihre andauernde Belagerung und sind genervt. **hihi** Ihr Ehemann, ein Landsmann von ihr, bringt sie jeden Morgen gegen 10 Uhr ins Büro und holt sie abends, wenn alle schon weg sind nach Hause. Nachdem damit klar war, dass alle Flirtversuche und alle Kavaliersdienste der Kollegen ins Leere laufen werden, agieren sie weniger euphorisch. Da hilft dann auch nicht, dass Rehauge wieder und wieder den herzerweichenden Augenaufschlag probiert, die langen schwarzen Haare keck nach hinten wirft und zuckersüß lächelt. Die Hilfsbereitschafts-Welle wird flacher.

In Bad & WC ist auch nix mehr okay. Kennt ihr das, wenn ein Vogel in einer Vogeltränke ein Bad nimmt? Er taucht die Flügel ins Wasser und putzt sich mit dem Schnabel das Gefieder. Danach plustert er sich auf und schüttelt sich ordentlich, damit er das Wasser wieder los wird. Alles wird naß. So sieht unsere weiß geflieste Damentoilette aus, wenn sie da drin war. Der Boden und die Wände sind naß gespritzt und überall liegt ihr Gefieder – ähm – liegen ihre langen schwarzen Haare herum.

Wenn das mal kein böses Ende nimmt.
Ich meine, es könnte einer auf den nassen Fliesen ausrutschen oder sie nach und nach ihr Gefieder verlieren oder oder oder…. 🙂

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14 Antworten zu Prinzessin Rehauge

  1. tonari schreibt:

    Klingt sehr nach einem verwöhnten Exemplar. Aber nach einer gewissen Zeit ist eben der Exotenbonus weg und der Welpenschutz vorbei. „Willkommen im Leben!“ mag frau da rufen.

  2. Claudia Sperlich schreibt:

    Ich bewundere jeden, der dabei geduldig bleibt. Ich glaube, ich hätte Prinzessin Rehauge schon mal etwas lauter die Meinung gesagt – was leider selten förderlich ist.

    • chinomso schreibt:

      Tja, ich muss halt auf Dauer (solange ich in der Firma bleiben will) mit ihr auskommen. Außerdem denke ich, sie kennt das noch so, dass es in jedem Büro jemand gibt, der für all diese Hilfstätigkeiten zuständig ist. Ne Art Housekeeping,Bürobote oder Fräulein vom Amt. Wo gibts das heute noch, ne reine Telefonzentrale und nen Empfang wie im Hotel?? Das ist noch nicht bei ihr angekommen. Ich geb ihr noch Zeit.

  3. theomix schreibt:

    Also, beim bisherigen Kurs nähert sich die emotionale Halbwertzeit dem Ende.

  4. paradalis schreibt:

    Sehr unterhaltsam geschrieben.
    🙂

    Ich wünsche dir viel Durchhaltevermögen!
    Liebe Grüße an euch, einen schönen Sonntag!

  5. paradalis schreibt:

    Ach so, meine Liebe, hatte ich dich schon darauf hingewiesen:

    http://paradalis.wordpress.com/2011/09/18/aapzm-projekt-buchstabe-t/#comments

    ?

    Ich würde mich riesig freuen, könntet ihr wieder dabei sein!

    🙂

  6. freidenkerin schreibt:

    Irgendwie erinnert mich das jetzt an eine unserer Aushilfen aus Weißrussland mit einem sehr französisch klingenden Vornamen. Madame macht schon sehr einen auf unbedarft und „Ach, Gott, das weiß ich nicht!“ und „Ach, Gott, das kann ich nicht!“, und tut sehr gerne so, als könne sie Zwei und Zwei nicht zusammen zählen. Doch wenn man sie genau beobachtet und hin hört, findet man schon sehr bald heraus, dass Klein-Russisch-Blondie einen auf doof macht, weil sie keine Lust zu arbeiten hat. Seitdem mir das klar geworden ist, lasse ich sie hier und da schon mal ganz schön auflaufen… :mrgreen:

  7. torenia schreibt:

    Meine Nerven!!!! *ächz*

    Jetzt hab ich mich aber blendend amüsiert. Super geschrieben.

    Aber mal vorab: Wie kommt ihr Chef dazu, sie als „hässlich“ zu beschreiben??? Macht man sowas – selbst wenn es so wäre? Macht man doch nicht?! *kopfschüttel*
    Oder war das ironisch gemeint? Mit dem gewissen Augenzwinkern?

    Die Passagen mit den hilfsbereiten Kollegen – super. *giggel* Ich kann mir das detailgenau vorstellen…

    Na, da wirst Du ja noch einigen Spaß haben… Halt uns auf dem laufenden. 😉

  8. Frau Fröhlich schreibt:

    Für einen Außenstehenden sehr amüsant 😉
    Aber arbeiten möchte ich mit einer solchen Person nicht … wie gut, dass eure Männer wenigstens bereits gemerkt haben, dass eben doch nicht alles Gold ist was glänzt *ggg*

  9. Ruthie schreibt:

    Ach! Die ist bestimmt verwandt mit B.DdS. Die hat mal bei uns gearbeitet und hat sich genauso angestellt. UND: Sie hat Klopapier mitgehen lassen. Klar, spart man sich – ist ja genug davon in der Firma! Ich war soooo froh, als die nicht mehr da war!

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