Der Zahn der Zeit – unter meiner Haut

Das Thema lässt mich einfach nicht los. Es ist alt und immer wieder neu.

Immer wieder höre und lese ich, wie Frauen um die 40 oder jünger über jeden neuen Geburtstag klagen, der sie unweigerlich älter werden lässt. Da müssen in den Köpfen und Herzen finstere Vorstellungen schlummern. Von gesundheitlichen Beschwerden, von schlaffer Haut und grauen Haaren, von ausfallenden Zähnen und fahlem Teint, von weniger Attraktivität und den gravierenden Folgen für das gesamte (Liebes)Leben der Frauen. Das liegt einfach daran, dass man von älter werdende Frauen leider sehr und oft immer wieder hört, wie schrecklich das alles ist, wenn man in die Jahre kommt.

Und wenn man nur lange genug damit berieselt wird, dann glaubt man es selber auch. Das ging mir in der Vergangenheit auch nicht anders.

Als ich knackige 20 war habe ich mir den Körper meiner damals 40-jährigen Mutter im Badeanzug angeschaut und mir voller Grauen klar gemacht, dass ich zwangsläufig auch eines Tages so aussehen würde. Und meine Mutter hatte und hat immer noch ne Größe 42. Ich hatte also irgendwie ne schräge Wahrnehmung von ihrer Figur. Damals war ich der Meinung, das es da kein Entrinnen gab, dass das immer so war und immer so sein würde. Und ich glaubte, dass mein Mann  mich nur lieben können würde, wenn ich cellulitefrei und schlank bleiben könnte. Denn alles andere wäre ekelhaft, abstoßend und ne Zumutung.

In dem Glauben, dass ich mich in mein Schicksal fügen müsse, genauso wie Zillionen Frauen vor mir, wurde ich brav älter. Und ich wurde dicker, als meine Mutter jemals war. Die Gründe dafür sind mir klar, stehen aber jetzt mal auf nem anderen Blatt. Der Mann an meiner Seite, der soviel Frau miterleben und gut oder schlecht finden durfte, der wechselte auch. (wie oft, das verrate ich nicht 🙂 )

Ich wuchs kontinuierlich. Und nicht nur körperlich, für mein Umfeld gut sichtbar. Ich wuchs auch innerlich. Und exakt mit 40 Jahren machte es KLICK und das Wachstum bekam eine ganz andere Qualität.  Die Kinder waren erfolgreich groß gezogen worden. Der Mann an meiner Seite wechselte zum letzten Mal in meinem Leben (er ist heute immer noch dort und es fühlt sich gut an. Sollte sich das wider Erwarten mal ändern und wir auseinander gehen, dann steig ich auf Frauen um). Und ich gab ordentlich Gas. Ich krempelte so einiges um in meinem Leben und tat was ich für mich für gut und richtig hielt. Dabei spielte es keinerlei Rolle, wie dick oder dünn ich war. Denn ich wusste (auf einmal) wer ich bin, was ich kann und vorallem was ich wollte und was nicht (mehr).

Alles wäre perfekt gewesen, wenn ich damals schon neben meiner seelischen Heilung auch in meiner körperlichen Haut angekommen wäre. Ich fühlte mich nicht wirklich wohl. Mein Körper war meine größte und beinahe einzige Baustelle. Das Gewicht machte mich um Jahre älter als ich war. Die Kondition ging rapide zurück und ich fühlte mich ausgebremst. Da beschloss ich 2005 was dagegen zu tun. 33kg weg ohne Sport (denn dafür war ich zu bequem) aber durch Akupunktur und low carb diet. Prima! Aber das kann man nicht ewig so weiter machen. Irgendwann wollte ich wieder normale Sachen essen und nahm wieder zu. Über einige Umwege kam ich zu WW, machte das erfolgreich ein Jahr lang, nahm auch gut ab. Aber kam zum Stillstand und gab entnervt auf. Weil? Ja, weil ich wieder kein bisschen Sport machen wollte. Und nun bin ich seit mittlerweile mehr als einem Jahr dabei und habe nach einer langen Durststrecke, wo sich kaum noch was bewegte – mich selber bewegt. Und das isses. Das ist die Lösung.

Ich musste 52 Jahre alt werden um das zu erkennen. Ich dumme Nuss. Seit ich das endlich mal kapiert habe, fühle ich mich einfach unglaublich wohl. Und das überträgt sich auf alle Lebensbereiche. Ich bin in einem Maße gut drauf, dass man mich schon darauf anspricht. Ob ich verliebt wäre oder sowas. Ja, bin ich.

Ich bin verliebt in die Gewissheit, dass es an mir alleine liegt und an keinem sonst, dass/ob es mir gut geht. Und ich fühle mich in meinem Alter wohler als jemals vorher. Echt kein Spruch. All die Unsicherheiten, die mich die vielen Jahre lang geplagt haben, sind weg oder wenn nicht weg, dann erheblich kleiner geworden. Sie haben auch an Gewicht verloren.

Was soll ich gegen das herauf kriechende Alter tun?
Muss ich alles als schicksalshaft hinnehmen?
Wann bremst mich mein Körper aus?
Wie lange werde ich mich noch vital fühlen?
Werde ich mein Leben noch geniessen können?
Und wann beginnt diese traurige Zeit des Altseins??

Ich halte mich nicht mit Grübeleien über diese Fragen auf.

Natürlich ist auch ne Menge Glück dabei, dass ich nicht krank bin oder dass es weder im beruflichen noch im privaten Umfeld hakt und klemmt und schief läuft. Doch ich habe wertvolle Zeit verschenkt, weil ich zu viele Jahre gebraucht habe, um die einfachsten Dinge zu verstehen.

Ich wünsche mir so sehr, dass all die, denen die Angst vor dem Älterwerden den Spaß am Leben vermiest, den Kopf nicht hängen lassen sondern an sich selbst und ihre Kraft glauben (lernen). Denn wir haben es in den meisten Lebensbereichen selbst in der Hand, wie unser Älterwerden verläuft.

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24 Antworten zu Der Zahn der Zeit – unter meiner Haut

  1. tonari schreibt:

    Ein Glück, dass du den Beitrag nicht am kommendem Sonnabend gepostet hast. Er hätte mich in eine tiefe Krise gestürzt 😉 der beitrag, nicht der Sonnabend :mrgreen:

    • chinomso schreibt:

      Oh jeeee!! Der Beitrag soll ggf. aus der Krise rausholen und nicht hinein stürzen. Also keine Angst vor Sonnabend. …wie schön..Sonnabend. Das höre ich seit Jahren von keinem mehr. Alle sagen nur noch Samstag.

  2. Claudia Sperlich schreibt:

    Wenn ich Leute übers Altern nörgeln höre, sage ich schon mal: Die Alternative ist jung sterben. Will auch keiner.

  3. Jorge D.R. schreibt:

    Bin soeben im Stoßverkehr auf bis zu 8 Spuren zwei Stunden lang quer durch LA. Habe gegrübelt, warum ich mir sowas mit über 60 antue. Hatte soeben beschlossen, dass ich mich wieder selber mehr bewegen muss und nicht blos mein Auto. Setze mich zur Entspannung in ein Starbucks Café, denke sollte mal nachschauen, wie es der Chinomso geht …

    … und …
    kaum zu glauben …

    lese über das Alter und über das Bewegen …

    Greetings from LA, California

    Jorge D.R.

  4. shelkagari schreibt:

    Prima! 😀 Das merkt man dir aber auch an, nicht nur hier auf deinem Blog, sondern auch, wenn man dich in natura sieht, dass du bei dir angekommen bist, wie man so schön sagt…
    Mir ging’s früher genauso – immer wenn ich meine Mutter betrachtete, zu der ich ja ohnehin nie ein gutes Verhältnis hatte, dann grauste es mir vor dem Älterwerden…
    Auch ich habe in den letzten Jahren zugenommen, zwanzig Kilo, um genau zu sein. Obwohl ich nicht mehr und üppiger esse als früher auch, eher weniger. Und obwohl ich in der Arbeit ja sehr viel Bewegung habe. Aber das ist halt mal so, bei mir liegt’s am Wechsel. Vielleicht wäre ich ja jetzt auch unausstehlich, grantig, zwider und humorlos, wenn ich heute noch die Figur wie vor zehn Jahren hätte, wer weiß…
    Mein Körper hat mir grad gestern Abend wieder mal meine allmählich enger werdenden Grenzen aufgezeigt und mir einen Super-Hexenschuss verpasst. Aber im Herzen, in der Seele, und gottlob auch in der Denkbirne fühle ich mich jünger und fitter, beweglicher und unverkrampfter als jemals zuvor. Und darauf kommt’s an, das ist wichtig! 😀
    Herzlichst!

    • chinomso schreibt:

      Solange du dich wohl fühlst, ist alles in Butter. Die Schönheit liegt sowieso im Auge des Betrachters. Und wird überbewertet. 🙂 Aber mehr:-) , als sich bewegen und gesund essen kann man nicht tun. Darben muss keiner.

      Gute Besserung. Die Hexe schiesst auch die Jungen.
      Die Denkbirne 🙂 klingt lustig. Stimmt, das Licht da oben muss leuchten. Sonst ist das nix.

  5. Es ist, wie es ist.

    Ich hatte nie Angst vor dem Älter- Alt-Werden. Freute mich schon auf die weißen Haare, die ich jetzt sehr genieße 🙂

    Die Jammerei mag ich nimmer hören, da stoppe ich.

    Ungesund leben und dann über Beschwerden stundenlang lamentieren – ich hör da nimmer zu.

    Die Frage ist mitunter schon, was ist besser? Jung bzw. plötzlich sterben, oder lange leiden?

    Ein enger Angehöriger hat Parkinson und Alzheimer, weiß seinen Namen nimmer ….

    Am WE lernte ich eine alte Dame kennen, über 80, sehr sehschwach, begeisterte Aquarellistin, sehr lebensfroh!
    SO will ich auch alt werden 🙂

    • chinomso schreibt:

      Ja, da gebe ich dir Recht. Wenn man schwer krank ist, dann sieht das gleich anders aus. Da denkt man dann sicher anders übers Alter. Aber soweit man Einfluß nehmen kann, sollte man es auch tun und nicht jammernd zu Hause sitzen.

      Schön, dich wieder mal hier zu sehen/lesen.

  6. Sigrid schreibt:

    Diesen Eindruck hast Du im Frühjahr in Chemnitz in jedem Fall auf mich gemacht. Ich hoffe, ich kann mir ebenfalls solch eine Gelassenheit bewahren, wenn dann mal die 4 oder gar die 5 vorne dran steht.

  7. april schreibt:

    Ich finde es immer traurig, wenn sich jemand relativ Junges übers Älterwerden grämt. Was wollen die denn mal machen, wenn sie so alt sind wie ich (63)? Weinen, klagen? Werden das die nörgeligen Alten, denen man am liebsten aus dem Wege geht? Klar kann man viel selbst tun, um fit und gesund zu bleiben, aber irgendwann wird und muss man mal sterben. Das kommt unausweichlich. Bis dahin sollte man sehen, dass man so gut wie möglich lebt. (Ja, ein bisschen mehr Bewegung wäre auch bei mir angebracht …). Kurz und gut: nicht jammern, sondern handeln – was in deinem Beitrag ja auch sehr gut rauskommt.

    P.S. Wenn ich eine kleine anmerkung machen darf … für ’nur Text‘ ist das Design nicht so optimal (finde ich) und zwar, weil die Lesebreite zu groß ist und weiße Schrift auf braun ist bei langen Artikeln auch anstrengender. (Oooops – oder hat das mit der nachlassenden Sehkraft im Atler zu tun? 😉 )

    • chinomso schreibt:

      Du bist für mich so ein Beispiel von aktiv im Rentenalter. Das möchte ich auch. An vielem interessiert und nicht resignieren, auch wenn es mal hart kommt. Das gefällt mir sehr gut.

      Was das Design betrifft. Ja, das ist schwer zu lesen mit dem dunklen Hintergrund. Ich werde es wohl machen wie du. Das alte Design für die Textbeiträge und Verweise zum Fotoblog, wenn es dort was zu sehen gibt.

      • april schreibt:

        DAS ist eine gute Idee. –

        Ja, ich bin aktiv, manchmal so aktiv, dass mir nachts alles rund im Kopf geht 😉 Ich wage auch mal zu behaupten: das Leben ist immer sehr sanft mit mir umgegangen, ‚hart‘ ist es nie gekommen (der Tod der alten Eltern ist unausweichlich). Wenn es mal richtig ‚hart‘ käme, das will ich mir nicht ausdenken …

  8. Rana schreibt:

    Du sprichst mir aus der Seele. Man muss erst erkennen: Nur wer sich bewegt, bewegt was. LG von Rana

  9. paradalis schreibt:

    Das hast du wunderbar geschrieben, liebe Frau Chinomso.
    🙂

    Ich finde Älterwerden einfach Klasse. Man lebt viel ruhiger, ist belastbarer, weniger sprunghaft – und das Aussehen? Ich freue mich darauf, mit 70 Jahren hoffentlich so auszusehen, wie meine liebe verstorbene Großmutter in diesem Alter aussah.
    Außerdem halte ich mich an den Spruch:
    „Im Alter bekommt jeder das Gesicht, was er verdient.“
    🙂

    (Keine Ahnung, wer das sagte, es setzte sich nur in meinem Hirn fest)

    Liebe Grüße an dich!
    Heike

  10. Bellana schreibt:

    Solange man noch einigermaßen gesund ist, ist es aus meiner Sicht kein Problem, älter zu werden. Und dafür kann man ja auch selbst etwas tun, wie Du ganz richtig ausgeführt hast. Ich lasse das Alter einfach auf mich zukommen und versuche dann immer das Beste daraus zu machen.
    Grüßle Bellana

  11. Waldine schreibt:

    Durch Seelenfarben.de bin auf deinen Blog gestoßen und lese ab und zu mit. Heute lass ich mich zu einem Kommentar hinreißen. Die wichtigste Botschaft, die ich auch vor kurzem für mich entdeckt habe

    Zitat von dir: ….dass es an mir alleine liegt und an keinem sonst, dass/ob es mir gut geht….

    Ist schön, hier mitzulesen und gibt neue Impulse bzw. auch Bestätigung!!
    🙂

  12. Anna-Lena schreibt:

    Das ist ein super Beitrag, liebe chinomso, der Mut macht. Unbehagliche Momente, die das Älterwerden betreffen, macht sicher jede Frau (und jeder Mann) mal durch. Bei mir waren sie zu um meinen 30. und 40. Geburtstag herum und hatten viel mit meinem damaligen privaten Leben zu tun.
    Nun gehe ich stramm auf die 60 zu und fühle mich wohl, trotz der Zipperlein, die unweigerlich kommen. Mit der richtigen Einstellung ist auch diese Klippe gut zu umrunden.

    Ich schicke dir liebe Grüße zum Wochenende,
    Anna-Lena

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