So ist das Leben?

Nein, so sollte es nicht sein.

Ich bin heute sehr traurig. Und dabei ist es eigentlich ein wunderbarer Sonntag. Der dritte Advent. Den Tag über hat die Sonne so gestrahlt, dass man beinahe nicht an einen Tag in Dezember glauben wollte. Alles schien so schön wie die Sonne. Und dann ein Anruf von meinem Wildhüter. Eigentlich waren wir für Montagabend wieder verabredet, denn wir telefonieren nicht jeden Tag. Und wenn er dann außer der Reihe anruft, dann klopft mein Herz ein bisschen schneller. Und da ist immer Sorge dabei.

Er brachte mir schlechte Nachrichten von unserer nigerianischen Familie. Ein 4 jähriges Mädchen ist diese Woche gestorben. Plötzlich und unerwartet – wie man es immer in Todesanzeigen liest. Gestern wurde sie schon beerdigt. Mir schnürt sich das Herz zusammen, wenn ich mich da rein denke. Ich kannte die Kleine nicht. Aber ich kenne ihre Mutter. Akudo ist unsere Nichte. Wir haben uns Anfang 2007 zuletzt gesehen. Kurz danach hörten wir, dass sie ihren Verlobten geheiratet hat, weil ein Baby unterwegs war.  Das Kind wurde im Herbst 2007 geboren. Und nun ist es im Winter 2011 gestorben.

Bisher wissen wir nicht, was genau passiert ist. Wir konnten am Telefon nur erfahren, dass die Kleine plötzlich krank wurde, hohes Fieber bekam und nach wenigen Tagen gestorben ist. Wir wissen nicht, ob man mit ihr in einer Klinik war, ob bekannt ist welche Krankheit sie hatte, ob sie die nötigen Medikamente bekommen hat. Wenn nicht, warum nicht? Und all diese Fragen rund um das Geschehen, was zu ihrem Tode geführt hat.

Leider ist die Kindersterblichkeit in Nigeria noch wesentlich höher als bei uns. Und immer wieder höre ich solche Sätze wie: „Gott hat es so gewollt. Gott hat sie zu sich geholt. Wir müssen es akzeptieren. So ist das Leben.“

Ich habe das große Glück nie in dieser Situation gewesen zu sein. Meine Kinder sind gesund groß geworden und erfreuen sich bester Gesundheit. Dafür bin ich gerade heute mal wieder sehr dankbar. Aber wären sie als Kinder krank geworden oder würden sie heute krank, dann täte ich mich sehr schwer damit, es als Wille Gottes hin zu nehmen. Ich würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, ich würde falls nötig meinen letzten Cent aus der Tasche kramen um ihnen die beste Behandlung zukommen zu lassen. Ich würde verbittert kämpfen bis zu Erschöpfung meiner eigenen Kraft. Oh Himmel! Schon bei der Vorstellung treibt es mir die Tränen in die Augen.

Und dann höre ich bei den Telefonaten mit Nigeria eine gewisse Gelassenheit, eine Ruhe und so gar keine offene Verzweiflung. Und das macht mich regelrecht fertig. Ich kann das nicht einordnen, möchte aber niemandem Herzlosigkeit unterstellen. Wirklich nicht. Ich würde es gerne verstehen. Aber ich glaube, keiner will darüber reden. Diese Ergebenheit in Gottes Wille erleichtert meiner Familie gerade sicherlich den Umgang mit diesem Verlust. Aber wieder einmal fühle ich mich nicht so wirklich zugehörig zu dieser Familie. Sie sind mir, bis auf den Wildhüter, dann doch recht fremd. Vorallem wenn es, wie in diesem Falle, ans Eingemachte geht.

Meine Oma, die 1902 geboren wurde, hat mir in meiner Jugend erzählt, dass früher in ihrem Dorf der Tod eines kleinen Kindes nicht zu den großen Katastrophen gehörte. Es kam sogar vor, dass eine Mutter aufs Feld ging am Morgen und einem ihrer größeren Kinder auftrug, dem schwer kranken Kleinkind die Augen zu zu streichen, sollte es den Tag über sterben. Das habe ich nie vergessen können. Das hat mich damals schon erschüttert und ist mir heute wieder in den Sinn gekommen.

Scheinbar ist das so. Wenn das Leben hart mit einem umgeht, dann muss man sich schützen. Eine harte Schale kann man es nicht nennen. Aber wenn man die Verantwortung für Geschehnisse in seinem Leben in Gottes Hände legt, dann ist wohl manches leichter.

Nur so kann ich es mir erklären.

Traurig bin ich trotzdem. Sehr sogar. Und ich werde dieses kleine Mädchen sicher nicht so schnell vergessen. Nur gut, dass die Mutter zu ihrem Trost schon ein weiteres zweijähriges Kind hat. Dafür muss sie nun da sein, stark sein und bald wieder lachen. Ich hoffe, sie kann das.

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15 Antworten zu So ist das Leben?

  1. Claudia Sperlich schreibt:

    So traurig. Ich kann es nicht als Gottes Willen ansehen, wenn die Kindersterblichkeit in einem Land hoch und in einem anderen niedrig ist. Aber daß jenes Kind es jetzt gut hat, glaube ich. Auch, daß die Eltern und Geschwister in diesem Gedanken Trost finden.

    • chinomso schreibt:

      Ja, auch bei uns sterben Kinder plötzlich und unerwartet. Aber dort passiert es einfach zu oft. Und nicht nur Kinder sterben, auch sonst ist der Tod viel gegenwärtiger als hier bei uns.

  2. shelkagari schreibt:

    Ich denke, dass dieser – nun, ja – Fatalismus, diese Gottergebenheit manchmal sein muss, sonst würde man vermutlich angesichts der herrschenden Umstände wohl den Verstand verlieren…
    Es tut mir so leid.
    ♥lichst!

    • chinomso schreibt:

      Wir würden so nicht leben können. Bei uns wird schon wegen viel weniger gejammert.
      Und oft auf sehr hohem Niveau. Da nehme ich mich garnicht aus. Bei uns rennen viele Leute erst dann wieder in die Kirche, wenn es ihnen an den Kragen zu gehen scheint.
      Dort sind die Kirchen proppevoll. Immer. Sonntags bleiben nur die Kranken und Gehbehinderten zu Hause.Alles andere ist auf den Beinen. Religion ibzw. der Glaube st dort überlebensnotwendig.

  3. april schreibt:

    Zwar kann ich es auch nicht akzeptieren, eine hohe Kindersterblichkeit als gegeben hinzunehmen, aber darum geht es ja wohl nicht, sondern im Grunde genommen – wieder einmal – um unsere Einstellung zum Tod und zum Leben. Wir Europäer tun uns so schrecklich schwer damit. Was richtig ist oder falsch oder wie es sein sollte, das kann man nicht sagen. Ich weiß das einfach auch nicht. Hat man es vielleicht leichter, wenn man mehr Gottvertrauen hat? Keine Ahnung. Da bin ich ganz ratlos.

    • chinomso schreibt:

      Sicher hast du da Recht, April. Aber ich weiß, seit ich mit Pascal zusammen bin, dass in Nigeria viele Menschen sterben, weil sie zu nachlässig sind. Da fahren manche mit unbeleuchteten Fahrzeugen (PKW, LKW, Motorräder) durch die Nacht. Und wenn es dann schlimme Unfälle mit vielen Toten gibt, dann ist das Klagen riesengroß. Da könnt ich echt ausrasten. Oder es herrschen unglaublich schlechte hygienische Zustände, Dinge die man ändern kann. Dann haben Krankheiten natürlich leichtes Spiel. Das sind solche Sachen, die machen mich wütend. Aber ich schaffe es nicht, daran was zu ändern.

      • april schreibt:

        DAS ist natürlich schrecklich, völlig unnötig und überhaupt nicht hinnehmbar. Da kann ich deine Gefühle gut verstehen.

  4. theomix schreibt:

    Wenn mir diese Haltung begegnet – auch und gerade in einer Trauersituation -, stockt mir der Atem. Gottergebenheit ist im Rahmen der christlichen Vorstellungen, wie ich finde, eine mögliche Haltung – aber nicht die einzige! Mir liegt sie nicht nahe, und ich lege sie niemandem nahe. Weil ich befürchte, dass sie Trauer zudeckt.
    Wenn mir diese Haltung begegnet, horche ich genau hin, und wenn es echt klingt, werde ich nicht daran rütteln. Dann ist mein Gegenüber eine Spur gewisser in dem, was ich auch erhoffe.
    Und ich glaube, es geht um die Hoffnung, nicht um die Verantwortung für das Leben. Wer ein hartes Leben führt, braucht eine große Hoffnung, sonst geht er unter…

    • chinomso schreibt:

      Das gerade von dir zu lesen, wundert mich ehrlich gesagt. Versteh mich nicht falsch, ich freue mich, dass auch dir der Atem stockt. Ich dachte, in deinem Beruf würde man das eher einsehen.

      Aber ich glaube, diese Menschen finden nur so ihren Seelenfrieden (wieder). Und auch wenn ich sie nicht immer verstehe, ich respektiere ihre Einstellung.

      • theomix schreibt:

        Der Beruf lässt die Bandbreite der möglichen Haltungen und Frömmigkeiten zu.
        Ohne Respekt – das wäre nun nicht professionell für mich. Und auch persönlich nicht glaubwürdig. Was da Seelenfrieden gibt? Noch mal hinhören…
        Ein weites Feld, ich könnte noch viel… aber ich setze einen
        .

    • Ruthie schreibt:

      „Dann ist mein Gegenüber eine Spur gewisser in dem, was ich auch erhoffe.“ Das gefällt mir, theomix. Ich hoffe es auch…

  5. Barbara schreibt:

    Es ist immer sehr traurig, wenn ein Kind sterben muss, vor allem dann, wenn man es mit besseren medizinischen Möglichkeiten, die woanders vorhanden sind, hätte retten können.

    Einerseits geht es uns hier in Deutschland heute natürlich sehr gut, indem wir sicher auf der Welt mit die besten medizinischen Möglichkeiten haben und noch dazu ein System, in dem wir nicht für jede einzelne medizinische Leistung eine Rechnung bekommen, die wir selbst bezahlen müssen. Das hat bei uns jedoch andererseits zu der Einstellung geführt, dass alles machbar ist, und das ist es eben auch hier nicht immer.

    Ich halte es daher für keinen Widerspruch, alles Menschenmögliche zu tun, um jemanden zu retten, und dann doch den Tod als Gottes Willen zu akzeptieren. Und Letzteres schließt ja nicht aus, dass man trauert. Es hilft allerdings dabei, nicht zu verzweifeln.

  6. Ruthie schreibt:

    „Ich würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, ich würde falls nötig meinen letzten Cent aus der Tasche kramen um ihnen die beste Behandlung zukommen zu lassen. Ich würde verbittert kämpfen bis zu Erschöpfung meiner eigenen Kraft.“

    … und am Ende steht man da, hilflos, mit hängenden Schultern und muss einsehen, dass Medizin nicht alles kann. Und sich Trost suchen, z. B. die biblische Hoffnung zu glauben versuchen. Das ist manchmal der einzig mögliche Weg, nicht verrückt zu werden… *traurig-dich-umarme*

  7. ankeberlin schreibt:

    Auch in Deutschland gibt es diese irrationale Ergebenheit. Hier ist es nicht (mehr) die religiöse Resignation, hier ist es die politisch-bürokratische Kapitulation, die Kinder zu Verlierern stempelt. Traurig, sehr traurig – aber leider wahr …

  8. Gerade in solchen Situationen, liebe Iris, können wir, dürfen wir an der Güte und AllMacht Gottes zweifeln. Auch ich denke, daß es Gott gibt, daß er so einiges in unserem Leben lenkt aber allmächtig? Nöö, da ist ihm seine Schöpfung doch schon ziemlich aus dem Ruder gelaufen.
    Was die Leute in Nigeria betrifft, ich weiß nicht, wie gut oder schlecht die Leute in der Region aus der Pascal stammt leben, ob vielleicht das Geld für den Arzt fehlt, der mit einer kleinen MedikamentenGabe das Kind hätte retten können. Vielleicht gehen die Leute dort mit dem Thema auch ganz anders um als wir hier in D-Land,
    Ganz liebe Grüße vom Wolfgang aus der nachtdunkelruhigen Stadt am Meer.

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