Gegen das Vergessen

Herr Momo erzählt. Und das ist Geschichte, nicht irgendeine. Viele unserer Großeltern oder Eltern haben sicher ähnliches erlebt. Je nach Alter waren sie während des zweiten  Weltkriegs Kinder oder Erwachsene. Und so hat dieser Krieg einen langfristigen Einfluß auf beinahe jede deutsche Familie. Leider nicht nur auf deutsche Familien.

Gerade gestern am Gedenktag für den Holocaust habe ich im Radio gehört, dass 21% der 18-29 Jährigen in Deutschland nicht wissen was oder wo Auschwitz ist. Und so haben sie keine Ahnung davon, was dort geschehen ist. Dass es so finster aussieht, hätte ich ehrlich gesagt nicht gedacht.

In dem Zusammenhang wurde wieder mal diskutiert, jedem Jugendlichen im Rahmen des Geschichtsunterrichts ein Konzentrationslager zu zeigen. Denn nur wer das mal mit eigenen Augen gesehen hat, der weiß, dass es keine Märchen sind, die man ihnen erzählt.

Ich war als Schülerin mit der Klasse in Buchenwald und das war ein sehr erschütternder Tag für mich. Ich erinnere mich, dass mir wirklich schlecht war. Keine Klassenfahrt hat einen so tiefen und bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Wir haben in den Duschräumen gestanden, wo man die Menschen vergast hat. Man hat uns die Öfen gezeigt, in denen die Toten verbrannt wurden und mit Entsetzen haben wir die Berge von Schuhen und Brillen gesehen. Überbleibsel dieser ermordeten Menschen. Das war ein sehr schockierendes Erlebnis für uns alle. Aber wir haben was fürs Leben gelernt. Und das wünsche ich jedem heutigen Schüler.

Es passiert mir immer wieder, dass ich verbal massiv angegriffen werde, wenn ich meine Meinung äußere und sage, dass ich befürworten würde junge Leute von +/- 16 Jahren mit diesen Zeugnissen unserer Geschichte zu konfrontieren. Besonders Gesprächspartner mit schulpflichtigen Kindern sehen das als ausgeschlossen an und wollen ihre Kinder vor solchen Erlebnissen „beschützen“.

Da kommen dann Argumente wie: „Das ist zu brutal…..völlig unnötig… Man muss doch mal endlich diese alten Geschichten ruhen lassen. ….. Irgendwann muss doch mal gut sein. Irgendwann muss man doch mal aufhören in diesen unguten  Kapiteln deutscher Geschichte zu wühlen… usw.“

Auf diese Familien hat die deutsche Geschichte demnach keinen langfristigen Einfluß gehabt. Nichts gelernt? Zu wenig Verständnis für die Bedeutung von solcher Aufklärung?  Zu wenig Verstand? Oder was ist hier schief gegangen?

Können wir uns das denn leisten? Sprechen nicht aktuelle Ereignisse rund um Straftaten, begangen von Neonazis eine andere Sprache??

Nein, wir können nicht aufhören. Denn die nächsten Kapitel unguter deutscher Geschichte werden gerade wieder geschrieben.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Erlebtes abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

21 Antworten zu Gegen das Vergessen

  1. shelkagari schreibt:

    Angesichts einer Neonazi-Terrorzelle, ca. 200 Todesopfern, die auf das Konto rechter Gewalt allein innerhalb weniger Jahre gehen, und nach neuesten Studien ca. 20 % aller Bundesbürger, die „rechtslastig“ sind bzw. braunem Gedankengut gegenüber aufgeschlossen sind, kann und darf man diese furchtbaren Geschehnisse nicht in Vergessenheit geraten lassen!!!

  2. herr_momo schreibt:

    Du spricht mir aus der Seele, Chinomso 🙂

    Gerade heute im Angesicht der 10 Morde von Neonazis – oder waren es vielleicht sogar noch mehr? – ist es sehr wichtig, nicht nur die aktuelle Symptomatik zu bekämpfen.

    Egal, auf welchem Auge der Verfassungsschutz nun blind ist,
    egal, ob es in gewissen Regionen unser Republik gesellschaftsfähig ist, gegen Ausländer zu sein und auch
    egal, ob Muttis und Vatis von heute Ihre Kinder meinen „schützen“ zu müssen vor dem, was Teil unserer deutschen Geschichte ist!

    Ich finde, es sollte zum Pflichtprogramm in Schulen gehören, gerade die jüngere deutsche Geschichte der letzten dreihundert Jahre intensivst zu bearbeiten – mit einem besonderen Augenmerk auf die Entwicklung von nationalistischen und rassistischen Ideen und deren Auswirkungen auf gesellschaftliche Entwicklungen.

    Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass es gerade die grosse schweigende Menge war, die die Schrecken eines Hitler-Regimes erst möglich gemacht hat.

    Und diese Schrecken gilt es zu illustrieren, um sie „begreifbar“ zu machen.
    Was sind schon Zahlen in Geschichtbüchern ?

    Niemand kann sich wirklich den Unterschied zwischen 2.000 oder 2.000.000 Toten vorstellen, aber jeder kann mitfühlen, wenn er z.B. im Holocaust-Mahnmal in Berlin die Lebensgeschichten einzelner Opfer lesen und hören kann und dazu auch deren Gesichter auf den Photowänden sieht.

    Nur so werden aus den namenlosen Zahlen reale Menschen, mit denen man fühlen und leiden kann. Und darüber entsteht dann auch ein Gefühl zum Holocaust und zu den Schrecken, die heute von den Neo-Nazis verbreitet werden…

    • chinomso schreibt:

      Hier hat die Schule ne echte Aufgabe und die Chance, egal wie man im Elternhaus der Kinder tickt, die Jugend mit der Nase drauf zu stupsen.

      Ich will mich hier im Blog mal nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen, aber meiner Ansicht nach verlangen viele Eltern den Kindern sowieso zu wenig ab. In jeder Lebenslage. Faulheit wird unterstützt und schlechtes Benehmen toleriert und dann kommt die Super Nanny und alle -einschließlich der Therapeuten – sitzen auf der stillen Treppe.

      • herr_momo schreibt:

        Auch da bin ich mit Dir einer Meinung.
        Es muss ja nicht gerade „Zucht und Ordnung“ sein, aber zumindest sollten Eltern ihren Kindern ein Mindestmass an Respekt und Empathie für ihre Mitmenschen vermitteln.
        Wo sonst sollen Kinder das denn lernen, wenn nicht am Beispiel ihrer Eltern ?

        • chinomso schreibt:

          Und diesen Respekt lassen leider viele Kinder sogar gegenüber ihren Eltern vermissen. Und fremde Menschen gehen ihnen dann am Ar…. vorbei.

          Natürlich ist das kein Massenphänomen. Das will ich nicht behaupten.

          Aber ich kenne auffallend viele Eltern, die sich ständig und immer über ihre Kinder beklagen. Das sind aber in den meisten Fällen hausgemachte Probleme. Und dann gibts paar Psychopillen und alles scheint gut zu sein.

        • Anna-Lena schreibt:

          Na, in der Schule!! (Ironie-Smiley!!)
          Zumindest ist das die Erwartungshaltung vieler Eltern, die den eigenen Zug verpasst haben.

  3. Anna-Lena schreibt:

    Ganz in unserer Schulnähe ist das ehemalige KZ Sachsenhausen. Das kennt jeder Schüler unserer Schule, zumal viele Schüler in diesem Ortsteil wohnen. Diese schreckliche Zeit darf nie in Vergessenheit geraten – ohne Frage und da hat auch Schule ihren ganz klaren Bildungsauftrag.
    Von meiner Schule kann ich sagen, dass er erfüllt wird, aber das ist nicht überall so.

    Die Verbindung von heute und früher ist doch da und wer das ignoriert und nicht darauf aufmerksam macht, welche Wurzeln wir auch heute wieder spüren, verhält sich grob fahrlässig.
    Probleme zwischen Eltern und Kindern und Hausgemachtes, glaubt mir, ich kann da ganze Operetten von singen 😦

    • chinomso schreibt:

      Glaub ich dir gerne, Anna-Lena. Und heute Lehrer zu sein ist ein echter Knochenjob. Davon bin ich überzeugt. Das ist schwerer denn je.

      • Anna-Lena schreibt:

        Zum Glück gibt es sie noch, die engagierten Lehrer. Und es sind meist auch die Älteren, die es gelernt haben, den sich immer neuen und erschwerten Bedingungen anzupassen und gleichzeitig an Normen und Werten festhalten.
        So manches müssen wir auch unseren blutjungen Kollegen weitergeben.

        Liebe Sonntagsgrüße
        Anna-Lena

        • chinomso schreibt:

          So gesehen ist es dann also zu befürworten, dass das Renteneintrittsalter für Lehrer auf 75 hoch gesetzt wird. ((**aua, nein nicht hauen. Ich mach doch nur Spaß)

  4. nispuk10 schreibt:

    Vor einiger Zeit habe ich zwei Artikel geschrieben.
    1. Als Kind in der NAZI Zeit. Der passt zu dem Gedenktag.Mit dem „Nichtvergessen“ gehe ich mit euch konform, aber ……………….Das „Schlechtes-Gewissen-machen“ um uns immer noch zur Kasse zu bitten,sollte aufhören.Nicht jedoch das „Vergessen“ Ausserdem wird Geschichte nicht groß genug geschrieben.Das hat auch was mit Entwurzelung des eigenen ICH`s zu tun!
    2.Ein Artikel über Bildungsmangel aus meiner Sicht (Jahrgang 36) und der Verantwortung der Eltern.
    Den 1. stelle ich mal auf meinem Blog ein.

    • chinomso schreibt:

      Ich bin gespannt auf Blog zu 2.
      Und ich gehe gleich mal auf die Suche nach dem zu 1.
      Ich hoffe, das steht im neuen Blog. Denn der alte ist ja geschlossen.

  5. april schreibt:

    Ich bin zwar nicht dafür, dass die Schule all‘ das machen soll, was viele Eldtern versäumen, daber über die Geschichte zu informieren und sie erlebbar zu machen, das ist natürlich Aufgabe des Geschichtsunterrichts.

    • chinomso schreibt:

      Nein, ich denke idealerweise kriegt ein Kind all das von zu Hause mit. Dann ist der Geschichtsunterricht eher so eine Weiterführung und Ergänzung. Aber wenn das nicht so ist, dann kann der Geschichtsunterricht vielleicht noch was gerade rücken.

      Ich meine auch nicht, dass das allein die Aufgabe der Schule sein sollte.

  6. nispuk10 schreibt:

    So, ich hab`s geschafft, auch der zweite Artikel ist drin !! Un dich hoffe ,Du/ihr findet meinen Blog.
    http://quasselblog.wordpress.com

  7. …und ganz wichtig ist es , daß ersteinmal die amtlich vereidigten Nazis aus dem Bundesamt für Verfassungsschutz entfernt werden. Die Entnazifizierung in den 40er und 50er Jahren cheint da nicht wirklich gegriffen zu haben. Mittlerweile sind neue Nazis in dieser Institution nachgewachsen. Deshalb leiden die ja auch an einer derartigen Gesichtsfeldeinschränkung am rechten BildRand. Diese feinen Herren sollten mal Stätten wie Yad Vashem oder Terezín besuchen und diese auf sich wirken lassen – Aber vielleicht perlt auch das wirkungslos an ihnen ab. Die Linken zu beobachten ist ja an sich auch richtig, denn die sind extrem durchseucht mit den ewiggestrigen Jüngern der anderen deutschen Diktatur, den Altstalinisten und Kommunisten. Die machen das offizielle Streben nach Gerechtigkeit der LinksPartei in hohem Maße unglaubwürdig. Die Systeme der Herren Stalin und Hitler ähnelten sich doch zu sehr, als daß einer der beiden Pole vernachlässigt werden dürfte. Ich hoffe, daß sozialdemokratische Kräfte die Linke soweit beeinflussen, daß sie wählbar wird. Noch ist sie es definitiv nicht. Noch sind die Kräfte dort zu stark, die genauso auf ein FührerSystem setzen wie die Dumpfbacken aus der rechten Ecke. Ganz liebe Grüße vom Wolfgang aus der schönsten Hansestadt am Ryck.

  8. Inch schreibt:

    Meine Töchter sind jetzt 27 und 19 Jahre alt. Beide haben an der Jugendweihe teilgenommen. Beide waren im Rahmen der Vorbereitung darauf im KZ Buchenwald. Was in meiner Schulzeit noch zum festen Programm gehörte, war nun bei den Mädchen freiwillig. Als für die große 1999 der Besuch der Gedenkstätte auf dem Programm stand, fuhr noch jeder Jugendliche mit. Als die kleine 2006 Jugenweihe feierte, waren es aus ihrer Klasse noch ganze vier Schüler. Auch hier das Argument der Eltern, dass sei zu grausam für die 14jährigen. Und das aus den Mündern von Eltern, die mit 14 selbst in Buchenwald gewesen wein dürften! Ich war schockiert. Und bin es eigentlich immer noch. Aber gerade deshalb ist es wichtig, dass es Gedentage wie den 27. Januar gibt. Hier in Leipzig gab es in Vorbereitung auf die Einweihung eines Gedenksteines ein Programm in eime Kino für Schüler. Und da waren dann in der 2. Veranstaltung auch Grundschüler da. Den Lehrern, würde ich denken, ist ihre Verantwortung bewusst, auch hinsichtlich des Besuches von Gedenkstätten wie Buchenwald für ältere Schüler. Das Problem sind wirklich die Eltern, scheints, die ihre Kinder vor der Realität „schützen“ wollen.

    • chinomso schreibt:

      …ja, die Eltern. Das ist wohl so.
      Ich bin ganz deiner Meinung.

      Übrigens herzlich Willkommen hier bei mir.
      Wie hast du denn hier her gefunden? Das finde ich immer interessant.

      • Inch schreibt:

        Christianinmai hat meinen Beitrag zum 27. Januar verlinkt. So bin ich zu ihm gekommen. Dann habe ich mich durch die anderen verlinkten Beiträge geklickt. …

  9. Frau Fröhlich schreibt:

    Ja, ich hatte auch das Ergebnis dieser Umfrage zu Auschwitz gehört und konnte es nicht wirklich glauben. Ich bin immer noch total entsetzt.

    Und ich bin auch der Meinung, dass solch ein bedeutender und erschreckender Teil der Geschichte in jedem Land in den Schulen gezeigt werden muss !

    Ich war auch völlig erschüttert, als wir damals in der Schule mit diesem Thema, vielen Bildern und Filmen dazu, konfrontiert wurden. Aber ich bin froh, dass es getan wurde und ich habe keine bleibenden Schäden davon getragen, sondern höchtens eine wichtige Lehre daraus gezogen.

    Klar muss man die Vergangenheit auch mal ruhen lassen … das sage ich allerdings zu denen, die Deutschland ausschließlich mit Nazis in Verbindung bringen, denn viele Menschen haben aus dieser Geschichte auch gelernt.

    Aber man darf es auf keinen Fall vergessen, denn so etwas ist immer noch möglich und darf nie wieder geschehen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s