Herzfutter

Mein diesjähriges Highlight des Gospelchor-Projektes ist die Bekanntschaft mit einem sehr hübschen und äußerst talentierten, jungen Mädchen, das  mich ganz besonders angerührt hat.

Luisa (Name geändert) ist zarte 16 Jahre alt. Und in ihrem Fall ist die Bezeichnung zart ganz besonders treffend. Wie ein kleines Vöglein, was man dauernd füttern möchte, ist sie ungewöhnlich zerbrechlich und außerordentlich schlank. Stets trägt sie sehr weite Hosen und große Pullis. Und das ist kein Zufall. Will sie doch vermeiden, auf ihren körperlichen Zustand angesprochen zu werden.

Durch den Kontakt einer Nachbarin kam sie zu unserem Chor-Projekt. Zunächst skeptisch und eher reserviert, wurde sie aber von Probe zu Probe aufgeschlossener und hatte sichtlich Spass bei uns und mit uns. Durch Zufall bekamen wir raus, dass sie von sich sagt: „Musik ist mein Leben“. Das hängt als Slogan an ihrer Wand zu Hause.

Soweit nicht ungewöhnlich, denn es gibt sicher viele Teenies, die Popsongs nachträllern und für ihre Idole um die Welt reisen würden. Und sie träumen davon, mit dem Gesang berühmt und auch reich zu werden. Manche stellen sich bei einem Casting in die lange Schlange und werden nicht selten belächelt, ausgelacht oder sogar ausgebuht. Einige wenige kommen auf diese Weise sogar ein Stück weiter, müssen sich von zweifelhaften Juroren runterputzen und vom Publikum nach und nach raus wählen lassen. Und wenn sie auch als Sieger aus der Show gehen, sind sie doch nach wenigen Monaten wieder von der Bildfläche verschwunden. Aber ich schweife ab….

Luisa jedenfalls hat eine außergewöhnliche Stimme und ihr fehlte nur der Mut und vorallem das Selbstvertrauen damit mal aus ihrem stillen Kämmerlein raus zu gehen. Aber das sollte sich bald ändern. Wir redeten auf sie ein, sich bei unserem Chorleiter um einen Solopart zu bewerben. Und irgendwann war sie/es so weit und sie durfte vorsingen.

Alle, die dabei waren, hatten eine gewaltige Gänsehaut und waren gleichermaßen erstaunt und beeindruckt. So eine Stimme hatte keiner erwartet und alle waren sich einig: Sie muss unbedingt auf die Bühne. Zunächst mal wenigstens in unser Rampenlicht.

Und so kam es dann auch. Sie bekam einen Solopart in „You raise me up“ nach Vorlage der Celtic women siehe auch hier und legte bei beiden Konzerten einen großartigen Auftritt hin.

Nun habe ich das Konzert auf CD und höre es mir oft im Auto oder auch auf dem Apfelfon an. Und Titel 13 ist mein Lieblingstitel wegen Luisa. Und ich sag euch noch was. Bisher habe ich es nicht ein einziges Mal geschafft, den Song zu Ende zu hören ohne Tränen der Rührung in den Augen zu haben. Manchmal, je nach meiner Befindlichkeit bzw. dem Grad meiner „Rührbarkeit“ laufen die Tränen auch munter los. Denn ich freue mich so für sie.

Denn was hier passiert ist, ist mehr als nur die Geschichte von einem Mädchen was sich getraut hat vor vielen Leuten zu singen. Luisa war noch vor zwei Jahren dem Tod näher als dem Leben. Sie leidet unter Magersucht und wurde damals mit einer Nasensonde zwangsernährt. Dass sie heute auf einer Bühne steht und singt, das war vor Kurzem noch unvorstellbar. Nicht nur für sie.

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14 Antworten zu Herzfutter

  1. dorosgedankenduene schreibt:

    Das ist einfach wunderbar. man sagt nicht umsonst der Musik nach daß sie heilen kann. Und dieses Mädchen hat diese Aufmerksamkeit und Bestätigung dessen was sie kann, bestimmt gebraucht. Ich hab bei diesem Lied fast immer einen Kloss im Hals, aber bei der Bedeutung den das Lied für dich mit dieser Erinnerung hat, ist es nur zu verständlich daß du dabei weinen musst.
    LG Doro

    • chinomso schreibt:

      Genau das isses. Es ist so, als wenn wir sie alle auf unseren Schultern getragen hätten. Wir haben ihr wieder und wieder gesagt, wie gut sie das macht. Und sie ist mit jedem Lob gewachsen. Immer ein paar Millimeter mehr. Wann immer mir einer vom Chor gesagt hat: „Mensch, die Luisa, die macht das ganz toll. Wer hätte das gedacht?“
      Dem habe ich gesagt: „Sag es nicht nur mir, sag es vorallem ihr. Sie braucht das so sehr.“

  2. Martina schreibt:

    Lass mal schnell ein paar liebe Grüße aus Herford hier, schade, kann mit dir nicht den Besen in der Senne schwingen….aber die Walpurgisnacht wird nachgeholt, dass hat mir Ingrid versprochen…spätestens Pfingsten….Ps. Hilde ist supersüüüß, durfte sie gestern herzen, drücken, riechen und mit ihr schmusen ein echter Wonneproppen….Drück dich
    LG Martina

  3. freiedenkerin schreibt:

    Eine ungemein bewegende Gänsehautgeschichte ist das! Großartig! Musik ist eine Heilerin, sie hat schier unglaubliche Kräfte! Sie berührt und beflügelt uns – manchmal sogar so sehr wie eure, deine Luisa…

  4. Anna-Lena schreibt:

    Musik kann Unerwartetes vollbringen. Hat nicht das Singen seiner Familie Robin Gibb aus dem Koma geholt?
    Danke für die bewegenden Momente deines Posts.
    Liebe Grüße ins lange Wochenende,
    Anna-Lena

  5. paradalis schreibt:

    Sehr bewegend. Ich wünsche Luisa ganz viel von diesem Mut, den sie nun aufbringt. Schön, dass sie soweit ist!

    Herzliche Grüße!

  6. Frau Fröhlich schreibt:

    Ich hoffe, dass sie durch euren Zuspruch an Selbstvertrauen gewinnt und dies auch bei ihrer Krankheit umsetzen kann.

  7. april schreibt:

    Wie wunderbar, wenn ein junger Mensch es schafft, aus diesem schrecklichen Loch herauszukommen.
    LG, April

  8. Ruthie schreibt:

    Welche schöne, anrührende Geschichte!! Das gönne ich ihr von ♥en!

  9. Es gibt Musiken, die tragen über tiefe Gräben, es gibt Stimmen, bei denen einfach die Tränen laufen – und das ist dann auch gut so. Und ich freu mich mit Dir, daß die Luisa mit dem anderen Namen wohl auch dank der Musik die Kurve gekriegt hat und drücke ihr alle verfügbaren Daumen. Ganz liebe Grüße vom Wolf aus der schönsten Hansestadt am Ryck.
    (höre grade Estrongo Nachama, „entartete“ Musik nur für mich.soooo schöööön dieser Bariton mit hebräischen SynagogalGesängen vom Allerfeinsten
    http://hansehase.wordpress.com/?s=nachama )

  10. Rana schreibt:

    Was für eine Geschichte… und wie schön, dass alle im Chor Luisa unterstützt haben. Oft ist es ja so, dass es einen „Kampf“ um die Solostimmen gibt und so etwas hätte die junge Frau sicher nicht verkraftet. LG von Rana

  11. Bellana schreibt:

    Wunderbar, wenn so etwas gelingt. Hoffentlich hält das Mädchen weiterhin durch.
    Grüßle Bellana

  12. pinseljulie schreibt:

    Ich
    wünsche dir
    von Herzen ein
    wunderschönes Wochenende!
    Julie

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