Ein Fahrstuhl als Schutzengel – Stolz kann tödlich sein

Leute ich muss euch was erzählen. Da leben wir Wand an  Wand mit einem Mann, der beinahe allein in seinem Bett verhungert wäre. Beinahe aber nur.

Der Mann nebenan ist ungefähr Ende 50. Er ist ein sehr Stiller, der nie mehr als Tag und N’abend und so sagt. Man weiss nichts von dem. Er soll nach Aussage einer Nachbarin ein Alkoholproblem haben, riecht aber nie danach, macht überhaupt keinen Krach, ist auch nie betrunken gesehen worden etc. Aber er fährt, wie wir alle wissen, beinahe jede Nacht gegen 3 Uhr zur Tankstelle um Nachschub zu kaufen. Und die Art, wie er sein Auto nach solchen nächtlichen Fahrten parkt, lässt darauf schließen, dass er zu dem Zeitpunkt schon ziemlich viel getrunken haben muss.

Er ist schrecklich dürr, sieht aus wie der Tod auf Beinen. Und man sieht ihn tagsüber diese Windeln für Erwachsene ins Haus tragen. Hat also übelste gesundheitliche Probleme, der arme Mann. Er bekommt nie Besuch. Wenn man mal etwas von ihm will und klingelt, dann macht er niemals auf. Keinem. Ist aber sehr freundlich, wenn man ihn denn mal trifft im Fahrstuhl. Das passiert aber 1 x im Vierteljahr.

Hier ging nun der Fahrstuhl vor einer Woche kaputt. Ein größeres Problem. Wir müssen wohl sehr lange auf die Anlieferung eines Ersatzteils warten. Nun wohnen wir genau wie der betreffende Nachbar in der obersten Etage und müssen alle brav zu Fuß gehen. Und alles hoch schleppen, was man so kauft. Nicht jeder schafft das so auf einen Ritt. Gerade wenn einer gesundheitlich angeschlagen ist. Ich lag letzte Woche mit der aktuell sehr beliebten Grippe im Bett. Und entsprechend schlapp fühlte ich mich, als ich dann doch mal was einkaufen musste und die Tasche ins Dachgeschoß schleppen durfte. Da fragte ich mich schon, wie er das wohl schaffen kann.

Und so kam alles ans Tageslicht.

Eine Nachbarin fand den Mann nachts, nach einem seiner Ausflüge zur Beschaffung von Alkohol, völlig erschöpft auf der Treppe sitzend vor. Da hat er ihr alles erzählt.

Er ist am Ende.

Hat seit 6 Wochen keinen Strom mehr, damit auch weder Heizung noch warmes Wasser. Kann nicht telefonieren oder sich etwas kochen. Er zahlt auch seit langem keine Miete mehr. Sein weniges Geld gibt er offensichtlich für Alkohol aus. Essen tut der nix mehr, sagt er. Er erzählt, er lebt von Schlaftabletten und Alkohol.

Spontan haben wir Nachbarinnen nun einen Notfallplan aufgestellt und es wurden entsprechende Aktionen ins Leben gerufen. Eine der Frauen hat ihm über den Balkon mit ner Kabelrolle Strom in die Bude gelegt. Jemand hat dem Amt Bescheid gesagt, die haben einen Mitarbeiter geschickt. Der Mann ist schon seit langer Zeit erwerbslos, hat aber nicht mal AlG beantragt oder Sozialhilfe oder oder…. nix. Er ist zu stolz, sagt er. Ein stolzer Norddeutscher, sagte er uns.

Die Gelder sind jetzt beantragt, ein Unbekannter hier aus dem Ort zahlt ihm anonym die Stromrechnung in Höhe von mehr als 500€. Bis alles in die Gänge kommt versorgen wir Frauen ihn mit Essen. Wenn er die Tür aufmacht, dann bekommt er auch was Warmes zu essen. Das tut er eben nur selten, weil ihm alles so peinlich ist.

Ich habe am Montagabend, nachdem ich das ganze Drama erfahren hatte, eine Tüte mit Lebensmittel gepackt und an seine Türklinke gehängt. Die hat er erst nach 12 Stunden da weg genommen. Vermutlich in der Nacht.

Was bin ich froh, dass der Fahrstuhl kaputt ging.

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17 Antworten zu Ein Fahrstuhl als Schutzengel – Stolz kann tödlich sein

  1. Rana schreibt:

    Wie schön, dass es dann bei euch Solidarität gibt und keiner sagt: Ach, der alte Säufer… Ob das ein Einzelfall ist? LG von Rana

    • chinomso schreibt:

      Für mein Empfinden muss man da doch helfen. Man kann einen, der so hilflos ist, doch nicht hängen lassen.

      Ich denke ständig daran, dass wir das beinahe nicht mit gekriegt hätten. Und bei der Vorstellung, der Mann wäre direkt nebenan gestorben und wir hätten nichts gewusst und darum nichts tun können….. puh. Unglaublich. Das wäre mir in dem Fall schwer auf der Seele gelegen. Gottseidank kam es anders.

  2. Ludger schreibt:

    Toll das ihr euch um den Mann kümmert. Ich hoffe das ihr es schafft, den Mann wieder einigermaßen aufs richtige Gleis zu kriegen. Ich wünsch euch viel Erfolg dabei. L.G. Ludger

    • chinomso schreibt:

      Ja, das hoffen wir auch. Problem und das allergrößte ist aber, dass er nicht einsieht, dass er dringend ne Therapie machen muss wegen dem Alkoholismus. Er meint leider immer noch, er habe es im Griff. Jeder sieht, dass das nicht so ist. Nur er nicht.

      Und wenn sich das nicht ändert,dann wird er dran zugrunde gehen. Leider.

  3. Unikatfrau. schreibt:

    Deine Story hat mich gerade zum Weinen gebracht. Gut, dass ihr euch kümmert!!!

  4. theomix schreibt:

    Sch***perspektive für den armen Kerl. Was du gemacht hast, hat ihm einen Lichtblick gegeben.

  5. Beate Neufeld schreibt:

    Wie wunderbar, dass in Eurem Haus die Nächstenliebe gelebt wird. Vielleicht braucht dieser Mann einfach noch ein bisschen Zeit um einzusehen, dass er sich Hilfe nehmen darf.
    Liebe Grüße von:
    Beate

  6. Bei mir in der Wohnung hängt ein Spruch:“ Ein Engel kommt nicht immer wenn Du ihn rufst. Er kommt wenn Du ihn brauchst.“ Und der Große Meister hat JETZT den Fahrstuhl außer Betrieb gesetzt, daß das Elend dieses armen Kerls offenbar wird. Schön, daß Ihr in dem Haus so reagiert und jetzt die Engel seid, die ihm hoffentlich wieder aufs Pferd helfen können. Das geht leider nur, wenn er vom Trinken loskommt. Ich hoffe, daß er diesen Wink mit dem Kantholz versteht und sich in Therapie begibt, damit er wieder auf eigenen Beinen stehen und sich selbst versorgen kann.
    Ganz liebe Grüße vom ollen grauen Wolf aus dem Land am Meer.

  7. Franka schreibt:

    Ach, ihr Lieben! Hoffentlich wärmt ihr ihm mit euren Hilfeaktionen so das Herz, dass er wieder ein wenig auftaut und Hilfe annehmen kann.
    Liebe Grüße, Franka

  8. ute42 schreibt:

    Wie oft liest man, dass ein Nachbar wochen- oder monatelang tot in seiner Wohnung lag und keiner hats bemerkt. Gut, dass ihr auf den armen Menschen aufmerksam geworden seid. Lieb auch, dass ihr ihm helft. Allerdings ohne Alkoholentzug ist ihm wohl auf Dauer nicht zu helfen.
    Das ist sehr traurig.

  9. Frau Fröhlich schreibt:

    Ich hoffe, er bekommt dank eurer Solidarität sein Leben wieder auf die Reihe und vor allem sein Suchtproblem in den Griff, sonst wird er wieder so landen, wie ihr ihn nun gefunden habt.

  10. Ruthie schreibt:

    Oh, seid Ihr eine liebe Truppe! Das finde ich ja 1 A und wunderbar. Hoffentlich hilft’s.

  11. Jorge D.R. schreibt:

    Klasse, Chinomso!

  12. freiedenkerin schreibt:

    Was bin ich froh, dass dieser Mann solche hilfsbereiten Mitmenschen wie euch in der Nachbarschaft habt! Großartig! ♥

  13. paradalis schreibt:

    Das ist so eine Geschichte, die versöhnt mich mit der Menschheit. Denn manchmal, wenn ich sehe, dass es normal zu sein scheint, dass jeder nur an sich denkt, kann man schon verzweifeln.
    Schön, dass du diese Geschichte hier erzählt hast.
    Das versöhnt mich.
    🙂

    Habt ihr gut gemacht!

  14. Was es doch für Schicksale gibt. Erschütternd.
    Toll eure Nachbarschaftshilfe.
    Herzliche Grüsse
    Trudy

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