Jungfernfahrt – oben ohne

Es ist Samstagabend und ich bin unterwegs. Ein tolles, schnelles Auto ohne Dach, was nicht mal mir gehört. Ein lauer Sommerabend im August just zu der Zeit, wenn die Sonne gerade Feierabend macht. Ich bin allein unterwegs. Wo sind nur all die Leute hin, die tagsüber den Ort bevölkert haben? Wollen sie mir dieses besondere Vergnügen bereiten und überlassen mir allein die Straße?

Dramatisch dunkle Wolken türmen sich von der abgehenden Sonne angestrahlt am Himmel auf und kommen bedrohlich schnell näher. Aber ich bin mit diesem Gefährt erfreulicherweise noch schneller als die Wolken und kann ihnen davon fahren. Eine nagelneue Straße. Nur wenige sind vor mir hier gefahren. Ich noch nie. Eigentlich wollte ich sie nicht mögen, denn ich habe seit vielen Monaten mit ansehen müssen, wie sie gewachsen ist. Und wie sie eine vorher makellos schöne Landschaft zu zerschneiden begann. Sie hat sich tiefer und tiefer in die sanften Hügel, Wiesen und Felder gebohrt. Im Winter schon fand ich mitten in der Landschaft Brückenstücke vor. Die schienen da von einem Riese wahllos abgestellt. Sie wirkten die Bauklötze, die jemand dort vergessen hat. Und ich fing schon damals an, die Landschaft zu bedauern. So schön, wie sie bisher gewesen war, sollte sie nicht mehr lange sein. Das war abzusehen.

Aber jetzt wo alles fertig ist, die neu entstandenen Hügel schon üppig grün sind, die Kreisverkehre hübsch rund, der Asphalt tiefschwarz, die Markierungen blendend weiß, die gelb-schwarzen Wegweiser neu und glänzend, duftende Wildblumen am Straßenrand. Es fällt schwer das wirklich hässlich zu finden. Alles so sauber und adrett. Ich bin ein Teil dieser Spielzeugwelt mit meinem Matchbox Auto. Und so bin ich wenigstens für diesen Abend mit der neuen Straße versöhnt. Sie kann ja nichts dafür, dass man mit ihr die Landschaft zerschnitten und vernarbt hat.

Ehemalige Straßen werden unter Bergen von Mutterboden begraben.
Sie verschwinden einfach sang- und klanglos. Und es ist, als hätte es sie nie gegeben.

Erst Stunden später ist mir aufgefallen, wie ich dieses Gefühl genossen habe.
Neuland – Ich und die Herausforderung – Bauchkribbeln – Abenteuer

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2 Antworten zu Jungfernfahrt – oben ohne

  1. Anna-Lena schreibt:

    Der Konflikt zwischen Tradition und Moderne begegnet uns in vielen Dingen und oft schwanken wir mit unserer Ansicht hin und her.
    Interessant geschrieben, ich sah dich schon mit einem Cabriolet durch die Lande reisen… 😆

    LG Anna-Lena

  2. freiedenkerin schreibt:

    Das kann ich so gut nachfühlen, liebe Iris. In mir streiten auch sehr oft zwei Seelen in der Brust, und tragen den von Anna-Lena schon erwähnten Konflikt zwischen Tradition und Moderne aus, bisweilen auch den zwischen schlechtem Gewissen, tiefem Bedauern und Freude und Entzücken… 😉

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