Leben unter Ausschluß der Öffentlichkeit

Das raubt dem Blog den Stoff. Das lässt ihn verstummen. Und dann wird er langsam blass und blasser wie ein altes Foto. Man packt ihn in die Kiste der Erinnerungen und macht den Blechdeckel zu.

Dann aber gibt es da Leute, die leben vom Bloggen. Und andere, die verdienen sich ein Zubrot damit. Das könnte mir schon auch gefallen, aber leider bin ich nicht so. Ich mache keine verrückten Dinge, die andere mit staunend offenen Mündern und gelb vor Neid zurück lassen. Und ich gehe auch nicht täglich mit neuen Markenklamotten und Taschen/Schuhen von namhaften Firmen aus dem Haus, worüber ich dann kasseklingelnd berichten könnte. Mein Makeup ist 0-8-15 und von dm oder R.oss.mann.

Gestern habe ich mich mal wieder ins Internet gebohrt wie eine Maus in den Käselaib. Und dabei bin ich bei so einer In-Bloggerin gelandet. Es heisst, sie soll mehr als 30.000 Stammleser haben. Über 200 Kommentare pro Beitrag sind dort durchaus drin. Ich habe mich da ein bisschen herumgetrieben und es war wie ein Ausflug in eine andere Welt. Nicht meine Welt. Eine Parallelwelt in Pastelltönen. Alles sehr sauber, alles vom Designer und frei von Zwängen, von Sorgen, Nöten, Angst und Geldnot. Es springt einen der Optimismus an. Es wird Hoffnung geweckt. Traurige bekommen dort Mut zugesprochen und manch einem Bedürftigen wird das Rückgrat gestärkt. Ich sehe das durchaus als positiv an. Das heisst, ich will hier nicht anklagen. Keineswegs. Aber der aufmerksame Leser fragt sich, wie wahrhaftig das alles sein kann. Die Frau ist scheinbar ein Paradiesvogel mit einer goldenen Amex im Schnabel.

Und sie ruft den grauen Spatzen dieser Welt euphorisch zu: Kommt! Fliegt mit! Ihr könnt das auch! Gebt euch nicht mit dem Brotkrumen zufrieden. Schwingt euch in die Lüfte und ihr werdet sehen, dass es ganz einfach ist glücklich und sorgenfrei zu leben. Alles ist möglich. Man muss nur fest daran glauben.

Solche Blogs sind sicher für viele Menschen Inseln der Glückseeligkeit, die jeder gerne mal besucht. Sie nähren die Illusion, dass alles ganz einfach ist. Man muss es nur geschickt anstellen. Moderne Märchen werden dort wahr. Wir alle lieben Märchen, weil sie ein Happy End haben. Weil dort am Ende immer das Gute und Schöne siegt.

Und dann klappt man das Märchenbuch zu, geht Treppe wischen, Wäsche aufhängen, Müll raus bringen und Kartoffeln schälen.

 

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21 Antworten zu Leben unter Ausschluß der Öffentlichkeit

  1. freiedenkerin schreibt:

    Besuche auf solchen pastellfarbenen „Märchenblogs“ sind ab und an recht erheiternd. Aber auf Dauer halt auch nichts für mich. Ich treibe mich viel lieber unter den anderen „grauen Spatzen“ herum. Das ist viel interessanter, und vor allem lebensvoller und schöner. 😉
    Liebe Grüße!

    • chinomso schreibt:

      Aber schon erstaunlich, dass solche Blogs einen enormen Zulauf haben. Sicher wünschen sich viele insgeheim auch so ein Paradiesvogel-Leben führen zu können.

      • freiedenkerin schreibt:

        Ich vermute mal, dass sehr Viele dort lesen, und diese Blogs verfolgen, weil sie nach Feierabend bzw. in ihrer Freizeit, vielleicht auch im Büro ganz einfach die Schnauze voll vom manchmal ereignislosen und doch etwas tristen alltäglichen Leben haben. 😉
        Ich habe vor etlichen Jahren mal einen Artikel über die sogenannte Regenbogenpresse gelesen – da war das Internet noch nicht en vogue – in dem dargelegt wurde, dass viele Frauen vor allem deshalb beim Friseur und in Arztpraxen diese Zeitschriften lesen, um ihrem Leben durch die oft sehr voyeuristischen Berichte über die Von und Zu’s etwas Glamour zu geben. Und auch das Selbstbewusstsein zu stärken – man weiß angebliche, häufig pikante Details über das Um und Auf und die Skandale der Schönen und Reichen. Meine Mutter z. B. konnte die vollständige Biografie von Prinz Charles vorwärts und rückwärts aufsagen, und sich über seine Person und seinen angeblichen Charakter äußern, als würde sie jeden Nachmittag Tee mit ihm trinken. 😉
        Hab ein schönes Wochenende!

        • chinomso schreibt:

          Ja ja…. sehr schön. Da muss man sich nicht mit dem eigenen Leben befassen.
          Okay, ich lese die beim Friseur auch. Nur Geld würde ich dafür nicht hinblättern wollen.

          Und kennste eins dieser Blätter, kennste alle. Im Krankenhaus vor vielen Jahren hatte ich ne Frau auf dem Zimmer, die hat die alle am hauseigenen Kiosk gekauft und ich „durfte“ sie auch lesen. Und es war ein Graus. Die Headlines waren alle gleich. Hat ein Promi ne Affäre / ist krank / hat sich verlobt / ab- oder zugenommen etc.pp dann steht das überall mit mehr oder weniger vielen Fotos da drin. **zu Hülf***

          • freiedenkerin schreibt:

            Montags wurde bei uns immer „Die Aktuelle“ gekauft. Das war DAS Highlight zum Wochenbeginn. 😉 Und niemand von uns durfte einen Blick in die Zeitschrift werfen, bevor Mutter sie gelesen hatte. Mich interessierte das Geschreibsel ohnehin nicht. Da ich ja manchmal ein ziemlich bissiges Mundwerk habe, konnte ich mir etliche spöttische Bemerkungen nicht verkneifen, meine Mutter ist da „not amused“ gewesen. 😉

  2. theomix schreibt:

    Jetzt sind es nur noch 198.. 😀
    Ich für mich kann nur sagen, ich mach mein Ding aus Spaß an der Freud. Natürlich freue ich mich, wenn die Zahl der Abonnenten steigt oder wenn ein paar fette Tage kommen und es gibt eine Menge Besucher. Wenn das ausbleibt, schreibe ich unverdrossen weiter, wonach mir ist.

    Märchen, die in den Alltag hineingeflochten sind, machen mich eher misstrauisch. Trotzdem wünsche ich mir, dass es den Guten am Ende gut geht. Aber das ist ein anderes Thema. 😉

    • chinomso schreibt:

      Geht es dir nicht manchmal so, dass das, was du erlebst, zu privat für die breite Öffentlichkeit ist?? Und dann wird es nicht gebloggt?

      • theomix schreibt:

        Sicher ist das bei mir so. Ich filtere und dosiere sehr stark. Ziemlich von Anfang an habe ich auf eine Art Tagebuch verzichtet. Meine Beiträge sind „Mosaiksteine aus dem Leben“, um das mal sehr blumig zu sagen.

  3. Lutz schreibt:

    Mein Fall ist das auch nicht, aber jeder soll seinen Blog so gestalten wie er mag. Mann Muß ihn ja nicht besuchen oder man zieht seine Schlüsse daraus. Dir noch einen schönen Abend. L.G.

    • chinomso schreibt:

      Schon klar. Jeder wie er will. Aber mir geht es in letzter Zeit so, dass mir die Themen ausgehen. Und ich frage mich – bevor ich schreibe – ob das wen interessiert. Und dann lass ich es oft. Wie man an den wenigen Beiträgen von mir in diesem Jahr sehen kann.

  4. Anna-Lena schreibt:

    Wenn das Leben nur aus Bloggen und einer schönen heilen Welt besteht, läuft es aber entschieden am Leben vorbei.
    LG Anna-Lena

    • chinomso schreibt:

      Das sehe ich auch so. Aber manch einem gefällt sein eigenes Leben nicht und er/sie träumt sich weg in solche „Wunterwelten“. Das ist auch ne Form von Verdrängung.

  5. Myriade schreibt:

    Solange alle Beteiligten wissen, dass es sich um Märchen handelt, ist das ja kein Problem, aber wenn jemand die virtuelle Glitzerwelt mit dem Leben verwechselt, dann wird es gefährlich.
    Aber egal ob man gerade Treppen wischt, Kartoffeln schält oder in der Luxus-suite mit Blick auf irgendwas Tolles logiert, hat doch das echte Leben eine völlig andere Qualität als das virtuelle. Authentizität ist einfach stark und lebendig und keine virtuelle Landschaft kann damit wirklich konkurrieren, finde ich …..

    • chinomso schreibt:

      Das wahre Leben hat für manche aber keinen Weichzeichner und keine Pastellfarben. Da herrscht das Grau-Schwarz-Braun vor und man hört die Vögel nicht zwitschern.

      Daher vielleicht die Vorliebe der Realität zu entfliehen?

      • Myriade schreibt:

        Ja eh, das machen wir ja alle gelegentlich. Solange man selbst weiß, dass das jetzt eine kleine Fluchttour in imaginäre Welten ist, macht das ja auch nichts.

        Es ist ja sicher auch wahr, dass manche Menschen mehr Talent zur Leichtigkeit im Leben haben. Leichtigkeit meine ich im ganz positiven Sinn. Das Talent halt im Grau-Schwarz-Braun auch bunte Punkte zu sehen….. Zu denen gehörst du ja sicher auch: deine Texte haben immer einen positiven, humorvollen Unterton

  6. ingrid/ile, die Bastelmaus schreibt:

    Du hast es auf den Punkt gebracht!
    Mich erinnert das irgendwie an eine/n Guru/in (gibt es diese Bezeichnung auch weiblich? )

    LG Ingrid
    und ein schönes WE!

  7. winnieswelt schreibt:

    Ohja, … du schreibst genau das, was ich vor wenigen Tagen auch dachte, …

  8. paradalis schreibt:

    … tja, so ist es im Internet. Wusstest du übrigens, dass man den Wert seiner website ermitteln kann? 🙂 Hier beispielsweise: http://www.web-wert.de/

    Und dass das wirklich Firmen nutzen, um ihre Werbung da gezielt zu platzieren? Einen anschreiben, ob man sie nicht verlinken mag usw.?

    Was die Themen anbelangt, da habe ich mich auch ziemlich verändert. Es ist weniger privat, aber das ist ja nicht unbedingt verkehrt. 🙂
    Alles Gute, liebe I. und euch allen!

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