Lost and Found

Memories of London 1991 wurden dieser Tage bei mir wach. Und das kam so…..

Es begab sich zu einer Zeit, ich war zarte 32 Jahre alt war, da machte ich mit einer Freundin Urlaub in London. Am Piccadilly Circus, einem bekannten Platz der Metropole, saßen zu dieser Zeit immer wieder mal Straßenmaler. Sie boten für ein paar britische Pfund an, vorbeikommende Passanten zu portraitieren. Während einige nur mässiges Talent hatten, stach einer ganz besonders hervor. Er war Ägypter und hieß Talaat. Seine Bleistiftzeichnungen gaben die Gesichter der portraitierten Personen sehr gut und wirklichkeitsgetreu wieder. Wir gingen auf unseren tägliche Touren durch die Stadt gerne gegen Abend nochmal bei den Malern vorbei und schauten ihnen  für ein paar Minuten über die Schulter. Irgendwann beschloss ich, mich auf den kleinen Hocker des ägyptischen Meisters zu setzen und mich ebenfalls portraitieren zu lassen. Es muss über eine Stunde gebraucht haben, bis er fertig war. Wie lange es tatsächlich gedauert hat, daran erinnere ich mich nicht mehr genau, aber an alles andere. Immer neue  Passanten umkreisten uns  und gaben mir zu verstehen, dass ihnen das entstehende Bild sehr gut gefiel. Langsam wurde es dunkel. Es war erforderlich, dass ich dem Maler während der gesamten Zeit in die Augen schaute. Wenn ich meinen Blick mal in der Umgebung schweifen ließ oder sogar den Kopf kurz weg drehte, mahnte er mich per Handzeichen zur Disziplin und bestand darauf, dass ich ihn anschaute. Und ich muss sagen, die anfängliche Verlegenheit und Scheu war bald wie weg geblasen. Es gefiel mir immer besser. Da zu sitzen und in seine Augen zu schauen. Es gelang uns alle äußeren Eindrücke auszublenden und uns nur auf das Wesentlich zu konzentrieren.

Das Ergebnis sah dann so aus.

iris_91_london

Als das Portrait fertig war, wurde die Bleistiftzeichnung  noch mit einem Hauch Haarspray fixiert um ein Verwischen zu vermeiden. Danach packte der Maler zur großen Überraschung der umstehenden Passanten, die gerne auch portraitiert worden wären,  seine Staffelei und die Malutensilien nebst kleinem Hocker ein. Wortlos, aber mit einem Lächeln im Gesicht, name er mich an der Hand und wir gingen gemeinsam weg.

Wir ritten gemeinsam in den Sonnenuntergang…..

Nach diesem Urlaub hielten wir noch für einige Wochen telefonisch Kontakt. Als ich zwei Jahre später wieder in London war, kam es zu einem Wiedersehen und zum endgültigen Abschied. Er hatte zwischenzeitlich geheiratet. Und es war ihm ernst mit der Frau, einer Engländerin. Das konnte ich gut nachvollziehen, wenn es mich auch ein bisschen traurig machte. Aber so ist nun mal das Leben. Ende einer Romanze, könnte man sagen. Aber die schöne Erinnerung konnte und kann uns keiner mehr nehmen.

Zeitsprung – Herbst 2016
Seit einigen Monaten habe ich einen Facebook Account mit meinem richtigen Namen. Ich bekomme regelmässig Freundschaftsanfragen von fremden Leuten. Auch von recht vielen, auffallend gut aussehenden Männern in meinem Alter. Oft sind es Herren aus den USA, England und anderen europäischen Ländern. Anfangs habe ich mich hin und wieder darauf eingelassen. Doch zu 100% stellte sich bereits nach wenigen Tagen heraus, dass diese Herren unseriöse Absichten hatten – Stichwort moderne Heiratsschwindler. Deshalb bin ich dazu über gegangen, diese Anfragen umkommentiert weg zu löschen. Anfang September war eine Anfrage dabei, die ich nicht so schnell löschen wollte, denn das Gesicht kam mir irgendwie bekannt vor. Ich wusste aber nicht, woher ich es kannte und ließ die Anfrage erstmal in der Warteschleife stehen.

Letzte Woche räumte ich mal wieder das Postfach auf und schaute mir die besagte Anfrage gründlicher an. Und auf einmal machte es Klick in meinem Hirn. Er fragte mit seinem echten Namen. Nur hatte ich in der Vergangenheit lediglich seinen Vornamen gekannt. ENDLICH konnte ich auch diese Augen zuordnen. Meine Güte, ich hatte so auf der Leitung gestanden. Er hatte mir, anders als alle anderen Männer, eine Telefonnummer und Mailadresse angegeben. Und er sagt, er lebt auch heute noch in London. Nun wollte er von mir mit der Anfrage von September wissen, ob ich DIE Frau bin, die damals mit ihm in den Sonnenuntergang geritten war.

Da ich nicht geantwortet habe, hat er angenommen, ich bin nicht diejenige welche. Und er hat weiter nach mir gesucht, wie immer mal in all den Jahren davor. Natürlich hat er sich ganz unglaublich gefreut, als ich mich dann sofort voller Aufregung bei ihm gemeldet habe.

Und da sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute……. mal sehen, was jetzt passiert. Die Zeit wird es zeigen.

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11 Antworten zu Lost and Found

  1. freiedenkerin schreibt:

    Ach, was ist das für eine tolle Geschichte! Schön, und traurig. Und das vorläufige Ende wirkt so hoffnungsvoll… Alle meine Daumen sind ganz, ganz fest gedrückt. 🙂

    • freiedenkerin schreibt:

      Und das Portrait ist ganz wundervoll! Vielleicht malt dieser Künstler ja noch viele, viele, viele Portraits von dir. 😉

      • chinomso schreibt:

        Es ist jedenfalls eine schöne Erinnerung. So werde ich immer wissen, wie ich mit 32 ausgesehen habe. Wertvoller als ein Foto.

        Ich glaube momentan nicht an eine Fortsetzung der Romanze von damals. Man wird ja mit den Jahren nicht weniger anspruchsvoll und zum Glück nicht naiver. Von der jungen Frau von damals trennen mich nicht nur 25 Jahre.

    • chinomso schreibt:

      Na ja…. was ich damals schon feststellen musste: Er ist ein echter Macho. Und das sind denkbar schlechte Voraussetzungen für irgendeine Form einer Beziehung mit mir. Das brauche ich echt nicht. Aber wer weiß? Am Ende hat er sich gewandelt?

  2. Ingrid, die Bastelmaus schreibt:

    Ein herrliches Portrait, liebe Iris! Nun weiss ich auch, wie Du früher mal ausgesehen hast.
    Eine wundervolle wahre Geschichte, sehr schön geschrieben, mit einem noch nicht bekanntem Ende
    Bitte berichte auch weiterhin davon, vielleicht wird das ja ein „Fortsetzungs-Roman“ in echt…..
    Liebe Grüße und ein gemütliches WE wünscht Dir
    INGRID

  3. pia schüffelgen schreibt:

    Gänsehaut….wundervoll

  4. martinacarmenluise schreibt:

    Hach, wie wildromatisch! Du lässt also Straßenkünstler unter Deinen Blicken schmelzen.
    Hoffentlich zerstört er jetzt nicht die Erinnerung durch irgendwas blödes…

  5. Ruthie schreibt:

    Ich bin auch gespannt! 🙂

  6. Rose Marie schreibt:

    zauberhafte Geschichte aus 1001 Nacht… 🙂

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