Väterchen Russland °°2010°°

RUSSLAND REISE Swetlana : 16.07. – 27.07.2010
Von Moskau nach  St. Petersburg mit dem Motorschiff „Novikov Priboi“

Bei wunderbarem Abendlicht wurden wir in Moskau auf die „Novikov Priboi“ eingeschifft.

Hier ein Blick vom Oberdeck auf die Moskwa.

Die beste Medizin gegen alle Krankheiten im Urlaub ist es,
jeden Abend einen landestypischen Schnaps
zur inneren Anwendung dem Körper zuzuführen.
So jedenfalls sagt meine Freundin Ingrid.
Wir haben deshalb unseren Kabinen Kühlschrank mit „Wässerchen“ gefüllt.

Blick aus dem Kabinenfenster am frühen Morgen.

Freitag, den 16.07.2010

Der Wecker klingelt  –so beginnt mein Urlaub komischerweise immer– um 4 Uhr. Ingrid und ich sind schnell auf den Beinen, frühstücken wenig, schmieren uns aber Butterbrote für die Reise. Deshalb sind wir viel zu früh startklar. Die Wartezeit überbrücken wir auf eine für mich sehr außergewöhnliche Weise. Ingrids tägliches Ritual zum Tagesbeginn – sie legt Tarot Karten. Also auch an diesem Morgen. Sie zieht die Karte „Die Liebenden“. Die Bedeutung ist mir entfallen. Ich dagegen wähle die Karte „Der Tod“ Na toll!!!! Hab ich’s doch gewusst. Ich sollte die Finger von solchem Kokolores lassen, denn ich halte da gar nichts von. Aber meine Neugierde steht mir immer mal wieder im Weg. So auch hier. Wäre ich ein ängstlicher Typ oder hätte gar Flugangst, dann würde ich wohl mit Zittern und Bangen diese Reise antreten. Aber Ingrid klärte mich auf, dass „Der Tod“ nur für Veränderung steht und nicht bedeutet, dass jemand stirbt. Und somit ist alles im grünen Bereich, denn das ist mir nicht neu, dass jeder Tag anders ist als der davor.

Schlag 5 Uhr sind Günter und Jutta da und wir stopfen uns kurzerhand mit 4 großen Koffern und Handgepäck in Ingrids kleines Autochen und los geht’s gen Düsseldorf. Die Fahrt läuft geölt wie auf Schienen. Das Gelände, wo wir das Auto für die Zeit der Reise parken wollen, liegt nahe der Autobahn. Per Transferbus kommen wir innerhalb weniger Minuten zum Airport.  Wir haben noch viel Zeit, geben die Koffer gleich auf und nehmen dann in einem Cafè in der Abflughalle noch einen Cappuccino ein. Der Urlaub kann beginnen. 10:15 Uhr heben wir ab. Über den Flug ist nichts zu sagen. Bei der Landung in Moskaus Flughafen Domodedovo „Аэропорт Домодедово“ rennen uns die heimgekommenen Russen bereits in der Maschine halbwegs über den Haufen. Das ist wohl Heimweh. Man weiß es nicht. Wir lassen uns Zeit, denn wir haben schließlich Urlaub.

Der Flughafen  ist leider nicht klimatisiert. Wir erleben deshalb beim Koffer-Fischen die Schwitz-Attacke – Part I. Die gesamte Kofferflut von drei Maschinen ergießt sich zeitgleich auf ein kleines Band. Das Gedrängel ist einzigartig. Im Glauben, dass wir unser Gepäck entdeckt haben, ziehen und zerren wir immer mal wieder  falsche Koffer vom Band und wuchten sie danach wieder drauf. Manche Gepäckstücke türmen sich außerhalb der Reichweite der Passagiere auf und ziehen vor unseren Augen unberührt von irgendwem vorbei. So lange Arme hat keiner, sie zu erreichen. Zusätzlich nehmen Flughafenmitarbeiter Koffer vom Band runter und stellen sie einfach irgendwo ab. Das macht die ganze Aktion nicht einfacher. Aber wir sind gut. Wir schaffen das mit vereinten Kräften.

Durchgeschwitzt schauen wir uns dann nach Mitarbeitern unserer Reisegesellschaft um, die uns vom Flughafen  zum Schiff bringen sollen. Das ist bei den Menschenmassen nicht so leicht. Als wir das entscheidende Schild endlich erspäht haben, müssen wir uns dort noch für viele,  viele Minuten gedulden, bis alle Schäfchen versammelt sind und wir dann zum Bus aufbrechen. Der ist klimatisiert. So jedenfalls steht es außen drauf. Aber nicht immer kann man von der Beschriftung auf den Inhalt schließen. Dieser Bus hat schon bessere Zeiten gesehen und war früher sicher auch mal mit einer intakten Klimaanlage versehen. So gab es also „Reisegruppe im eigenen Saft“ im Moskauer Freitagabend-Feierabendverkehr.

Gegen 19 Uhr Ortszeit (Russland ist uns zwei Stunden voraus) erreichen wir das Schiff. Dort empfangen uns unsere späteren Dolmetscherinnen in traditionellen russischen Gewändern und reichen jedem von uns Brot und Salz. Eine sehr schöne Art empfangen zu werden, wie ich finde.

Das Reiseprospekt sah für den ersten Tag vor:
1. Tag
Flug Deutschland – Moskau / Russland, Empfang durch die Reiseleitung, Transfer, Einschiffung

Natürlich war es für uns mehr als das. Und ich kann beim besten Willen nicht so mager berichten. Das werdet ihr verstehen und hoffentlich begrüßen. Wir bekamen nach der Brot & Salz Begrüßung die Kabinenschlüssel. Ingrid hatte ganze bewusst eine Kabine auf Deck 2 gebucht. Dies ist deshalb von Vorteil, weil das zweite Deck eins ist, wo nur das Personal draußen vor der Kabine herumlaufen kann. Ein ruhigeres Deck also, als die anderen, wo jeder Passagier tags und auch bei Nacht vor dem Kabinenfenster herumlaufen und somit auch in die Kabine  reinschauen kann.

Aber bevor es in die Kabine ging haben wir noch einen Tisch zugeordnet bekommen. Das heißt, das Urlaubs-Kleeblatt hat erfahren, dass es jede Mahlzeit im Restaurant „Wolga“ an Tisch 28 einnehmen würde. Soweit, so gut.

Dann also gingen wir los, unsere Kabine zu erobern. Und das war mal eine echte Überraschung. Ich kann euch sagen. Wir haben uns einen abgegeiert und wie immer alles mit Humor so genommen, wie es eben ist. Diese Kabine wäre das ideale Urlaubsdomizil für Fans von Wohnwagen im Niedrigpreis-Segment. Man kommt sich darin vor wie Happy Hippo im Setzkasten Paradies. Die Kabine hat ein Fenster zum runter und hoch schieben wie im Zugabteil der Regionalbahn. Rechts und links des Fensters befindet sich je ein Bett, ähnlich der Größe der Sitzbänke eines Bahnabteils. Alles erinnert an ein Schlafwagenabteil der 80-er Jahre. Vor dem Schlafbereich befinden sich linkerhand zwei Kleiderschränke, die ausreichend Platz für zwei Frauen bieten, die keine Fashion Victims sind, eben modeunabhängig und praktisch veranlagt wie Ingrid und ich es sind. Das „Ankleidezimmer“ vor den Kleiderschränken ist gleichzeitig unser Eingangsbereich und die Garderobe, wo wir Gäste empfangen könnten, wenn denn welche kämen. Zwischen dem „Ankleidezimmer“ und dem Schlaf-/ Wohnbereich steht ein kleiner Kühlschrank, der immerhin 6 x 1,5 l Wasser aufnehmen kann. Für Sekt und Kaviar ist leider kein Platz. Deswegen wird es auch nichts mit Besuchern. Man kann nicht alles haben.

Gegenüber den Kleiderschränken befindet sich hinter einer wasserdichten Tür unser exklusiver Wellnessbereich in hellgelbem Plastik. Die Ausstattung würde ich durchaus als abenteuerlich bezeichnen. Ich habe sowas vorher jedenfalls weder gesehen noch benutzt. Der Knüller schlechthin. Links neben dem Eingang befindet sich ein sehr kleines Handwaschbecken mit einem Warmwasser- und einem Kaltwasserhahn. Zwei Zahnputzbecherhalter und zwei Seifenschälchen sind mit der Plastikwand verschraubt. Rechts neben der Tür findet man hinter einem Duschvorhang das WC mit einem Druckspüler. Aber wo, so fragt sich der unerfahrene Schiffspassagier, ist hier denn blos die Dusche??? Die Lösung des Rätsel findet man am Waschbecken. Die Mischbatterie ist der gut getarnte Duschkopf. Zieht man den aus der Verankerung hoch, dann kommt ein Spiralschlauch zum Vorschein. Man hängt den Duschkopf in eine Halterung neben der Tür und los geht das Duschvergnügen. Das Wasser verschwindet durch einen Bodenabfluss. Der Duschvorhang dient dem Schutz von Toilette und Handtüchern. Alles andere wird einfach klitschnass. Diese Installation macht dem Namen Nasszelle alle Ehre. Man könnte aber auch den morgendlichen Gang zur Toilette, das Zähneputzen und das Duschvergnügen zusammenlegen. Okay, mehr Details sind an der Stelle unerwünscht. Ich versteh schon.

Ingrid und ich haben diesen Wellnessbereich gleich nach der Ankunft ausgiebig getestet, unsere Koffer komplett ausgepackt und schwebten dann frisch und schön gemacht zum ersten Abendessen im Restaurant „Wolga“.

Da erwartete mich gleich die nächste Überraschung. Anders als bei den beiden Schiffsreisen, die ich bisher gemacht hatte, gab es hier kein Buffet. Das Essen wurde am Tisch serviert. Wir erfuhren, dass man das Essen immer für den folgenden Tag vorbestellen sollte. Bei der ersten Mahlzeit an diesem Abend bekamen alle das Gleiche serviert. Für den Samstag wurden wir aufgefordert, zu wählen. Mittags gab es immer 4 Gänge – Salat, Suppe, Hauptspeise und Nachtisch. Abends dann an jedem Tag 3 Gänge – Salat, Hauptgang und Nachtisch. Aber man konnte zwischen zwei oder drei Gerichten wählen. Meist Fisch, Fleisch, Vegetarisches.


Ehrlich gesagt, passte mir das ganz und gar nicht in den Kram. Ich war bisher mit Buffet immer sehr gut gefahren, hatte in keinem der vorher gegangenen Urlaubsreisen zugenommen. Und das befürchtete ich diesmal. Diese Gedanken verdüsterte meine Laune erheblich. Aber, wie sich später herausstellte, waren meine Befürchtungen unberechtigt.

¾ unseres Reisekleeblattes wollte noch von Bord an dem Abend. Ich nicht. Mir war nicht nach Aktion zumute. Ich dachte, dass ich mich mit nem Buch und ner Flasche Wasser aufs Oberdeck setze und abwechselnd ins Buch und aufs Wasser gucke. Aber die Idee hatten andere vor mir auch schon und so konnte ich keinen Sitzplatz finden und im Stehen liest es sich so schlecht. Habe ich eben in der Kabine gesessen und mein Reisetagebuch begonnen.

Später bereute ich schon, nicht mit dem ¾ Kleeblatt mitgegangen zu sein. Denn wie ich  hörte, hatten sie viel Spaß. Sie trafen beispielsweise in einem nahe gelegenen Supermarkt auf einen freiberuflichen Wodka-Fachberater, der ihnen den ausgewählten Wodka aus dem Einkaufskorb nahm,  wieder ins Regal zurück stellte und gegen ne andere Sorte austauschte. Natürlich erwartete er dafür eine Gegenleistung in Form von „nem Hieb aus der Flasche“. Hat leider nicht geklappt. Die Welt ist undankbar.

Das ¾ Kleeblatt ging dann noch an ner Schaschlik-Bude ne Nase Bratenduft einatmen bevor die drei wieder an Bord kamen. In den folgenden Tagen hörte Ingrid gar nicht mehr auf, von Spießen mit gebratenem Fleisch zu schwärmen. Wer daraus Rückschlüsse auf die Qualität des Essens an Bord zieht ist auch so ein Schelm.

Gegen 23:30 Uhr ging in unserer Luxus-Schuhschachtel-Kabine das Licht aus.
Gute N8 – erste N8

Der Kreml

Der Rote Platz

Am Samstag, den 17.07.2010 in Moskau

Wir wurden mit einem Morgenritual geweckt, was uns in den folgenden Tagen noch Kopfschmerzen machen wird. Aber an diesem Morgen fanden wir es noch lustig. Erst kommt sanftes und leises Vogelgezwitscher (natürlich aus dem Kabinenlautsprecher), dann steigert sich die Lautstärke allmählich und die Vögel zwitschern, als wären sie auf Ecstasy. Darauf folgt ein elektronischer Hahn, der lauthals und kräftig kräht. Der Chef Reiseleiter an Bord des Schiffes gibt bekannt, welchen Tag wir haben, wie das Wetter gerade ist und wie es den Tag über werden soll. Und er beschreibt kurz was an dem Tag anliegt und ab wann es nun Frühstück gibt. Gefolgt wird diese Ansage von  einer Episode des kleinen Nils, den sicher jeder aus dem Radio kennt. Danach der Song von den Gebrüdern Blattschuss „Noch ‚`n Toast, noch `n Ei, noch `n Kaffee noch `n Brei, etwas Marmelade, etwas Konfitüre“. Was dann kam, habe ich nicht mehr gehört, da planschte ich bereits in unserer Wellness Oase.

Beim Frühstück an Bord gibt es dann doch mal Buffet. Das machte mir Hoffnung auf abwechslungsreiches Angebot. Aber leider war die Auswahl sehr überschaubar und jeden Tag gleich. Ich bin ein großer Frühstücks-Fan und liebe es herzhaft. Das schmeißt bei mir den Motor an, wie bei anderen ein Kaffee und ne Zigarette die Lebensgeister weckt.

Um 08:45 Uhr standen die Busse vor dem Schiff bereit und nahezu alle Passagiere stiegen ein, um an der 3-stündigen Stadtrundfahrt teilzunehmen. Wir alle waren gespannt auf diese imposante Stadt. Und das Wetter war Bombe. Als Reiseführerin bekamen wir Raissa, eine lebhafte und energische Moskauer Rentnerin mit Herz und Schnauze und umfassenden Geschichtskenntnissen. Mein Bauchgefühl sagte mir zwar, dass sie früher mal ne Linientreue gewesen sein musste. Aber das schob ich mal der guten Laune wegen in den hintersten Winkel meines Oberstübchens. Lassen wir sie mal machen.

Wir fuhren bis zum Kreml und von da ging es zu Fuß weiter. Da bei einer großen Gruppe nicht immer alle dicht bei der Reiseleiterin stehen können und somit alles hören und verstehen werden, verlegte ich mich gleich mal aufs Fotografieren. Mir war es nicht so wichtig, jedes einzelne Wort von Raissa mitzubekommen. Fotos waren für mich zu jedem Zeitpunkt der Reise vorrangig.

Das Kaufhaus GUM

Lenin lebt wieder. 1980 habe ich ihn mit eigenen Augen tot gesehen im Mausoleum des Kreml. Und jetzt ist er mir über den Weg gelaufen. Damals hatte vielleicht Madam Tussaud ihre Finger im Spiel und ich habe ne Wachsfigur gesehen. Der Lenin hier auf dem Foto war aber äußerst lebendig und marschierte auf dem Roten Platz herum. Er wollte eigentlich Geld für jedes Fotos was man schoß. Aber ich war als Foto-Raubritterin unterwegs. Abdrücken und wegrennen mit einen schimpfenden Lenin im Nacken.

Vor dieser Kulisse kam ich mir dann gleich vor wie auf einer Zeitreise.

 Um die aus dem Jahre 1555 stammende Basilius Kathedrale nicht nur im Gegenlicht aufs Foto zu bekommen, mussten wir einmal ans andere Ende des Roten Platzes marschieren.

Und die gestrenge Frau Raissa gab uns nur 15 Minuten Zeit.

Dann sollte sich die Gruppe wieder abmarschbereit zusammen finden, denn der gemeinsame Besuch des Kaufhause Gum stand an. Dafür war die doppelte Zeit veranschlagt. Versteh einer die Frau. Mir war irgendwie garnicht nach Edelboutiquen und Kosmetiksalons. Die kann ich auch in Frankfurt oder München anschauen. Wir sind jedenfalls wie die Wiesel losgerannt um schöne Fotos in den Kasten zu bekommen und die knappe Zeit auszunutzen.

Kurz und gut oder zu kurz aber gut…. wir haben Raissa und den Rest der „Herde“ verloren. Als wir zum Treffpunkt zurück kamen, waren alle weg. Wir, das Kleeblatt, sind dann einfach mal rein ins Gum und haben uns umgeschaut. Wann immer wir eine der anderen Reisegruppen von unserem Schiff trafen, fragten wir nach Raissa, aber keine hatte sie gesehen. Irgendwann, kurz vor Ablauf der Zeit haben wir den Treffpunkt erfahren. Ehe es wieder zum Bus zurück ging, sind wir schnell mal noch ausgebüchst und haben die Nasen in diese schöne Kathedrale reingesteckt. Immer ein Auge auf Raissa und eins auf all die Sehenswürdigeiten.

Unsere Zeit für die Stadtrundfahrt und Besichtigung war um und Raissa drängte darauf, dass die Gruppe schnurstracks und möglich geschlossen zum Bus zurück ging. Sie war darauf bedacht, dass wir im Zeitplan blieben und pünktlich zum Mittagessen wieder am Schiffsaufleger und auf der „Novikov Proboi“ waren. Natürlich hätten wir so eine Besichtigung auch auf eigene Faust unternehmen können. Das stand uns frei. Aber bei 36-38°C ist es schon sehr komfortabel, nach so einem Rundgang wieder im klimatisierten Bus zum Schiff zurück gebracht zu werden, anstatt die U-Bahn zu nehmen. Also nahmen wir Raissas Drängelei billigend in Kauf. Und die historischen Infos von Raissa hätten uns schon auch gefehlt. Sie war ein bisschen wie eine strenge Lehrerin. Wir mimten also die braven Schüler. Das Mittagessen hätten wir zwar nicht allzu dringend gebraucht, aber ein klein wenig hungrig waren wir nach der Rennerei schon. Die Portionen auf dem Schiff entsprachen eh mehr einem Kinderteller. In dem Fall wäre die Bezeichnung Seniorenteller wohl zutreffender. Das Essen war immer magenfreundlich schwach gewürzt und Fleisch, Fisch und Gemüse waren passend für die dritten Zähne garantiert weich gekocht oder klein geschnetzelt. Auf alle Fälle hielt sich meine Sorge, erheblich zuzunehmen, nach einigen Mahlzeiten mehr und mehr in Grenzen. Mir fiel auf, dass die Senioren sich zum Mittagessen schon gerne mal ein kühles Bierchen gönnten. Erstaunlich, denn mir wäre bei der enormen Hitze der Alkohol am Mittag gar nicht gut bekommen. Das sahen meine Mitreisenden, die Mitglieder des Kleeblatts, genauso. Und so hielten wir uns immer schön an Mineralwasser. Aber jeder nach seiner Fasson.

Nach einer kleinen Session zur Augenpflege – auch Mittagsschläfchen genannt – ging es am frühen Nachmittag wieder mit Raissa auf Tour. Diesmal stand eine Besichtigung des Moskauer Kreml auf dem Programm. Ich gestehe, dass ich bis dahin dachte, der Kreml gehört nach Moskau und es gäbe nur den einen.  Aber da habe ich wohl in der Schule wieder mal nicht richtig aufgepasst, denn einen Kreml haben auch andere russische Städte . Wir  sollten im Laufe der Reise noch einen anderen zu sehen bekommen.

Als wir bei Ankunft am Kreml aus dem Bus steigen wollen, erfahren wir von Raissa, dass alle Taschen und Rucksäcke im Bus bleiben müssen. Wir mussten eine Sicherheitsschleuse passieren und dort wird dann jeder raus gefischt, der Gepäck bei sich hat. Dumm nur, dass wir das so spät erfahren. Hätten wir doch ein kleineres Handtäschchen genommen. So bleibt mir nichts anderes übrig, als eine Kamera um den Hals zu hängen, die andere in die eine Hand und ne Wasserflasche in die andere Hand. Portemonnaies bleiben allesamt im Bus. Ein ungutes Gefühl. Ich überlege echt, ob ich besser auf den Kremlbesuch verzichten soll. Denn der Busfahrer hätte in Ruhe Gelegenheit alle Taschen zu durchstöbern. Aber ich bin das Risiko dann eingegangen. Der Fotos zuliebe.

Raissa erzählte sehr viel Historisches. Viele, viele Daten und Fakten. Zuviel für mich. Ich ging ein bisschen herum und fotografierte. Einmal sah ich auf der anderen Straßenseite einen Platz im Schatten unter einem großen Baum, den ich als guten Standort ansah, um von da aus ein paar Schnappschüsse zu machen, die sonst nur voll gegen die Sonne möglich gewesen wären. Zielstrebig marschierte ich über die Straße und passierte eine durchgezogene weiße Linie. Da ich ja kein Auto bin, dachte ich, das wär kein Problem. Denkste!! Ein schriller Pfiff aus einer Trillerpfeife ertönte. Alle schauten in Richtung eines Milizionärs. Der fuchtelte wild mit den Armen und machte mir deutlich, ich möge umgehend zurück gehen. Huch!! Der meinte echt mich und nur mich. Da er ne Knarre umhängen hatte – sicher ne Kalaschnikow – machte ich mal lieber, was er verlangte. Nobody knows. **grins**
Ingrid scherzte: „Du kommst jetzt sofort hier her zu mir. Und wenn du nicht brav bist, dann gehst du gleich an der Hand.“

Im weiteren Verlauf des Nachmittags fiel ich dann nicht mehr negativ auf, wenn man mal davon absieht, dass ich in voller Montur durch die Rasensprenger der Grünanlagen sprang. Aber das war lebensrettende Maßnahme, denn ich stand kurz vor nem Sonnenstich. Und es hat auch keiner groß gesehen. Jedenfalls kein böser Milizionär. Wir hörten immer wieder, dass es in Russland seit 1933 keinen so extrem heißen Sommer gegeben hat. Von der Stirne heiß rinnt der Schweiz.

Die Gruppe ging in zwei Kathedralen, ich nur in eine. Es gab einfach zu viel Gedränge und das war mir bei der Hitze nur noch unangenehm. Um 17 Uhr kehrten wir zum Bus zurück. Mein Geld war noch da. Uff. Glück gehabt.

Wir nutzten die Zeit an Bord um ein wenig runter zu kühlen, das Abendessen einzunehmen und die Füße hoch zu legen. Denn für 21 Uhr gab es den dritten Ausflug des Tages. Die Moskauer Metro bei Nacht. Darauf freute ich mich schon sehr. Und mit wem sonst, als mit Raissa sollte dieser Ausflug stattfinden.

Am Samstagabend ging es also in den Untergrund der Stadt, in die Metro. Raissa besuchte mit uns die 5 schönsten Stationen, d.h. die Stationen, die am prunkvollsten gestaltet sind. Nicht alle haben mir gut gefallen. Die, die an die Sowjetzeit erinnern mit Hammer, Sichel, Ehrenkranz und den Leninabbildungen, die sind nicht so mein Fall. Klar, das ist russische Geschichte. Aber meine Abneigung gegen diese Symbole hat widerum mit meiner Geschichte zu tun.

Sehr selber. Die Fotos sprechen (hoffentlich) für sich.
Ab gehts, abwärts. Teilweise bis zu 74m in die Tiefe.

Der Zug kommt.

Lebensgroße Bronzefiguren. Auch sehr beeindruckend.

Wieder aufgetaucht, war es mittlerweile dunkel geworden.
Hier der Blick aufs Bolschoi Theater im Abendlicht. Leider mit Kran.

Dann noch mal schnell schauen, wie der Rote Platz am Abend aussieht.


Der Abend endete am Schiffsanleger in einer gemütlichen kleinen Kneipe. Ingrid und ich hatten gegen 23 Uhr nochmal Hunger und nahmen ne kleine Suppe zu uns. Eine Tasse russischer Borschtsch mit saurer Sahne.

Dazu gabs ein Glas „Sibirskaja Korona“ (Sibierische Krone)

Sonntag, 18.07.2010
Das unvermeidliche morgendliche Weckritual traf scheinbar nur Ingrid und mich. Das lag daran, dass man in allen Kabinen die Lautsprecheranlage ausschalten konnte. Nur in unserer Kabine war der „Aus-Knopf“ kaputt. Immerhin konnten wir das Radio ganz leise drehen. Aber eben nicht völlig aus. Ingrid sprach den Reiseleiter auf das Problem an und bat ihn, eine Lösung zu finden. Er meinte lapidar, es wäre eben ein altes Schiff. Sicher hat es ihn persönlich getroffen, das wir seinen  „wunderbaren Radio-Wecker“ so wenig mochten. Um zu verhindern, dass er bei seinem Morgenspektakel gar keine Zuhörer haben würde, beschloss er, uns zur Zwangsberieselung zu verdonnern.  Ingrid und ich hatten keine Lust, uns allzu sehr drüber aufzuregen. Es lohnte sich in dem Fall wirklich nicht.

Dieser sonnige Tag würde unser letzter in Moskau sein. Um 14 Uhr sollte es dann heißen: Leinen los. Aber vorher wollten wir uns noch einen Extraausflug gönnen. Eine schöne Stadtrundfahrt per Boot auf der Moskwa.  Wie immer brachte man uns mit dem Bus zum Ableger der Ausflugsboote. Obwohl Raissa sich am Vorabend schon von uns verabschiedet hatte (nicht ohne auf die gute alte Sitte hinzuweisen, dass man Reiseleitern Trinkgeld gibt), tauchte sie am Morgen wieder am Bus auf. Sie war für eine erkrankte Kollegin eingesprungen. Erstaunlich energiegeladen, die alte Lady. Uns war es sehr recht, sie wieder dabei zu haben. Schließlich waren wir mittlerweile auch an sie und ihre Art gewöhnt. Nur sie sollte mal ja nicht denken, dass sie auf diese Weise zweimal Trinkgeld abgreifen konnte.

An Bord des Bootes merkte man gleich, dass es ein Zuzahl-Ausflug war. Man bot uns Sekt an und auch wieder den obligatorischen Wodka, den man uns immer und überall hinterher trug. Nur auf der „Novikov Proboi“ kostete jeder Wodka 2€ extra. Hier war er im Ausflugspreis enthalten. Trotzdem rührte ich ihn nicht an. Man kann doch nicht nach dem Frühstück schon mit Alkohol anfangen. Oder? Es scheint, Russen finden das normal. Vielleicht wollten sie uns auch nur abfüllen. Denn später gab es russische Schokolade zum Probieren. Und es stand die nette Aufforderung im Raum, gleich ein paar Täfelchen zu kaufen.

Anfangs fuhren wir eine Zeit lang flussaufwärts, was ich eher langweilig und unattraktiv fand. Zum Glück drehte das Boot nach einigen Minuten und es ging in die andere Richtung weiter.

Dort gab es wieder mehr zu sehen. Noch einmal kamen der Kreml und Basilius Kathedrale vor die Linse.

 

Endlich bekam ich auch mal das 1996 erbaute Marine-Denkmal vor die Linse.


Nach dem Ende der Bootsfahrt hatten wir noch einmal Zeit zur freien Verfügung. Raissa setzte uns im Moskauer Viertel „Alter Arbat“ ab. Sie hatte scheinbar wenig Vertrauen in unser Orientierungsvermögen und erklärte wieder und wieder wann und wo wir uns wieder treffen würden, um gemeinsam zu „unserem Schiff“ zurück zu fahren.

Der Alte Arbat könnte eines Tages, wenn es sehr gut läuft, mal das Montmartre Moskaus werden. Es ist eine Fußgängerzone, die unter Denkmalschutz gestellt wurde, weil es schöne alte Häuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert gibt, die in einem hervorragenden Zustand sind. Wir sind dort in der Mittagszeit herum gelaufen und es war wirklich wenig los. Außer den immer und überall präsenten Straßenhändler, die recht geschmacklose Souvenirs anbieten, war kaum einer da. Auch keine Straßenmaler, Gaukler, Jongleure oder andere Künstler, die man dort laut Reiseführer gewöhnlich finden kann. Die sind dann wahrscheinlich eher am Abend und bis in die Nacht hinein da. Kurz und nicht gut, ich hatte mehr erwartet, nachdem was ich drüber gelesen hatte. Dennoch konnte ich ein paar Schnappschüsse machen, die ich euch nicht vorenthalten möchte.

Alt und neu dicht beieinander.

Das „Hardrock Cafè Moskow“ befindet sich hier auch.

Es gab dort auch schöne kleine Lädchen, wo man sowas hier kaufen konnte.

Einen besonderen Platz, die Gedenkstätte für das 1990 im Alter von 28 Jahren verstorbene Jugend Idol, den Rockstar Wiktor Zoi, entdeckten wir am Alten Arbat mehr oder weniger per Zufall. Grafitti sieht man sonst in Moskau eher selten.

An manchen Fassaden fand man außen solche Gemälde.

Irgendwann war unsere Zeit um und wir nahmen erst Abschied vom Alten Arbat und  später dann auch von Moskau.

Am Nachmittag gegen 14:30 Uhr verließen wir also Moskau und machten uns auf den Weg gen Norden. Die „Novikov Proboi“ sollte zunächst 10 Stunden lang den 125km langen Moskwa-Wolga Kanal befahren, um zum Fluss Wolga zu gelangen. Der Kanal, der 44km länger als der Panama Kanal ist, wurde im Jahre 1937 nach nur 5 Jahren Bauzeit (durch den Einsatz von sehr vielen Strafgefangenen) für den Verkehr frei gegeben (zum Vgl., die Bauzeit des Panama Kanals betrug 30 Jahre). Er verbindet nicht nur die Stadt Moskau mit der Wolga, er dient seither auch als ein zusätzlicher und recht kurzer Verkehrsweg in den hohen Norden. Weiterhin versorgt der Moskwa-Wolga Kanal die Großstadt mit ausreichend Trinkwasser. Und last but not least wird der Kanal durch den Einsatz von Wasserkraftwerken auch für die Stromversorgung der Millionenstadt Moskau genutzt. Er ist im Durchschnitt 5,5m tief und 85m breit und kann von Schiffen bis 18.000 Tonnen befahren werden.

Wir schauten bei Ausfahrt aus Moskau den Moskovietern beim Baden zu. Die russischen Begleiter auf dem Schiff erzählten, dass das Baden im Kanal sonst nicht so besonders beliebt wäre, weil das Wasser doch recht kalt sei. Aber in diesem Sommer war alles anders. Es war seit Wochen so enorm warm, dass der Kanal schönes warmes Wasser führte. Leider zeigte dieser Jahrhundert-Sommer, der angeblich der heisseste seit 1933 gewesen sein soll, sein anderes und grausames Gesicht. Denn ungefähr 10 Tage später setzten die verheerenden Wald- und Torfbrände ein.

Aber an diesem sonnigen Sonntag war die Welt noch in Ordnung. Wir sahen alle paar Meter Leute in Badesachen ins Wasser steigen, am Strand Party machen. Immer wieder zeigte der Rauch von Grills an, dass die Sommerfrischler den arbeitsfreien Tag bei einigen Würstchen und ner Flasche Bier genießen wollten. An einer Stelle sahen wir im Vorbeifahren einen grauen Anzug mitsamt Krawatte und weißem Hemd auf einem Bügel am Baum hängen. Da hatte sich wohl einer gleich nach (oder vor?) der Arbeit auf den Weg zum Wasser gemacht.

An Bord passierte in den folgenden Stunden nicht viel. Dafür passierten wir mit dem Schiff auf den kommenden 74km insgesamt 6  Schleusen gleicher Größe und Bauart. —für die, die es interessiert—- Es handelt sich dabei um Einkammerschleusen von 290m Länge, 30m Breite und 5,5m Tiefe. Dabei überwand „unser kleines Boot“ jeweils Höhenunterschiede zwischen 6 und 11 Metern. Während einer Schleusung müssen bei 8m Höhenunterschied ca. 70.000 Kubikmeter Wasser aus der geschlossenen Schleuse heraus gelassen werden, um den niedrigeren Wasserstand zu erreichen.  Technisch interessierte Passagiere konnten in den kommenden Stunden um 19:00 Uhr die 40-minütige Passage der Schleuse Nr. 6 beobachten, um 20 Uhr Schleuse Nr. 5, um 21:40 Uhr Schleuse Nr. 4, um 23 Uhr Schleuse Nr. 3, um 03:30 Uhr Schleuse Nr. 2 und endlich dann um 05:35 Uhr war der letzte Schleusengang durch die Nr. 2 dran. Dann konnte der Technik-Freak schlafen gehen.
Ich schaute mir die ersten beiden Schleusungen an, dann hatte ich ausreichend gesehen, wie sowas geht. Und damit gut.

Auch wenn es am Morgen kein Ausflugsprogramm geben würde, auf die dämliche Laberei des Herrn Chef-Reiseleiters war Verlaß. Die kam immer. Und auch für Montagmorgen war der Weckruf auf 7 Uhr angesetzt. **grrrrrrmpfffffff** Also gingen wir brav gegen 23 Uhr in die Heia.

Montag, 19.07.2010
An diesem Tag ist Uglitsch unser Reiseziel. Das wird gegen 16 Uhr der erste Halt auf der Schiffsreise nach St. Petersburg sein. Doch bevor es soweit ist, gibt es an Bord eine Seenot-Übungsalarm. Dies ist gemäß internationalem Seerecht Pflicht für alle Passagierschiffe und jeder Passagier muss teilnehmen, ob er will oder nicht. Dabei muss jedermann und jede Frau die Rettungsweste anlegen, die unter dem jeweiligen Bett in der Kabine zu finden ist. Auf der „Novikov Priboi“ sind diese Westen von einer sehr altmodischen Bauart und für mich wenig vertrauenserweckend. Irgendwie komische Styroporwürfel in Folie verpackt mit langen orange Bändern dran. Diese werden zwischen den Beinen durch gefädelt und dann umständlich verknotet. Nicht richtig gebunden, und du säufst im Ernstfall jämmerlich ab. Es gibt Fotos von mir in dem Aufzug. Die werden hier aber nicht gezeigt. 🙂 Keine Angst.

Um 16 Uhr machte das Schiff also im Hafen von Uglitsch fest. Die Stadt gibt es schon ne ganze Weile. Genauer gesagt, seit dem Jahr 937. Sie gehört zu den Städten des sog. „Goldenen Ring“. Ihre Blütezeit erlebte Uglitsch in der 2.Hälfte des 15. Jahrhunderts. Damals gab es dort sogar eine eigene Münzprägung. Vorher und nachher wurde die Stadt mehrfach in Kämpfen mit den Mongolen und bei innerrussischen Auseinandersetzungen niedergebrannt. Dadurch konnte sie ihre Position nicht so recht ausbauen und nie zu wirklicher Stärke gelangen. Durch eine besondere Begebenheit in der russischen Geschichte ist Uglitsch aber sehr bekannt geworden. Im Jahr 1584 wurde nach dem Tod von Zar Iwan dem Schrecklichen dessen Witwe Maria Nagaja mit dem jüngsten Zarensohn Demetrios nach Uglitsch verbannt. Sieben Jahre später kam der 9-jährige Junge unter ungeklärten Umständen beim Spielen im Garten ums Leben. Der offiziellen Version soll er während eines Epilepsianfalles in ein Messer gestürzt sein. Gerüchte brachten aber den Tod des Jungen mit dem Bojaren Boris Godunow in Verbindung, den auch Puschkin in seinem gleichnamigen Drama bezichtigt, den Jungen umgebracht zu haben. Wir werden es nie erfahren, wie es wirklich war. Wenn es um Macht und Geld geht, scheut mancher nicht mal vor einem Mord zurück.

Wir gingen  von Bord und die Gruppen gingen Richtung Ulgitscher Kreml.
Der ist auch momentan hier im Header des Blogs zu sehen.

Zuerst passierten wir einen kleinen Straßen Markt und nahmen uns vor, auf dem Rückweg mal genauer hin zu schauen um vielleicht das eine oder andere Mitbringsel finden zu können. Auf einem zentralen Platz in der Ortsmitte erwartete uns Ljudmilla, eine ortsansässige Reiseleiterin.

Es ist üblich, dass unsere Reiseleiter, die uns während der gesamten Reise auf dem Schiff begleiten, die Leitung der Gruppe an eine Person aus dem jeweiligen Ort übergeben, sobald wir an Land gehen. So haben die Stadtführer im Hinterland auch die Chance, ein wenig Geld zu verdienen. Meist haben diese ja auch die besseren Ortskenntnisse.

Wir haben uns zunächst mehr oder weniger über Ljudmilla amüsiert. Allein ihre Aufmachung war regelrecht erheiternd. Jedoch ihre Art mit uns zu sprechen, als wären wir kleine Schulkinder, ihr ständige Forderung nach Disziplin und Aufmerksamkeit, ihr schulmeisterisches Abfragen von Fakten, und die Tatsache, dass sie für die Antworten Schulnoten vergab, gefiel mir ganz und gar nicht. Deshalb wanderte ich lieber wieder ein bisschen alleine auf dem Gelände herum und machte Fotos.

Als wir uns ein wenig von der Gruppe abseilten, trafen wir auf Lena, unsere Reiseleiterin vom Schiff. Sie erzählte uns über Ljudmilla und wie sehr diese heute aufgeregt war und hoffte, einen guten Job zu machen. Denn sie hat ein schweres Schicksal zu ertragen. Vor Kurzem erst hat sie ihren Mann verloren, der an Krebs gestorben war. Ihre beiden erwachsenen Söhne können sie nicht unterstützen. Der eine ist mittlerweile auch totkrank, ist ebenfalls unheilbar an Krebs erkrankt. Der andere Sohn liegt nach einer Auseinandersetzung unter Soldaten schwer verletzt im Krankenhaus. Er müsste dringend operiert werden, aber dafür fehlt der Familie das Geld. Zu Sowjetzeiten waren Behandlungen beim Arzt oder Krankenhausaufenthalte kostenlos gewesen. Heute muss alles von den Leuten selbst bezahlt werden. Und wer das Geld nicht hat ist im Nachteil.

Für Ljudmilla stand also mit diesem Tag als Reiseleiterin sehr viel auf dem Spiel. Sie wollte beweisen, dass sie es kann und gut macht. Denn sie hoffte so sehr, dass sie mehr solche Jobs bekommen würde um ihren Jungs helfen zu können. Die Geschichte hinter der Geschichte hat mich sehr berührt und so sah ich Ljudmilla dann auch mit anderen Augen. Und sie wirkte auf einmal nicht mehr lächerlich und skuril.  Ich schämte mich sogar ein bisschen, dass ich mich anfangs über sie lustig gemacht hatte. Sie ging uns an diesem Tag und auch darüber hinaus nicht so schnell aus dem Kopf.

Zurück auf dem Schiff legten wir am Abend in Uglitsch ab und die Reise ging weiter.
Wir taten es nicht dieser Kirche gleich. Wir gingen nicht unter.

Es gab immer wieder Kirchen zu sehen. Viele waren zerstört, andere wurden gerade renoviert.

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6 Antworten zu Väterchen Russland °°2010°°

  1. Elke schreibt:

    Klasse !!
    wie spannend.
    St. Petersburg im Sommer
    ist ein Traum von mir.
    habe es ja nur im eisigen Winter
    erlebt.
    War aber trotzdem toll.

  2. sunny11178 schreibt:

    Wow, das klingt gigantisch! Ich freu mich heute schon auf deinen Reisebericht und die Fotos! Ich war vor einigen Jahren im Oktober in Moskau, es war eisig und hat geschneit. Aber ich war begeistert. Im Bolschoi war ich damals auch, ein tolles Erlebnis…
    St. Petersburg ist auch noch ein Traum von mir.
    Vielleicht buche ich ja auf Empfehlung von dir auch mal diese Tour 😉
    LG Sunny (die jetzt endlich anfangen kann zu packen)

  3. marie418 schreibt:

    Eine super Reise wird das – eine ganz andere Art, als das letzte Mal in Ägypten. Da käme ich sehr gerne mit.

  4. Anna-Lena schreibt:

    Das klingt spannend und sehr erlebnisreich.
    Auch ich freue mich schon auf deinen Bericht und viele Fotos.

  5. april schreibt:

    Wow, das liest sich toll; ich bin dann auch schon gespannt auf deinen Bericht. Das wäre ein Reiseziel, das uns auch interessieren würde. Dann freu‘ dich mal drauf.

  6. Super Reiseberichte, alle 3… nur fehlt mir beim letzten ein wenig , geht der noch irgenwo weiter? Ich danke dir jedenfalls, du hast eine tolle Art zu schreiben. LG Barbara (bei ww – kruemelmosnter3)

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