Mein 09.November 1989

Bei Tonari habe ich diese sehr interessante Aktion gefunden. Ich weigere mich, sie ein „Stöckchen“ zu nennen. Denn ich hasse Stöckchen, weil die meist völlig sinnfrei sind. Und das hier ist ganz wunderbar. Eine schöne Idee.

Nun denn….. dann will ich mal.
An diesem 09. November 1989 saß ich fassungslos vor Freude und Verwunderung vor dem Fernseher und die Tränen rollten unkontrolliert. Aber das störte mich nicht. Zu gerne hätte ich meine Eltern angerufen und mich mit ihnen über die Ereignisse ausgetauscht und meine Freude mitgeteilt. Aber ein Telefon hatten sie damals noch nicht.

Es war an diesem Tag mehr als 6 Jahre her, dass ich meiner Eltern zuletzt gesehen hatte. Im Sommer 1983 war ich mit meinen beiden Söhnen und hochoffiziellen Papieren (Urkunde zur Entlassung aus der Staatbürgerschaft der DDR) ausgereist und nach NRW zu meinem Ehemann übergesiedelt. Danach hat man mir nie wieder eine Einreisegenehmigung in die DDR erteilt. Nicht zur Silberhochzeit meiner Eltern und noch nicht mal zur Beerdigung meiner Großeltern. Ohne Kommentar abgelehnt. Ich hatte schließlich der DDR den Rücken gekehrt und  (O-Ton der Behörden damals) „meine Karriere als Frau im Sozialismus“ verschenkt. Dafür ließ man mich dann eben so büßen.

Vor dem 09.November hatte ich schon immer die Montagsdemonstrationen verfolgt und ich hatte irgendwie Angst um diese mutigen Menschen. Denn der Staatsführung traute ich auch zu, dass sie Panzer auffahren und alle über den Haufen schießen könnten. Und wenn das passiert wäre, dann hätte es Krieg gegeben. Bürgerkrieg. Es war eine Zeit der Hoffnung und der Ängste, aber auch der Freude und des Stolzes. Was diese Leute damals geleistet haben, das wird viel zu wenig gewürdigt. „Wir sind das Volk“. Da krieg ich noch heute Gänsehaut.

Es ist eine Tatsache, dass es unter den Leuten des ehemaligen Ostens immer schon einen besonderen Zusammenhalt gab. Das Leben war ja auch völlig anders als im Westen. Klar, die Menschen im Westen hatten es nach dem Krieg natürlich auch schwer wieder auf die Beine zu kommen. Aber sie lebten geopraphisch und ideologisch in Freiheit. Das ist ein großer Unterschied. In der ehemaligen DDR musste man lernen, seine Gedanken immer sorgfältig zu filtern nach „strikt privat“ und „öffentlichkeitstauglich“. Man musste immer aufpassen, bloß nicht den falschen Leuten was anzuvertrauen. Richtig vertrauen konnte man jemandem nicht sofort sondern nur nach gründlicher Prüfung. Und auch uns ist es passiert, dass wir nach der Wende erfahren musste, dass IM’s im engen Freundeskreis hatten, die alles und vorallem sehr private Dinge zu Protokoll gegeben hatten. Da wird dir noch nachträglich ganz schlecht.

Für mich waren diese Zustände und vorallem der Zwang zu dieser gewissermaßen gespaltenen Denkweise einer der Gründe, weg zu gehen. Denn für mich gab es, zumindest Anfang der 80-er, keine konkreten Anzeichen einer nahenden Wende.

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18 Antworten zu Mein 09.November 1989

  1. ruediger schreibt:

    Auszureisen war ein mutiger Schritt. Wenn man Manfred Krugs Buch „Abgehauen“ kennt kann man nur ahnen, welchen Schikanen Du in dem Zusammenhang ausgesetzt gewesen sein musst.

  2. chinomso schreibt:

    Keinen. Ich habe mich (auf Rat ausgerechnet des o.g IM’s) niemals zu politischen Äußerungen hinreißen lassen und so konnten sie mir nix.
    Ich habe immer gesagt: „Ich will mit den Kindern zu meinem Mann. Die Kinder brauchen den Vater.“
    Und so habe ich auch nur ein Jahr warten müssen. Einzige Schikane waren die 24h von der Erteilung der Ausreisegenehmigung bis zum Grenzübertritt. Das war sehr hektisch. Vorallem wenn man mit zwei Kleinkindern reist.

    Aber sonst hatte ich Glück was das angeht.

  3. april schreibt:

    Wie dramatisch. Das macht auch mir eine Gänsehaut.

  4. ankeberlin schreibt:

    Ich habe das Stöckchen aufgenommen, auch wenn es keins sein sollte – es ist aber eine wunderbare Aktion! 🙂

    • chinomso schreibt:

      Anke, das ist schön. Ich bin sehr gespannt.

      Übrigens bist du mit diesem Kommentar im Spamfilter gelandet. Ich habe dich schnell raus geholt, bisschen sauber gemacht und nun glänzt du wieder. **grins**

  5. Anna-Lena schreibt:

    Danke, dass du deine eigenen Erfahrungen so unumwunden mitteilst. Wer das nicht selbst erlebt hat, kann das kaum nachvollsziehen.

    Ich erinnere mich auch noch sehr gut an diesen Tag.
    Mit hohem Fieber und einer satten Grippe lag ich im Bett (damals lebte ich in Berlin-Charlottenburg) und war völlig frustriert. Noch Jahre nach dem Referendariat sind wir mit dem „harten Kern“ unseres Hauptseminars einmal im Jahr übers Wochenende in den Frankenwald gefahren.
    Genau an diesem Tag waren alle nach Schulschluss losgefahren und ich konnte nicht mit.

    Als ich den Fernseher irgendwann abends einschaltete und sah, was los war, glaubte ich ernsthaft an Fieberhalluzinationen und machte vor Schreck wieder aus.
    Aber – neugierig geworden – schaltete ich wieder an und konnte kaum fassen, was ich da sah.

    Diese Freude hat mich schnell für das geplatzte Wochenende entschädigt.

  6. chinomso schreibt:

    Anna-Lena, jetzt wo du es sagst….. vllt. ist das alles nicht wirklich wahr geworden und wir befinden uns in deinem Fiebertraum? **grins**
    Das wär was. Da würde ich aber ein Veto einlegen, denn es ist schon gut wie es ist.

    Danke für deine Eindrücke.

  7. Elke schreibt:

    Danke für deine Erfahrungen.

    Ich hätte noch soviel zum Thema rundrum
    schreiben können..
    Was mir vor der Wende so alles wiederfahren ist..
    Sogar hier in Stockholm in meiner
    Firma hat die Sta…(unter dem Deckmantel DR) sich bei unseren Vorstand, als ich einen neuen Posten im
    Vorstand bekam, erkundigt für welche Angelegenheiten
    ich zuständig wäre etc..

  8. Elke schreibt:

    sorry..
    das ich deinen Blog ein wenig damit „missbraucht“ habe.

  9. chinomso schreibt:

    Nix sorry, Elke. Ich finds echt spannend und es passt hier doch erstklassig hin.

    Bei uns haben sie die Pakete geöffnet, die wir aus dem Westen bekommen haben und regelmässig die Briefe gelesen. Denn der Bruder meiner Mutter lebte in Bielefeld und da war die „Gefahr“ ja riesig, dass wir von Thüringen aus nen Tunnel bauen oder sowas.

  10. nicky-neck schreibt:

    Ohja, welch ein Tag- so weltbewegend und zukunftsändernd!!!
    Ich kam aus der Schule heim(damals zarte 12Jahre) und meine Ma saß vor dem TV und weinte und machte sich nicht die Mühe ihn auszumachen- bei uns gab es ja offiziell nur 2 Sender und diese wurden eigentlich erst zum Sandmännchen (an dieser Stelle sei auch es mal gegrüßt, weil es eines der wenigen Dinge ist, was sich aus dem Osten durchgesetzt hat und jetzt auch jeden Abend meine Kids ins Bett schicken darf ;oD)
    Es war echt krass und wir konnten endlich meine Uroma in W-Berlin besuchen (bei der war meine Ma früher als kleines Mädchen als die Mauer gebaut wurden (1961), da ihre Eltern beide voll berufstätig waren. Auch am Tag des Mauerbaus- meine Ma wurde dann noch von W-nach O-Berlin von einem Soldaten durchs Niemandsland getragen um zu ihren Eltern zu dürfen. Und dann Jahrzehnte später wurde diese Mauer endlich wieder geöffnet.
    Was dann kam, waren Reizüberflutung / Konsumrausch und Zukunftsangst und Existenzfragen. Dies gibt es bei vielen auch noch bis heute und deshalb auch heut die Aussage in den Nachrrichten.“ Ostbürger fühlen sich als Bürger 2ter Klasse.“
    Was macht ein LPGler heute?? Oder all die Berufe, die es gar nicht mehr gibt…
    Es war Wahnsinn diese Wendezeit und diese Erinnerungen und besonders diese Zeit (Okt-Nov). Denn das Brodeln im Staat haben wir auch schon als Kinder gespürt (besonders wenn man als Pionier am Tag der Republik (07.10.) mit seinen Winkelementen aufläuft und mit Knüppeln und Polizei/ NVA wieder auseinandergetrieben wird- da haben so viele Angst gehabt, das Panzer (die eben noch salutierten und paradierten (??) anderweilig zum Einsatz kommen).
    Okay, ich könnte auch noch´ne Menge schreiben…
    Schöne/ aber auch gänsehauttragende Zeit und Erinnerungen

  11. chinomso schreibt:

    Nicky, das war ja auch bei euch Spannung pur. Und ich wusste garnicht, dass du auch aus der DDR kommst. Haben wir uns nie drüber ausgetauscht. Gibt ja genug anderen Themen unter Igbo-Frauen. **grins**

    Meine Eltern waren 1961 auch mal in Westberlin. Da gab es die Mauer schon, aber ein paar Tage oder Wochen (muss nochmal nachfragen) konnte man wenigstens noch innerhalb Berlins frei reisen.
    Wäre ich an den Tag nicht bei meiner Oma zu Hause geblieben, dann wären meine Eltern von Westberlin mit meinem Onkel zusammen rüber nach Westfalen gefahren. Aber so? Die kleine Iris hat sie dazu gebracht, wieder brav nach Hause zu fahren. Und dann ist die kleine Iris mit 24 gen Westen „weggelaufen.“

  12. Anna-Lena schreibt:

    Danke für deinen berührenden Bericht. Ich werde ihn zu meinem Beitrag verlinken.
    LG Anna-Lena

  13. Lutz schreibt:

    Danke für deinen tollen Bericht. Ich schaue mir die Bilder heute noch an und es berührt mich heute noch. Dir ein schönes Wochenende.

  14. Ruthie schreibt:

    Ich gucke die Bilder auch immer fassungslos an. NIE hätte ich gedacht, dass ich das (noch) erleben würde! Wie megamutig von Dir, auszubüxen 😉 So bist Du, so kenn ich Dich! ♥

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